Berlin –

Das Ich auf Weltreise

| Lesedauer: 3 Minuten

Reporter-Legende Helge Timmerberg erlebte wildeste Geschichten. Jetzt erscheint seine Biografie

Berlin. Er nennt es „den Wagen langsam anlassen“, wenn er bei seinen Lesungen den ersten Schluck Alkohol auf der Bühne trinkt. Drei Stunden, eine Flasche Weißwein und zwei Tequilas später ist das Publikum mit Helge Timmerberg (64) von Bielefeld über Havanna und den Himalaja bis nach Kathmandu gereist. Vom Volontär bei der Lokalzeitung zu einem der einflussreichsten deutschen Reporter und Autor von 14 Büchern.

„Ich habe so wahnsinnig viel erlebt, dass es einfach nicht in ein Buch passt“, sagt er dieser Zeitung. Zu seinen wildesten Erlebnissen zählt die Überlandfahrt mit einem Laster nach Indien über die Türkei, den Iran und Pakistan, weiter, dass Schauspieler Steven Seagal ihm beim Aikido einen Daumen brach oder Hollywoodautor Hunter S. Thompson („Fear and Loa­thing in Las Vegas“) ihm die Freundin ausspannen wollte. Beate Uhse lud ihn in ihr Kleinstflugzeug, eine Cessna, ein und bezirzte ihn, ohne Vorerfahrung das Steuer zu übernehmen. Sein schlimmster Liebeskummer dauerte zwei Jahre und konnte nur durch den Anblick von Marrakesch geheilt werden. Helge Timmerberg ist der Typ, für den das Wort Lebenskünstler zu abgedroschen ist. Er ist Geschichtenerzähler, Weltreisender, gesunder Narzisst, dreifacher Vater – und hat endlich das Buch geschrieben, das er seinen Lesern schuldete: seine Autobiografie „Die rote Olivetti“ (Piper, 236 Seiten).

Und die geht gleich gut nach vorne los, wie Kultsänger Udo Lindenberg es ausdrücken würde. In einer Wohnung im Londoner Stadtteil Notting Hill, an deren Küchentisch der 18-jährige Timmerberg unter LSD-Einfluss das Universum auf eine Streichholzschachtel zeichnet. In der Nacht, in der drei Häuser weiter Jimi Hendrix starb. Fortan, gestützt durch die These eines ebenso drogenerfahrenen Philosophieprofessors, wird sich der Autor einbilden, die Seele Jimi Hendrix’ sei in seinen Körper eingefahren. Erst im Himalaja kommt der Sinneswandel, der den Hippie zurück ins Bürgertum ruft. Eine innere Stimme sagt Helge Timmerberg, er solle nach Hause, nach Bielefeld gehen und Journalist werden.

Er wird Volontär bei der „Neuen Westfälischen Zeitung“, später arbeitet er in den Achtzigern für Magazine wie „Stern“, „Playboy“ und „Tempo“. Es waren die goldenen Zeiten des Journalismus. Der Ich-Reportage. In seinen besten Jahren als Reporter schrieb er hauptsächlich Leute-Geschichten für die „Bunte“ und verdiente damit 20.000 D-Mark im Monat. Seinen Schreibtisch verlegte er aus Gründen der Dekadenz und dank der Erfindung des Faxgerätes irgendwann in das teuerste Gästehaus Kubas, das „Hotel Riviera“ in Havanna. „Einen Tag Arbeit, sechs Tage frei, ich machte es umgekehrt wie Gott“, sagt Timmerberg.

Sein nächstes Ziel ist Russland, nur die Leber macht ihm Sorgen

Die Vertreibung aus dem Paradies folgte für Timmerberg erst mit dem Rausschmiss des damaligen „Bunte“-Chefredakteurs und heutigen „Bild“-Kolumnisten Franz Josef Wagner, bei der Gelegenheit wurde er gleich mit entlassen. Die Rückkehr aus Havanna ins verregnete Hamburg führte den Weltreisenden an den Rand einer Depression. Kurieren konnten ihn nur das Schreiben und Reisen – von da an werden es nur noch vereinzelt Reportagen und dafür Bücher.

Im Mai will er über Wien bis nach Wladiwostok fahren. „Ich war noch nie in Russland. Jetzt habe ich eine russische Freundin, und sie wird mein Ohr und meine Zunge sein“, erzählt der Autor. Nur um seine Leber habe er ein bisschen Sorge. „Wolga oder Wodka?“, fragt er, „Welcher Fluss ist größer?“

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