Verkehrssicherheit

Experte kritisiert „Jagdtrieb“ bei Polizei-Verfolgungsjagden

Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes übt heftige Kritik an Polizei-Verfolgungsjagden. Er spricht von „Jagdtrieb“ bei den Beamten.

Ein Streifenwagen bei einer eiligen Fahrt durch eine Innenstadt.

Ein Streifenwagen bei einer eiligen Fahrt durch eine Innenstadt.

Foto: imago/Seeliger

Bochum.  Kriminologe Thomas Feltes von der Ruhr-Uni in Bochum glaubt, dass die Polizei sich bei Verfolgungsjagden häufig rücksichtslos verhält. Beamte würden einen „Jagdtrieb“ entwickeln, durch den sie über „Risiken und Nebenwirkungen“ ihres Verhaltens nicht mehr nachdenken könnten. „Dann werden zum Beispiel Jugendliche mit 100 Stundenkilometern durch die Innenstadt gejagt, nur weil sie zuvor einen Böller in einen Abfalleimer geworfen haben.“

Anlass für Feltes’ Kritik ist eine Verfolgungsjagd in Baden-Württemberg, bei der vergangene Woche drei Menschen starben. „Man hätte sehr schnell von der Verfolgung absehen müssen“, sagt Feltes. Das Risiko sei für alle Verkehrsteilnehmer so groß, dass „es einen sehr guten Grund für die Verfolgung geben muss“. Dieser ist laut Feltes nur gegeben, wenn durch die Verfolgung „möglicherweise schwere Straftaten, die unmittelbar bevorstehen, verhindert werden“. Nur weil sich jemand einer Kontrolle entziehen wolle, dürfe man nicht „Leib und Leben“ anderer Verkehrsteilnehmer gefährden.

„Vor allem in Großstädten kommt es immer wieder zu Situationen, die von der Polizei nicht mehr beherrschbar sind“, glaubt Feltes: „Es werden vom verfolgten Fahrzeug rote Ampeln überfahren, die Vorfahrt wird nicht beachtet, und andere Verkehrsteilnehmer werden gefährdet.“

NRW-Ministerium hält Regeln für ausreichend

„Das Innenministerium sollte klare Regelungen erlassen, wann und unter welchen Bedingungen solche Verfolgungsfahrten zulässig sind“, fordert Feltes.

Dass neue Regeln nötig sind, glaubt man beim NRW-Innenministerium allerdings nicht: „Wenn eine Verfolgungsfahrt zu einer Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer oder des Verfolgten führt, haben Beamte schon jetzt die Anweisung, die Verfolgung abzubrechen“, so ein Sprecher des Ministeriums. Es gebe ausreichend strenge Regeln. Wie genau diese aussehen, wolle man aber nicht öffentlich machen,.

Es sei auch nicht möglich, die Verfolgung ausschließlich dann aufzunehmen, wenn dadurch weitere Straftaten verhindert werden: „Als Beamter weiß ich nur, dass sich ein Autofahrer nicht kontrollieren lassen will. Ich weiß nicht, warum.“ Um das festzustellen, müsse man die Verfolgung aufnehmen.

Auch unter Polizisten auf Twitter erntete der Kriminologe Unverständnis. So antwortete Andy Neumann vom Bund Deutscher Kriminalbeamter sarkastisch: „Polizei sollte am besten nur rumsitzen und Donuts essen.“ Heiko Arnd, Leiter einer rheinland-pfälzischen Polizeiinspektion, beklagte, die in ein wissenschaftliches Kleid gehüllten Beiträge seien „unerträglich“.