Menschenrechtskommission

Fall der 43 verschwundenen Studenten in Mexiko bleibt Rätsel

Die mexikanische Regierung behindere Ermittlungen im Fall verschwundener Studenten, klagen Menschenrechtler – und beenden ihre Arbeit.

Noch immer wissen die Angehörigen der 43 verschwundenen mexikanischen Studenten nicht genau, was mit ihnen geschehen ist. In Mexiko-Stadt zeigen sie während einer Pressekonferenz Plakate mit den Gesichtern ihrer Kinder.

Noch immer wissen die Angehörigen der 43 verschwundenen mexikanischen Studenten nicht genau, was mit ihnen geschehen ist. In Mexiko-Stadt zeigen sie während einer Pressekonferenz Plakate mit den Gesichtern ihrer Kinder.

Foto: Sáshenka Gutiérrez / dpa

Mexiko-Stadt.  Von Miguel Ángel Mendoza fehlt seit 19 Monaten jede Spur. Auch seine Kommilitonen Jorge Aníbal Cruz, Luis Ángel Francisco und Cristian Tomás Colon sind verschwunden. Seit jener tragischen Septembernacht sucht Mexiko nach 43 Studenten.

Die jungen Männer dürften einem grausamen Verbrechen zum Opfer gefallen sein, daran hegt kaum jemand Zweifel. Unklar ist aber noch immer, was genau geschehen ist - und die Behörden haben offenbar wenig Interesse daran, die Tat aufzuklären.

„Der absolute Wille der mexikanischen Regierung, die Tragödie unter den Teppich zu kehren, kennt offenbar keine Grenzen“, sagt die Regionaldirektorin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Erika Guevara Rosas. „Die Behörden senden die gefährliche Botschaft, dass in Mexiko ein jeder einfach so verschwinden kann und nichts dagegen getan wird.“

Über ein Jahr hat eine unabhängige Expertengruppe im Auftrag der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) den Fall untersucht - ihr Urteil fällt vernichtend aus. Die Regierung habe „wenig Interesse“ neue Ermittlungsansätze zu verfolgen, sagen die Fachleute. Bei ihren Ermittlungen seien ihnen immer wieder Steine in den Weg gelegt worden.

Zweifelhafte Angaben der mexikanischen Ermittler

Die 43 jungen Männer des linken Lehrerseminars Ayotzinapa waren am 26. September 2014 in der Stadt Iguala von örtlichen Polizisten angegriffen und verschleppt worden, nachdem sie mehrere Busse gekapert hatten, um zu einer Demonstration in die Hauptstadt zu fahren. Laut Generalstaatsanwaltschaft wurden sie dann der kriminellen Organisation Guerreros Unidos übergeben.

Die Gangster hätten die Studenten für Mitglieder einer rivalisierenden Bande gehalten und getötet. Ihre Leichen seien auf der Müllkippe der Ortschaft Cocula verbrannt worden. Die Ermittler verstiegen sich schnell zu der Behauptung, das sei die „historische Wahrheit“. Die Geständnisse der Verdächtigen kamen offenbar unter Folter zustande.

Längst ist klar, dass es sich so nicht zugetragen haben kann. Eine argentinische Expertengruppe kam zu dem Schluss, dass es physikalisch unmöglich ist, so viele Leichen in so kurzer Zeit restlos zu verbrennen.

Bundespolizisten an der Entführung beteiligt

In den vergangenen Monaten kamen immer neuer Details ans Licht, die die offizielle Version infrage stellen. Die staatliche Menschenrechtskommission präsentierte zuletzt einen Bericht, nach dem auch Bundespolizisten am Angriff auf die Studenten beteiligt waren.

Noch immer gibt es viele offene Fragen. So kaperten die Studenten möglicherweise aus Versehen einen mit Drogen beladenen Bus. „Das könnte den heftigen Angriff erklären“, sagte die frühere kolumbianische Staatsanwältin Ángela Buitrago von der CIDH-Expertengruppe. Außerdem waren einige Handys der Studenten offenbar noch Tage nach der Attacke aktiv. Die Soldaten des örtlichen Infanteriebataillons durften die Experten nicht zu den Vorgängen befragen.

Doch der Bericht der Fachleute zeichnet auch schon so ein erschreckendes Bild von der Zusammenarbeit von Sicherheitskräften und organisiertem Verbrechen. Der Angriff auf die Studenten sei „perfekt koordiniert“ gewesen. Polizei und kriminelle Banden hätten gemeinsam eine 80 Kilometer große Zone abgesichert, „um die Flucht der Autobusse zu verhindern, in denen die Studenten waren“, sagt Buitrago.

Wenig Einsatz der mexikanischen Regierung

Für die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto ist der Fall Ayotzinapa ein Ärgernis. Der Staatschef will sein Land als attraktiven Wirtschaftsstandort, als verlässlichen Partner auf dem internationalen Parkett positionieren. Die hässliche Episode von Iguala stört da nur. Die Generalstaatsanwaltschaft werde die Erkenntnisse der CIDH-Experten in ihre eigenen Ermittlungen einfließen lassen, lässt Peña Nieto nun pflichtschuldig verlauten.

Am Samstag stellt die Interamerikanische Menschenrechtskommission ihre Ermittlungen zu dem Fall ein. Obwohl Menschenrechtsgruppen und die Angehörigen der Opfer mehr Zeit für die Experten forderten, wollte die Regierung das Mandat nicht verlängern. „Wir gehen mit gemischten Gefühlen“, sagt Carlos Beristáin, einer der CIDH-Experten, ein Mediziner aus Spanien. „Der Fall ist noch nicht abgeschlossen.“ (dpa)