Bevölkerungsbefragung

Unsicherheit erreicht in Deutschland höchsten Wert seit 2006

Eine Befragung belegt: Erstmals seit zehn Jahren steigt das Unsicherheitsempfinden in Deutschland. Grund ist auch die Flüchtlingskrise.

Polizisten der Antiterroreinheit der GSG 9 bei einem Einsatz (Archiv). Das Empfinden von internationaler und nationaler Unsicherheit steigt in Deutschland.

Polizisten der Antiterroreinheit der GSG 9 bei einem Einsatz (Archiv). Das Empfinden von internationaler und nationaler Unsicherheit steigt in Deutschland.

Foto: Oliver Berg / dpa

Berlin.  Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung hat sich im vergangenen Jahr deutlich verschlechtert – sowohl bezogen auf die Sicherheitslage in Deutschland als auch hinsichtlich des persönlichen Sicherheitsempfindens. Das berichtet die „Thüringer Allgemeine“ unter Berufung auf die Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung durch das Zentrum für Militärgeschichte der Bundeswehr, die heute (Mittwoch) veröffentlicht werden sollen.

Danach gaben vier von zehn Befragten an, sie betrachteten die weltweite Sicherheitslage als unsicher, weniger als 30 Prozent betrachten die globale Lage als sicher, ein knappes Drittel ist unentschieden.

Befragung fand noch vor den Anschlägen in Paris und Brüssel statt

Im Vergleich zur weltweiten Lage wird die Sicherheitslage in Deutschland zwar entspannter eingeschätzt – hier fühlen sich mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) eher sicher oder sehr sicher, nur 17 Prozent fühlen sich unsicher – jedoch habe sich nach Einschätzung der Wissenschaftler das Unsicherheitsgefühl 2015 deutlich verstärkt. „Während das subjektive Unsicherheitsempfinden unter den Befragten in den letzten Jahren stetig sank, steigt es 2015 wieder deutlich an auf das höchste Niveau seit 2006“, schreiben die Autoren.

Die repräsentative Bevölkerungsbefragung durch das Bundeswehr-Institut fand bereits im vergangenen Herbst statt und somit vor den jüngsten Terroranschlägen in Paris und Brüssel. Die Veröffentlichung der ausführlichen Analyse wurde aber erst jetzt vom Bundesverteidigungsministerium freigegeben.

Mehr Menschen fühlen sich unsicher

Wie die Autoren der Studie feststellen, gibt es hinsichtlich der nationalen Sicherheitslage deutlich stärkere Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung, als bei der eher homogenen Einschätzung der globalen Situation. So schätzten Frauen die Lage in der Bundesrepublik unsicherer ein als Männer, zudem nehme das Unsicherheitsgefühl mit steigendem Alter zu, aber mit steigendem Bildungs- und Einkommensniveau ab. Auch hinsichtlich ihrer Parteipräferenz zur nächsten Bundestagswahl wurden die Befragten geordnet: Danach gibt es unter den Wählern der AfD vergleichsweise viele Befragte (39 Prozent), die die nationale Lage als unsicher wahrnehmen, Linke-Wähler betrachten die Situation hingegen am wenigsten negativ.

Auch auf der persönlichen Ebene überwiegt zwar ein gutes Sicherheitsgefühl – 56 Prozent fühlen sich persönlich sehr oder eher sicher, weniger als jeder Fünfte fühlt sich persönlich unsicher. Doch analog zur Bewertung der nationalen Sicherheitslage hat auch das persönliche Unsicherheitsempfinden nach Jahren der Entspannung 2015 wieder zugenommen. „Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil der Befragten, die sich unsicher fühlen, um 17 Prozentpunkte gestiegen. Die derzeitigen Krisen und Konflikte inner- und außerhalb Deutschlands schlagen sich im persönlichen Sicherheitsempfinden der Befragten derzeit deutlich nieder“, heißt es in der Untersuchung. Auch bei den Bedrohungsfaktoren mache sich die Flüchtlingskrise bemerkbar. Fast jeder zweite Befragte (44 Prozent) fühlt sich persönlich durch religiösen Fundamentalismus in Deutschland bedroht, 41 Prozent sehen die Zuwanderung nach Deutschland als Bedrohungsfaktor, noch vor unzureichender finanzieller Absicherung im Alter und steigenden Preisen (je 39 Prozent). Ebenso viele Befragte fürchten sich vor Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und etwa jeder Dritte (31 Prozent) fühlte sich bereits vor den Attentaten von Paris und Brüssel auch in Deutschland von Terroranschlägen bedroht.

Mehrheit spricht sich für höheren Wehretat aus

Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ist eine Forschungseinrichtung des Bundesverteidigungsministeriums. Die Umfrage zum sicherheitspolitischen Meinungsbild wird seit 1996 durchgeführt und ist nach Angabe des Institutes die längste Zeitreihe sicherheits- und verteidigungspolitischer Umfragen in Deutschland. Für die Erhebung 2015 wurden im Herbst über 2600 Interviews geführt.

Neben Fragen zur Bedrohungssituation wurde auch die Einstellung der Bevölkerung zur Bundeswehr, zu ihren Aufgaben und zum internationalen Engagement Deutschlands untersucht. Zwei Drittel der Befragten ist der Auffassung, Deutschland müsse sich in der internationalen Politik aktiv engagieren, der mit Abstand höchste Wert seit dem Jahr 2000. Nur noch 27 Prozent der Befragten sind der Auffassung, Deutschland solle international passiv bleiben und sich auf die eigenen Probleme konzentrieren. Allerdings wird der Einsatz der Bundeswehr nicht als primäres Mittel für ein internationales Engagement gesehen: Davor rangieren noch diplomatische Verhandlungen, Entwicklungshilfe und Wirtschaftssanktionen. Dennoch spricht sich eine Mehrheit der Befragten für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben und der Truppenstärke aus.

Auch einen Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur „Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung innerhalb Deutschlands“ wird von der Mehrheit der Befragten (62 Prozent) befürwortet. Ebenso hoch ist die Zustimmung für die Beteiligung am Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

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