Rettung

Ein Junge namens Hoffnung – Dem „Hexenkind“ geht es gut

Das Foto des ausgehungerten, orientierungslosen Zweijährigen aus Nigeria ging um die Welt. Heute geht es dem „Hexenjungen“ viel besser.

Seine Retter tauften diesen Jungen Hope – englisch für Hoffnung.

Seine Retter tauften diesen Jungen Hope – englisch für Hoffnung.

Foto: Anja Ringgren Lovén/Facebook

Abuja.  Als sie diesen kleinen Jungen zum ersten Mal, in ein Tuch gehüllt, in ihren Armen trug, erinnert sich Anja Ringgren Lovén, war sie sich sicher, dass er nicht überleben würde. Bis auf die Knochen abgemagert und nackt, fand die dänische Entwicklungshelferin den zweijährigen Hope – wie sie ihn später nannte – in einem nigerianischen Dorf. Das Foto, wie sie vor dem orientierungslosen Jungen mit aufgeblähtem Bauch niederkniet, ihm Wasser und Kekse gibt, ging um die Welt und rüttelte Hunderte Menschen auf. Binnen Kurzem kam rund eine Million Euro an Spenden für Lovéns Kinderheim zusammen. Zwei Monate später zeigen neue Fotos Hope wie durch ein Wunder als properes, fröhliches Kind.

„Hope geht es sehr viel besser“, sagt Anja Lovén. „Er hat einen Platz in unserer großen Familie gefunden und 35 neue Geschwister, die sich hingebungsvoll um ihn kümmern, mit ihm spielen und ihm Sachen zeigen.“ Die zweifache Mutter, die mit dem Nigerianer David Emmanuel Umem verheiratet ist und zwei eigene Söhne hat, gründete vor drei Jahren ein Waisenheim und die Organisation „African Children’s Aid Education and Development Foundation“ in der nigerianischen Stadt Uyo. Dort haben Anja Lovén, ihr Mann und ihre Mitarbeiter rund 40 Kinder in ihrer Obhut.

Hope lebte allein auf der Straße

In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas (177 Millionen Einwohner), lebt die 35-Jährige bereits seit vielen Jahren. „Es war immer schon mein Traum als junges Mädchen, hungernden Kindern in Afrika zu helfen. Eines Tages habe ich einfach meine Sachen gepackt, meinen Job in Dänemark gekündigt und bin losgefahren.“ Dort kümmert sich Anja Lovén seit Beginn um die sogenannten Hexenkinder. In vielen Gemeinden Nigerias werden ausgewählte Kinder stigmatisiert und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, misshandelt oder sogar getötet. „Einige werden mit kochendem Wasser übergossen als eine Art von Exorzismus“, erzählt Anja Lovén. „Und wenn sie dabei nicht sterben und die Gemeinde immer noch der Meinung ist, das Ritual habe nicht geholfen, dann quälen sie diese weiter.“ Einige, so die Entwicklungshelferin, würden auch lebendig begraben.

Über ihren besonderen Schützling Hope, das sicherlich jüngste Kind, das sie jemals auf der Straße fand, weiß sie, dass er acht Monate lang auf sich gestellt dort lebte, ohne Ziel umherirrte, auf der Suche nach Essen, das er mit Glück im Müll fand.

Eines Tages habe sie einen Anruf bekommen, wie es in der Vergangenheit oft passierte. Anja Lovén zögert keine Sekunde, als man ihr am Telefon erzählte, das Straßenkind sei wahrscheinlich nicht älter als zwei Jahre. „Ich bin aus Sorge in derselben Stunde losgefahren.“ Als Anja Lovén im Dorf unweit ihrer Heimatstadt Uyo ankommt, sieht sie Hope mitten auf der Straße zwischen vielen Menschen auf einem lokalen Markt. Keiner scheint dem winzigen, nackten Jungen, der zwischen den Vorbeilaufenden mit einer Plastikflasche in der Hand steht, Beachtung zu schenken. Die Entwicklungshelferin ruft in die Menge hinein. „Hey, was ist mit diesem Kind?“ Ein Mann antwortet ihr in gebrochenem Englisch. „Er hat Hunger. Keine Mutter, keinen Vater.“ Anja Lovéns Stimme bricht. „Kann jemand diesem Jungen etwas zu essen geben?“, ruft sie bestimmt. Mehr und mehr Schaulustige kommen und reden durcheinander, einige lachen.

Anja Lovén erhielt eine Million Euro Spenden für Hope

Anja Lovén kniet vor Hope nieder, verpflegt ihn mit Lebensmitteln aus ihrem Auto. Anschließend bringt sie ihn vom Marktplatz direkt in ein Krankenhaus. Dort erhält der Zweijährige nicht nur Bluttransfusionen und eine Entwurmungskur, sondern seinen Namen Hope. Der kleine Junge muss wochenlang im Krankenhaus bleiben. Langsam wird er kräftiger, kann selbstständig sitzen, beginnt zögerlich zu essen. Es ist der Moment, Mitte Februar, in dem Anja Lovén beschließt, die Fotos seiner Rettung öffentlich zu machen. Sie weiß um die Wirkung solcher Bilder.

„Diese Fotos zeigen, warum ich immer weiterkämpfe“, sagt sie. Innerhalb von Tagen beherrscht das eine Foto die großen internationalen Nachrichtenseiten. Immer mehr Menschen fragen, wie sie Spenden können – und tun es. Nach zwei Tagen sind es bereits 100.000 Euro, heute rund eine Million. Anja Lovén und ihr Team sind überwältigt. Sie kündigt an, ein weiteres Waisenheim für misshandelte Kinder, die Hope-Klinik, zu gründen. Derweil freut sie sich über jeden Fortschritt ihres Findelkindes. Und Hope ist mittlerweile nicht wiederzuerkennen. Fotos zeigen, dass er deutlich an Gewicht gewonnen hat, sein verlorener Blick ist einem frechen Lächeln gewichen. Weitere Fotos zeigen, wie Hope auf dem Schoß seines Betreuers Don Udowan sitzt, seinen ersten Haarschnitt erhält oder in Fußballklamotten mit seinen Kumpels posiert.

„Er ist ein starker kleiner Junge“, sagt Anja Lovén stolz. Gerade ist sie mit ihrem älteren Sohn David jr. auf Heimatbesuch in Dänemark, gibt Interviews in Fernsehsendungen, hält Vorträge in einigen Städten. Ihre Landsleute haben Anja, die im dänischen Fernsehen regelmäßig über ihr Projekt berichten darf, seit Monaten in ihr Herz geschlossen. Aus der ganzen Welt bekommt sie Post. Ein gebürtiger Nigerianer namens Chuckwunonso Okbuanu schreibt ihr über Facebook: „Sie geben uns nichts als Hoffnung. Gott möge Sie im Überfluss belohnen.“