Silvester-Übergriffe

Einsatzleiter rechnete „nicht ansatzweise“ mit Köln-Exzessen

Mehr als drei Monate nach den Silvester-Übergriffen in Köln musste jetzt der damalige Einsatzleiter der Polizei zum Geschehen aussagen.

Der Einsatzleiter der Landespolizei Günter R. wird vom parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Umständen der Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln befragt.

Der Einsatzleiter der Landespolizei Günter R. wird vom parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Umständen der Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln befragt.

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Düsseldorf.  Vor der Silvesternacht in Köln hat die Polizei nach Darstellung ihres damaligen Einsatzleiters keinerlei Hinweise auf mögliche Exzesse gehabt. Vorab sei keine besondere Gefahrenlage erkennbar gewesen, sagte der 57-jährige Zeuge am Freitag im „Untersuchungsausschuss Silvesternacht“ des nordrhein-westfälischen Landtags. Bahnhof und Domplatz seien nicht als besondere Einsatzorte mit speziellen Polizeikräften vorgesehen gewesen, weil sie in den Vorjahren nie Kriminalitätsschwerpunkte gewesen seien, sagte Polizeihauptkommissar Günter R. Mit massenhaften sexuellen Übergriffen sei „nicht im Ansatz“ zu rechnen gewesen.

Am Kölner Hauptbahnhof hatten in der Silvesternacht Männergruppen zahlreiche Frauen sexuell belästigt, drangsaliert und ausgeraubt. Zeugen sprachen von Tätern mit nordafrikanischem oder arabischem Aussehen. Bislang wurden laut Staatsanwaltschaft Köln 1139 Anzeigen gestellt, davon 485 wegen einer Sexualstraftat.

Als er selbst am Abend mit dem Zug zum Silvesterdienst nach Köln gefahren sei, habe er erstmals Gruppen von Migranten auf dem Bahnhofsvorplatz gesehen, die sich Böller vor die Füße geworfen hätten, berichtete der Kommissar. Die Wache habe davon noch gar nichts mitbekommen. Notrufe oder Einsätze habe es noch nicht gegeben. „Das hatte offensichtlich außer mir keiner wahrgenommen.“

Polizei sei komfortabler aufgestellt gewesen

Im Vorfeld habe es Hinweise gegeben, dass mit mehr Taschendieben zu rechnen sei, sagte Günter R. Nordafrikanische Taschendiebe seien für die Kölner Polizei aber „Alltagsgeschäft“. Ebenso wie Tumulte bei allen Ereignissen, wo viel Alkohol im Spiel sei. Dass nordafrikanische „Antänzer“ massiv Frauen bedrängen, sei völlig untypisch und daher nicht erwartbar gewesen. „Das sind Taschendiebe. Die bemühen sich, nicht aufzufallen.“

Im Vergleich zum Vorjahr sei die Polizei deutlich komfortabler aufgestellt gewesen. Zum Jahreswechsel waren in Köln laut Bericht des NRW-Innenministeriums 142 Beamte der Landespolizei im Einsatz gegenüber 83 im Vorjahr.

Am späten Abend habe er die Meldung bekommen, jetzt seien auf dem Bahnhofsvorplatz bis zu 1200 enthemmte Leute. „Die ballern ordentlich rum. Das ist kritisch.“ Daraufhin habe er sich selbst einen Überblick vor Ort verschafft, den „Tumult“ gesehen und aus Angst vor einer Massenpanik mit Toten und Verletzten den Bahnhofsvorplatz kurz nach Mitternacht räumen lassen. Der habe aber kurz darauf wieder freigegeben werden müssen, nachdem die Bundespolizei gemeldet habe: „Der Bahnhof ist zugelaufen.“

Weinende Frauen im Vorraum

Als er zurück zur Wache gekommen sei, hätten viele Bürger im Vorraum gesessen, darunter weinende Frauen. Ein Kollege habe ihm von einer „neuen Masche“ berichtet, wonach Frauen Handys gestohlen worden seien, während sie sexuell bedrängt wurden. „Das war für mich ein völlig unbekannter Modus operandi.“

Daraufhin sei er erneut zum Bahnhof gefahren. Keiner der Passanten habe aber ihn oder seine Kollegen auf Übergriffe angesprochen. „Diese Dinge sind uns nicht gesagt worden. Wir sind davon ausgegangen, dass wir die Lage im Griff haben.“ Verstärkung habe er nicht angefordert.

Die Schilderung einer letztlich entspannten Lage sei schwer in Einklang zu bringen mit den Berichten von Frauen, die in drangvoller Enge eingekesselt, begrapscht und bestohlen worden seien, hielt ihm der Ausschussvorsitzende Peter Biesenbach entgegen.

Viele, vor allem junge Polizisten litten darunter, dass sie davon in der Dunkelheit und bei großem Lärmpegel nichts mitbekommen hätten, gab der Einsatzleiter an. Einigen Opfern sei während der Übergriffe der Mund zugehalten worden. „Wenn da Dinge im Schutz einer Menschenmasse passieren, sind die nicht wahrnehmbar.“ (dpa)