Geburtstag

Vivienne Westwood ist Künstlerin – nicht Punk-Queen

Vivienne Westwood wurde mit ihren Outfits für die Sex Pistols bekannt. Jetzt feiert die provokante Modeschöpferin ihren 75. Geburtstag.

Sie will sich immer neu erfinden: Modedesignerin Vivienne Westwood.

Sie will sich immer neu erfinden: Modedesignerin Vivienne Westwood.

Foto: Alessia Pierdomenico / Reuters

London.  Vivienne Westwood gilt als ewige Punk-Queen. Doch wer sie darauf anspricht, erhält nur ein vielsagendes Lächeln als Antwort. Es langweilt sie, in diese Schublade gesteckt zu werden, will dieses Lächeln sagen. Mrs. Westwood, die an diesem Freitag 75 Jahre alt wird, ist eine Frau, die sich ständig neu erfinden will. Künstlerin will sie sein und nicht Ikone.

Dass sie als Lady Punk in die Geschichte der Mode eingegangen ist, hat nicht nur etwas mit ihren exzentrischen Auftritten, ihren schrägen Schottenkaros oder Walla-Walla-Kleidern zu tun, sondern vor allem mit ihrer einstigen Liebe zu Malcolm McLaren, Gründer der Punk-Band Sex Pistols. Für die wilden Londoner Jungs entwarf die junge Vivienne einst schräge Sadomaso-Monturen, mit denen die Band gleich die Mode revolutionierte. Vierzig Jahre ist das her. Eine Zeit, in der auch der Song „Anarchy In The UK“ zum Soundtrack der jugendlichen Rebellen wurde. Gemeinsam mit dem Musiker eröffnete sie auf der Londoner King’s Road ihre erste Boutique. Die Leute kamen in Scharen, um die abgefahrene Mode zu kaufen.

Ihr Ehemann ist 25 Jahre jünger als sie

McLaren war nicht nur bis 1983 ihr Liebhaber, sondern auch eine Ausstiegshilfe, um ihrem kleinbürgerlichen Hausfrauendasein zu entkommen. Mit 21 Jahren hatte Westwood den Flugbegleiter Derek Westwood geheiratet. Sie brachte ihren ersten Sohn zur Welt. Ihr Leben schien vorgezeichnet. Bis McLaren kam. „Let it rock“, so war der Titel ihrer Mode-Schauen. Oder einfach nur „SEX“. McLaren starb 2010 mit 64 Jahren an Krebs.

Der Mann an ihrer Seite ist seit 1992 ein Tiroler Bube: Andreas Kronthaler, ebenfalls Designer, 25 Jahre jünger als die Gattin, der in Interviews gerne aus der Zeit seines Modestudiums bei Frau Professor Westwood erzählt. „Das erste Mal, als sie in die Klasse gekommen ist, dachte ich nur: ‘Wow! So jemanden hab’ ich noch nie gesehen. Die schaut geil aus!’ Sie trug einen Catsuit aus hauchdünnem Woll-Acryl, einen Hüftgürtel und Holzschuhe, es machte tak-tak, als sie in die Klasse gekommen ist. Es war ein einschneidendes Erlebnis.“

Als Grundschullehrerin hat sie Geduld gelernt

Natürlich war auch Westwood von Kronthaler fasziniert. Sie sagt das gerne mit einem kindlichen Augenaufschlag. Er sei ein Fantast! Einer, der groß denkt! Dann schweigt sie. Kronthaler ist gesprächiger: „Vivienne ist sehr konzen­triert, ich hingegen werfe alles in der Gegend herum.“

Während bei vielen Paaren dann schon mal der Haussegen schief hängt, scheint es bei Westwood-Kronthaler friedlich zuzugehen. Sie radeln zusammen ins Modestudio und wieder zurück. 24 Stunden Harmonie. Selbst sein Fluchen und seine Wutausbrüche lassen sie kalt. Vivienne Westwood, die Tochter einer Baumwollspinnerin und eines Kolonialwarenhändlers aus der englischen Grafschaft Derbyshire, lächelt so etwas weg. Sie ist als ausgebildete Grundschullehrerin im Umgang mit lauten Jungs geübt.

Ihre eigenen Jungs heißen Ben Westwood und Joseph Corré, Sohn von McLaren. Nach der Trennung vom Sex-Pistols-Gründer war die Rebellin in ihr übrigens nicht eingeschlafen. Im Gegenteil: In einer schöpferischen Wut schleuderte sie der immer steriler werdenden Mode Spitzen und Brokat entgegen: Korsagen und Schnüre, Wespentaillen und voluminöse Hintern waren ihr Votum für die Frau, die sich nicht in Bleistiftkleidern verstecken sollte.

Politisches Engagement auf dem Laufsteg

Anfang der 90er-Jahre legte Westwood auch als Geschäftsfrau richtig los. Schließlich gehörte sie zu den ganz Großen der Branche, ihre Catwalks zu den Höhepunkten der Londoner Fashion Week. Die britische Königin ließ sich zwar nicht modisch von Westwood inspirieren, hielt ihr Werk aber dennoch in Ehren. 1992 wurde Vivienne Westwood in den britischen Verdienstorden aufgenommen. Die Fotografen waren begeistert – vor allem, als sich bei einem Windstoß herausstellte, dass die Modemacherin auf einen Schlüpfer unter ihrem edlen Rock verzichtet hatte.

Westwood liebt es zu provozieren. Schickt ihre Models schon mal mit Plakaten für den Klimaschutz oder gegen Fracking auf den Laufsteg. „Ich hoffe, dass die Menschen verstehen, dass der Klimawandel vor unserer Haustür steht – und dass wir alle bald Migranten sein werden. Vielleicht haben wir gerade noch die Möglichkeit, es zu stoppen“, sagte sie der britischen Tageszeitung „The Guardian“.

30 Jahre lang lebte sie in einer Sozialwohnung

So schrill Westwood auch erscheinen mag, so bescheiden gibt sie sich: 30 Jahre bewohnte sie eine Sozialwohnung, bis Kronthaler sie zum Umzug in ein Anwesen von 1703 bewegte. Ihre Hobbys: Lesen und Gartenarbeit. Was sie dabei trägt, ist nicht überliefert. Aber ohne Lippenstift sei sie noch nirgends gesichtet worden.