Rauschgift

Zahl der Drogentoten ist um fast 20 Prozent gestiegen

1226 Drogentote sind 2015 in Deutschland registriert worden. Die Todesursachen lassen sich in der Regel nur schwer sicher feststellen.

Den stärksten Anstieg bei der Zahl der Drogentoten gab es laut Jahresbericht in Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und im Saarland.

Den stärksten Anstieg bei der Zahl der Drogentoten gab es laut Jahresbericht in Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und im Saarland.

Foto: Frank Leonhardt / dpa

Berlin.  Ob in Technoclubs, auf Privatpartys oder in Hinterhöfen: In Deutschland werden immer mehr illegale Drogen konsumiert. Stark gefragt sind nicht nur aufputschende Amphetamine wie Speed, sondern auch die „klassischen“ harten Drogen wie Kokain und Heroin. Im vierten Jahr in Folge ist dabei auch die Zahl der Toten gestiegen 1226 Menschen starben 2015 an einer Überdosis illegaler Drogen – und damit 18,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

In Berlin stieg die Zahl der Rauschgifttoten sogar um 24 Prozent auf 153 Menschen. 2014 verloren 123 Menschen dadurch ihr Leben, 2013 waren es 119. Die meisten waren Männer (84 Prozent) und wurden im Durchschnitt 38 Jahre alt. Ein Großteil von ihnen starb an einer Überdosis Heroin. Vor 15 Jahren wurden dagegen die meisten Drogentoten nur 32 Jahre alt.

Heroin illegale Droge Nummer eins

„Auch wenn die Zahl im Vergleich zu den jährlich 121.000 Tabaktoten in Deutschland und 47.000 Drogentoten in den USA vergleichsweise gering erscheinen mag, so ist jeder Drogentote einer zu viel“, mahnte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), bei der Vorlage der Zahlen. Eine einfache Erklärung für den Anstieg gebe es nicht. Ein Problem sei die Kombination verschiedener Drogen mit Alkohol und Schlafmitteln. Die Botschaft der Entwicklung sei aber klar, so Mortler: „Die Drogen- und Suchtpolitik darf nicht an Stellenwert verlieren, sondern muss gestärkt werden.“

Heroin sei mit Blick auf die Todesrate „nach wie vor die illegale Droge Nummer eins“ in Deutschland. Am meisten konsumiert werde allerdings Cannabis. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 20.890 Menschen erstmals durch den Konsum harter Drogen auffällig – und polizeilich registriert.

Mit Abstand am größten war der Neuzulauf bei Amphetaminen mit 11.765 Erstauffälligen. Erstmals wurden 3149 Menschen mit Kokain erwischt und damit sieben Prozent mehr als noch im Vorjahr. Der Konsum von Heroin erhöhte sich sogar um 15 Prozent auf 1888. Einen Anstieg habe es auch bei Crack, Ecstasy und LSD gegeben. Die Zahl der Erstkonsumenten von Crystal Meth, das vor allem in der Clubszene kursiert, bleibt mit 2532 hoch, lag aber um 19 Prozent unter dem Vorjahr.

Bundesregierung will neue psychoaktive Stoffe verbieten

Besonders wichtig sei es, der zunehmenden Verbreitung synthetischer Drogen, die seit Jahren ansteigt, Einhalt zu gebieten. Mortler setzt dabei auf ein Gesetz zu „neuen psychoaktiven Stoffen“, das von der Bundesregierung auf den Weg gebracht und möglichst noch in diesem Jahr umgesetzt werden soll. Diese Substanzen – bekannt auch als „Legal Highs“ – werden teilweise als „Badesalz“ oder „Kräutermischung“ übers Internet vertrieben, erläuterte die Drogenbeauftragte: „Bei diesen vermeintlich harmlosen Stoffen handelt es sich in der Realität aber um brandgefährliche Substanzen, die endlich verboten werden müssen.“

Bislang habe die Polizei keine Handhabe gegen viele dieser chemischen Stoffgruppen, da sie noch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und damit nicht illegal sind. Zudem plädiert die Drogenbeauftragte für ein neues Substitutionsrecht, damit künftig noch mehr Heroinabhängige, insbesondere auch auf dem Land, einen Zugang zu dem Ersatzstoff Methadon erhalten, um darüber von ihrer Sucht loszukommen.

Der Drogenhandel ist weltweit ein florierendes Geschäft und Feld der organisierten Kriminalität. Den Umsatz beziffert der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, auf rund 320 Milliarden US-Dollar. Afghanistan sei weltweit der bedeutendste Opiumproduzent. Heroin und Opiate gelangten zumeist über die Balkanroute nach Deutschland. Das meiste sichergestellte Haschisch stamme aus Marokko. Kokain komme wiederum zumeist aus Südamerika per Seefracht zwischen Bananenkisten über die Häfen Hamburg und Bremerhaven.

Kriminalpolizei fordert mehr Befugnisse

Allein in Deutschland stiegen die Rauschgiftdelikte 2015 um zwei Prozent auf 282.604 Fälle. Mit 231.730 Tatverdächtigen – darunter 87 Prozent Männer – wurde ein neuer Rekord erreicht. Am häufigsten wurde Marihuana sichergestellt, gefolgt von Amphetaminen, Haschisch und Ecstasy.

Im Drogenhandel dient neben dem Straßenhandel zunehmend das Internet als Handelsplattform. Rauschgifthändler und Abhängige nutzen gezielt die Anonymität. Dies geschehe größtenteils über verborgene Plattformen im „Deep Web“ oder „Dark Web“, die nicht über einfache Suchfunktionen, aber dennoch auffindbar seien.

Dort flogen auch 2015 mehrere Rauschgifthändler auf, die von Sachsen und Nordrhein-Westfalen aus agierten. Unter anderem auch ein 20-jähriger Leipziger, der den Online-Drogenhandel „Shiny Flakes“ betrieb, 600 Kilo Drogen verkaufte und nun eine lange Jugendhaft absitzen muss. „Die Täter sind im Netz nur schwer zu fassen“, sagte Münch. Auch dieser junge Mann ist nicht im Internet gestellt worden, sondern weil er beim Drogenversand einen Fehler gemacht habe. Dennoch fahndet die Kripo nicht nur international mit bis zu 50 Ländern, sondern auch verstärkt im Netz. Um noch effektiver zu werden, fordert Münch, dass seine Beamten mehr Befugnisse bekommen. Dazu gehöre auch, Daten von Verdächtigen länger speichern zu dürfen.