Fluchtkrise

Organisierter Exodus aus Griechenland – wer steckt dahinter?

Die Flucht von 2000 Menschen aus Griechenland war wohl eine gesteuerte Aktion. Drei Menschen starben. Wer dahintersteckt, ist unklar.

Flucht aus Kälte, Nässe und Hoffnungslosigkeit: Ein Mann mit seinem Kind versucht wie viele andere Geflüchtete auch, aus dem überfüllten Lager in Idomeni über die grüne Grenze nach Mazedonien zu gelangen. Doch die griechische Polizei hält sie auf.

Flucht aus Kälte, Nässe und Hoffnungslosigkeit: Ein Mann mit seinem Kind versucht wie viele andere Geflüchtete auch, aus dem überfüllten Lager in Idomeni über die grüne Grenze nach Mazedonien zu gelangen. Doch die griechische Polizei hält sie auf.

Foto: Nake Batev / dpa

Idomeni/Berlin.  Das Flugblatt ist auf weißem Papier gedruckt. Viele Sätze auf Arabisch, eine griechische Zeitung hat sie übersetzen lassen. „Die griechisch-mazedonische Grenze ist zu und wird es bleiben“, steht dort. Dann wird versprochen, wer es illegal über die Grenze schaffe, werde bleiben können. Und: „Deutschland akzeptiert noch Flüchtlinge.“ Die Verfasser des Flyers, der offenbar unter den Syrern, Irakern und Afghanen in dem überfüllten Camp verteilt wurde, schlagen vor: Bildet eine große Gruppe, fünf Kilometer weiter trennt kein Zaun mehr die Grenze. Treffpunkt: 14 Uhr, eine Karte zeigt den Weg. Unten auf dem Papier ein Hinweis auf den Absender: „Kommando Norbert Blüm“.

Montagfrüh ertranken drei Menschen aus Afghanistan bei dem Versuch, ein paar Kilometer entfernt vom Lager Idomeni einen Fluss zu überqueren und dann illegal nach Mazedonien zu gelangen. Dass sie dem Aufruf gefolgt waren, lässt sich allerdings nicht belegen. Das Flugblatt wurde erst ein Tag später bekannt.

Am Wochenende war der frühere Arbeitsminister Blüm nach Idomeni gereist. Der CDU-Mann stellte sein Zelt unter den Tausenden anderen im Matsch auf – und schlief dort eine Nacht. Blüm, 80, bezeichnete die Zustände als Anschlag auf die Menschlichkeit.

Väter tragen ihre Kinder durch den Fluss

Als Blüm wieder weg war, tauchte das Flugblatt auf. Am Montagmorgen brachen dann laut Medien rund 2000 Geflüchtete aus dem Lager auf und versuchten auf einem anderen Weg nach Mazedonien zu gelangen. Bilder gingen um die Welt, wie Väter ihre Kinder durch die Strömung eines Flusses trugen, wie Frauen durch das Wasser waten, ihre Zelte über der Schulter.

Ungarns Premier Viktor Orbán schürte gestern weiter Ängste und warnte vor der „Zerstörung Europas“ durch die Migranten. Die griechische Regierung sieht in der Flüchtlingswanderung von Idomeni über die grüne Grenze nach Mazedonien eine organisierte Aktion. Doch wer steckt dahinter? „Ich verstehe die Verzweiflung dieser Leute – aber ich hätte sie nie zu so etwas ermuntert“, sagte Blüm zu „Spiegel Online“. Er wisse nicht, wer Initiator der Aktion sei. In Verdacht hatten manche Kenner der Helferszene das Zentrum für politische Schönheit, das bereits mehrfach mit provokanten und umstrittenen Aktionen auf die Lage von Flüchtlingen aufmerksam gemacht hatte. Etwa: „Die Toten kommen“ – sie überführten im Mittelmeer ertrunkene Menschen nach Deutschland und hoben etliche Gräber vor dem Reichstag aus. Der Verdacht auf das Zentrum lag nahe, weil Aktivisten sich auch in Idomeni engagieren. Aus diesen Kreisen war am Montag auch diskret eine Routenbeschreibung gestreut worden. Später folgten Bitten, entsprechende Nachrichten zu löschen.

Das „Zentrum für politische Schönheit“ weist Verantwortung zurück

Die Gruppe hatte auch unter dem Begriff „Marsch der Hoffnung“ getwittert: „Wir müssen die Kraft der Flucht endlich anerkennen. Der Drang vorwärts ist unbändig.“ Doch es bleiben nur Gerüchte, wer die Aktion initiiert hat. Beweise fehlen. Auf Twitter bestritt das Zentrum dahinterzustecken. Das weisen auch die Aktivisten von „Peng!“ zurück, die zuletzt etwa aufgefallen waren mit dem Tortenanschlag auf AfD-Frontfrau Beatrix von Storch.

Am Dienstag schickte die mazedonische Polizei nach eigenen Angaben 1500 Geflohene zurück nach Griechenland. Sie seien durch eine Lücke im Grenzzaun ins Land gekommen. Im Lager Idomeni sitzen mehr als 12.000 Menschen nach der Schließung der Balkanroute fest, darunter viele Frauen und Kinder. Sie kampieren bei Regen und Kälte in Zelten und hoffen, doch noch legal weiter in Richtung Europa zu kommen. Viele sind krank. Mehrfach, so auch gestern, berichten einzelne Flüchtlinge von Gewalt etwa durch Schläge von mazedonischen Polizisten.