Tötungsdelikt

Was wir bisher über den tödlichen Horror von Höxter wissen

Ein Paar soll mindestens zwei Menschen zu Tode gequält haben. Doch viele Fragen sind noch ungeklärt. Was wir wissen und was nicht.

Ein Ex-Ehepaar aus Höxter soll mindestens zwei Menschen getötet haben. Der Fall wirft viele Fragen auf.

Ein Ex-Ehepaar aus Höxter soll mindestens zwei Menschen getötet haben. Der Fall wirft viele Fragen auf.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Höxter.  Mindestens zwei Menschen sollen von einem Ex-Ehepaar in Höxter gequält und getötet worden sein. Ob es weitere Opfer gibt, müssen die Ermittlungen zeigen. Eine Frau aus dem Großraum Berlin hat sich bei der Polizei bereits gemeldet. Der Fall wirft viele Fragen auf.

Ein Überblick:

Was wissen wir über die mutmaßlichen Täter?

• Unter Tatverdacht stehen eine 47-jährige Frau und 46 Jahre alter Mann. Die beiden Beschuldigten waren verheiratet, sind inzwischen aber geschieden. Trotzdem lebten sie zusammen in Bosseborn, einem dörflichen Ortsteil von Höxter. Gegenüber den Opfern und bei Nachbarn behaupteten sie, Geschwister zu sein. Beide sind polizeibekannt.

• Die Frau hat inzwischen gegenüber den Ermittlern ein Geständnis abgelegt. So sei sie es meist gewesen, die den Frauen Schmerzen zufügte, Fesseln anlegte, zuschlug und zutrat, wenn sie nicht spurten. Doch habe sie ihrerseits nur Befehle des 46-Jährigen befolgt. Der Mann bestreitet eine Schuld und schiebt alles auf seine Partnerin.

Wie gingen die Beschuldigten vor?

• Sehr planvoll und perfide. Das Duo soll Frauen mit Kontaktanzeigen auf das Gehöft in Höxter-Bosseborn gelockt haben. Laut Staatsanwaltschaft hatte der Mann schon früher mit Partnerschaftsanzeigen den Kontakt zu Frauen gesucht und häufiger entsprechende Inserate aufgegeben. Dabei suchte er nach einer „Frau für eine feste Beziehung“. Die Ermittler vermuten als Motiv aber sadistische Machtspiele.

Was wissen wir über die Opfer?

• Das Opfer, von dem die Öffentlichkeit zuerst erfuhr, ist eine 41-jährige Frau aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim. Sie hat ihre Peiniger Mitte Februar über eine Partnerschaftsanzeige kennengelernt. Anfang März sei sie in das Haus des verdächtigten 46-Jährigen und seiner 47 Jahre alten Ex-Frau nach Höxter gezogen, sagen die Ermittler. Die Frau wurde wochenlang festgehalten und schwer misshandelt. Laut Obduktion starb sie an Verletzungen, die sie von Schlägen auf den Kopf erlitten hatte.

• Ein zweites Todesopfer ist eine 33-jährige Frau, ebenfalls aus Niedersachen. Sie heiratete den Beschuldigten im Sommer 2013, kennengelernt hatten sie sich ebenfalls über eine Anzeige. Nach massiven körperlichen Misshandlungen verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Opfers im Sommer 2014 lebensbedrohlich. Im August starb die Frau. Die Beschuldigten verstauten die Leiche nach Angaben der Ermittler in einer Tiefkühltruhe und zerstückelten den Körper anschließend. Im Kamin sollen die Beschuldigten die Leichenteile verbrannt haben. Dann verstreute das Paar die Asche am Straßenrand, sagen die Ermittler.

• Die Opfer wurden nicht vermisst, weil sie allein lebten oder nur wenige soziale Kontakte hatten. Im Fall der 2014 getöteten Frau wurde die Mutter mit SMS-Nachrichten beruhigt. Erst durch den Anruf der Mordkommission erfuhr die Frau vom Tod ihrer Tochter.

• Eine 51 Jahre alte Frau aus dem Großraum Berlin entkam dem Paar 2013 verletzt. Sie hat inzwischen bei der Polizei ausgesagt, dass sie mehr als drei Monate lang in dem Haus misshandelt worden sei, das sei von Ende 2011 bis März 2012 gewesen. Eine Möglichkeit zu fliehen hätte sie nicht gehabt, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft. Beide Beschuldigten hätten sie körperlich misshandelt. Nach einer körperlichen Auseinandersetzung sei sie dann in einen Zug nach Hause gesetzt worden. Aus Angst vor angedrohter Gewalt habe sie die Polizei nicht eingeschaltet. Erst jetzt meldete sie sich bei der Polizei – sie hatte auf Fotos das Haus in Ostwestfalen erkannt. Woher genau die Frau stammt, wollten die Fahnder aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen.

• Der Mann und seine Ex-Frau sollen ihre Opfer unterworfen, bestraft und gequält haben. Zumindest anfänglich könnten die Frauen dem zugestimmt haben. Später jedoch könne von Freiwilligkeit keine Rede mehr gewesen sein, betont Oberstaatsanwalt Ralf Meyer. Büschelweise seien den Frauen die Haare ausgerissen worden, bei kleinsten Verfehlungen wurden sie an Heizkörper gekettet, geschlagen und getreten. Nächtelang habe man die Opfer auf dem kalten Boden zurückgelassen. Eine Flucht sei unmöglich gewesen. Im Ort hätten die beiden Beschuldigten Kontakt zu Nachbarn gemieden.

Wie wurde der Fall bekannt?

• Ans Licht kam der Fall, als das Ex-Ehepaar die lebensbedrohlich verletzte 41-Jährige zurück nach Bad Gandersheim bringen wollte. Auf dem Weg dorthin hatten sie eine Autopanne und riefen einen Rettungswagen. Die Frau kam in ein Krankenhaus, wo sie zwei Stunden später am 22. April ihren Verletzungen erlag. Hämatome und andere Verletzungen der Frau brachten die Mediziner dazu, die Polizei einzuschalten.

Was wir nicht wissen:

• Die wohl wichtigste Frage ist, ob es noch weitere Todesopfer gibt. Konkrete Hinweise darauf haben die Ermittler nicht, sie schließen es aber auch nicht aus. Das Geständnis der beschuldigten Frau gebe darauf keinen Hinweis. Die Spurensicherung muss jetzt den weitläufigen Tatort noch genau untersuchen. „Wir müssen Zentimeter für Zentimeter prüfen“, hatte der Leiter der Mordkommission, Ralf Östermann, angekündigt. Das könne mehrere Tage, wenn nicht Wochen dauern.

• Wieviele Frauen sich insgesamt auf Kontaktanzeigen des 47-Jährigen gemeldet haben und misshandelt wurden, ist noch unklar. Die Anzeigen sollen bundesweit und in Tschechien geschaltet worden sein.

• Ein Gutachter muss prüfen, ob die Beschuldigten psychische Störungen haben.

• Offen ist, ob die Beschuldigten bereits vor ihrem Umzug nach Höxter Frauen misshandelt haben. Die Ermittler prüfen deshalb jetzt auch ältere Vermisstenfälle auf einen Zusammenhang.

• Woher genau die 2014 getötete 33-Jährige stammt, ist noch unbekannt. Die Polizei will sich zu dieser Frage aus ermittlungstaktischen Gründen bisher nicht äußern. (dpa)