Solidarität

Krebs, klamm und nicht versichert: Hilferuf wird gehört

Krebs – und keine Krankenversicherung: Claudius Holler hat sein Schicksal öffentlich gemacht – und die Hilfsbereitschaft ist enorm.

Claudius Holler in seinem YouTube-Video, in dem er über seine Erkrankung und seine finanziellen Probleme spricht.

Claudius Holler in seinem YouTube-Video, in dem er über seine Erkrankung und seine finanziellen Probleme spricht.

Foto: Screenshot

Hamburg.  „Krebs ist ein Arschloch – hilfst Du mir?“ hat Claudius Holler ein Video betitelt, das er am Dienstag aufgenommen hat, am Tag, an dem seine Ärztin nach seiner Schilderung bei ihm Hodenkrebs diagnostizierte. Der vielfach engagierte und gut vernetzte Holler hat eine fast beispiellose Welle der Solidarität losgetreten. Dabei habe er einen Tag lang mit sich gehadert, sagte Holler dem „Hamburger Abendblatt“. Am Mittwoch lud er den fast 17-minütigen Hilferuf dann bei Youtube hoch.

Dass er dringend Hilfe brauche, hänge nicht nur mit der für jeden Menschen schockierenden Diagnose zusammen, schildert der Hamburger Spitzenkandidat der Piratenpartei von 2011 seine Lage in dem Video. Der 38-Jährige hat nach eigenem Bekunden auch noch ein weiteres Problem: Weil er sich nach einer unverschuldeten Beinahe-Pleite der mit seinem Bruder aufgebauten Firma selbst entlassen musste, habe er gerade jetzt keine Krankenversicherung. Nun aber stehe nicht nur eine Operation an, sondern es kommen wohl auch eine Chemotherapie und mögliche weitere Behandlungen auf ihn zu. Und die Krankenkasse fordere 9000 Euro an Nachzahlungen, so Holler.

Mehrere Rückschläge auf einmal

Zuletzt lief es bei dem umtriebigen Hamburger, der in der Hansestadt die „Fuckupnights“ ins Leben rief, bei denen Firmengründer ihr Scheitern schildern, auch selbst geschäftlich nicht gut. „Arschlöcher sind Rudeltiere“, resümiert Holler im Video seine lange Pechsträhne – die nun in die Krebserkrankung gemündet sei. Deswegen bitte er um finanzielle Unterstützung – so peinlich ihm das auch sei.

Nachdem er mit dem „Leetmate“ – im Netzjargon 1337Mate getauft - eine Art „Hackerbrause“ erfunden und zunächst erfolgreich vermarktet hatte, ging es unter anderem durch die Pleite eines Dienstleisters bergab, erzählt Holler in dem Video. Es wäre vielleicht klüger gewesen, das Projekt für gescheitert zu erklären, sagt er. Aber: Er fühlte sich verpflichtet, das Projekt war auch über einen Aufruf im Netz mitfinanziert worden. Und er glaubt an den Erfolg. Um die Mate wieder auf den Markt bringen zu können, hätten sie sich die Gehälter gestrichen – und er habe kein Geld mehr gehabt, die Krankenversicherung zu zahlen.

Auch das Großprojekt von ihm und seinem Bruder, eine gemeinnützige Skaterbahn für Jugendliche in Boitzenburg in Mecklenburg-Vorpommern, stocke, wenn er nicht selbst wieder auf die Beine komme. Auch mit diesem Projekt hat er sich viele Sympathien erworben.

Vor dem Video lange gezögert

„Kacke, ich weiß, wenn ich das veröffentliche, kriege ich gleich finstere Bauchschmerzen“, sagt Holler gegen Ende des Videos. „So intim an mich rangelassen“ habe er online bisher noch nie etwas. Diesmal aber sei er einfach auf Hilfe angewiesen, um wieder gesund zu werden. „Danke für jede Art der Unterstützung. Ich werde mich dafür revanchieren.“ Seine Kontodaten hat Holler unter dem Youtube-Video angegeben. Holler stellt in Aussicht, dass es in absehbarer Zeit gute Nachrichten von seinen Projekten geben wird.

Das ihm zur Verfügung gestellte Geld will er dann komplett in das Projekt in Mecklenburg-Vorpommern stecken – und stellt in Aussicht, schließlich auch Spendenquittungen dafür ausstellen zu können.

Das Argument spielt aber im Netz bisher kaum eine Rolle. Binnen kurzer Zeit wurde der Hilferuf des in der Internet-Community gut vernetzten früheren Piraten-Politikers bei Facebook und Twitter tausendfach geteilt und das Video ebenso häufig angesehen. Auch wildfremde Menschen lassen sich anstecken von der Hilfsbereitschaft.

Und Claudius Holler ist überwältigt. (law)

Die vielen Reaktionen und der große Zuspruch aus dem Netz hätten ihn völlig überrascht, sagte Holler dem Abendblatt am Donnerstagnachmittag. Er komme derzeit kaum hinterher, auf alle Nachrichten zu antworten.

Talkshow-Einladung von Markus Lanz

„Viele Leute haben mir von ihren eigenen Erfahrungen mit Krebs berichtet“, so Holler. „Ich habe auch von sehr vielen Männern Zuspruch bekommen, die nach einer Operation selbst nur noch einen Hoden haben.“ Außerdem hätten ihm viele Menschen geschrieben, die wie er als in Schwierigkeiten geratene Selbstständige auch keine Krankenversicherung mehr hätten. Das zeige, dass das womöglich ein grundsätzliches Problem sei.

Angesichts seines mutigen Videos und der enormen Reaktion hat mittlerweile auch die Redaktion der Talkshow von Markus Lanz bei Holler angefragt, ob er in die Sendung kommen wolle. Neben dem tausendfachen emotionalen Zuspruch haben auch sehr viele Menschen Holler eine Spende überwiesen. Es sei bereits ein fünfstelliger Betrag zusammengekommen, sagte Holler am Donnerstagnachmittag. Damit könne er wohl seine Schulden bei der Krankenkasse begleichen.