Den haag –

Schlag gegen Lebensmittel-Mafia

Den haag. Es gibt nichts, was nicht gefälscht wird. Das ist die bittere Bilanz der „Operation Opson V“ von Interpol und Europol. Seit November haben Ermittler in 57 Ländern eine Rekordmenge gefälschter, gepanschter und falsch beschriebener Lebensmittel und Getränke sichergestellt. Tatsächlich liest sich der Europol-Bericht wie eine Einkaufsliste des Grauens.

In Italien stießen Ermittler auf 85 Tonnen Oliven, die mit einer Kupfer-Sulfat-Lösung gefärbt waren. Im Sudan wurden neun Tonnen Zucker sichergestellt, der mit Kunstdünger gestreckt war, und in Australien wurden billige Erdnüsse als teure Pinienkerne verkauft – lebensgefährlich für Allergiker. „Diese gefälschten und gefährlichen Lebensmittel sind eine Bedrohung für die Gesundheit der ahnungslosen Verbraucher“, stellt Michael Ellis von Interpol klar. Deutschland hatte sich an der Aktion nicht beteiligt. Dass Lebensmittelfälschung aber auch hierzulande ein Problem ist, zeigt die Statistik des Zolls: So wurden 2014 Waren im Wert von 1,27 Millionen Euro sichergestellt. Ob und wie viele der Produkte, die nun beschlagnahmt wurden, für den deutschen Markt bestimmt waren, lasse sich noch nicht abschätzen. Aus Sicht der Lebensmittelexpertin Isabelle Mühlstein von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen aber ist es „sehr wahrscheinlich“, dass einiges davon in Deutschland verkauft werden sollte. Auch in deutschen Nachbarländern wurden die Ermittler fündig. Am Brüsseler Flughafen stellten sie mehrere Kilo Affenfleisch sicher, das offensichtlich für den Verkauf bestimmt war. In Frankreich stießen sie auf elf Kilo Heuschrecken und 20 Kilo Raupen.

Interpol vermutet kriminelle Banden hinter den Tätern

Und dass nicht nur importierte Produkte betroffen sind, zeigen Fälle in Großbritannien und Griechenland. Dort wurden Fabriken zum Panschen von Alkohol entdeckt, einschließlich der Flaschen mit gefälschten Etiketten.

Die Masse an sichergestellten Waren schockiert auch den Interpol-Ermittler Michael Ellis: „Wir sehen, dass Lebensmittelfälschung alle Bereiche und alle Regionen der Welt betrifft.“ Es zeige sich, dass diese Form von Kriminalität sehr lukrativ sei. „Dahinter stecken meist kriminelle Banden und keine Einzeltäter“, bestätigt auch Isabelle Mühlstein. Interpol geht in seiner Einschätzung sogar noch ein Stück weiter: „Wir haben es hier mit einer milliardenschweren Fälscher-Industrie zu tun.“ Diesen Netzwerken geht es laut Michael Ellis „nur um den Profit, egal was es die Öffentlichkeit kostet“.

Besonders gewinnbringend für Kriminelle sind Interpol zufolge vermeintlich hochwertige Produkte wie Olivenöl oder Gänseleber. Eben davon wurden im Verlauf der Operation zum Beispiel zwei Tonnen in Ungarn beschlagnahmt. Tatsächlich verarbeitet wurde dafür allerdings billiges Entenfleisch. Für die Verbraucher sieht die Expertin kaum Chancen, sich gegen den Betrug zu wehren. „Als Laie kann man die Fälschungen oft nicht erkennen“, sagt Mühlstein. Stattdessen sieht sie die Hersteller in der Pflicht. „Die Kontrollen müssen deutlich verbessert werden. Man darf sich nicht nur auf vorgelegte Dokumente der Lieferanten verlassen.“

Ohne Druck aber werde sich dort für die Verbraucher nichts ändern, glaubt Thilo Bode, Geschäftsführer der Organisation foodwatch. „Die Konzerne und die Hersteller müssen durch gesetzliche Kontrollpflichten mit in die Haftung genommen werden“, fordert er. „Aber davor schreckt die Politik zurück aus Angst vor der Lebensmittellobby.“ Michael Ellis sieht Handlungsbedarf: „Die Ausmaße zeigen, dass grenzübergreifende Zusammenarbeit notwendig ist.“ Bisher geschehe hier noch zu wenig. „Wir müssen Erkenntnisse teilen, um die Gesundheit der Verbraucher zu schützen.“

Bereits zum fünften Mal seit 2011 hatte Interpol eine solche weltweite Operation durchgeführt. So viele Waren wie in diesem Jahr waren noch nie gefunden worden. Einige Verdächtige wurden bereits festgenommen.