Asylbewerber

Mazedonien drängt Flüchtlinge wieder zurück nach Idomeni

Hunderte Flüchtlinge sind am Montag aus dem Lager in Idomeni aufgebrochen. Nun sind sie zurückgekehrt und berichten über ihren Weg.

Polizeikräfte haben Flüchtlinge nahe der griechisch-mazedonischen Grenze daran gehindert, alternative Fluchtrouten einzuschlagen.

Polizeikräfte haben Flüchtlinge nahe der griechisch-mazedonischen Grenze daran gehindert, alternative Fluchtrouten einzuschlagen.

Foto: Nake Batev / dpa

Idomeni.  Die Flüchtlinge sind erschöpft, durchnässt, und die Enttäuschung ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Hunderte von ihnen sind am Dienstagmorgen von Mazedonien aus nach Griechenland zurückmarschiert. Hoffnungsfroh waren sie noch am Vortag aus dem elenden und verschlammten Camp Idomeni aufgebrochen, um den wenige Kilometer langen Grenzzaun der Mazedonier zu umgehen. Doch die mazedonischen Sicherheitskräfte hielten sie auf ihrem Gebiet auf und zwangen sie mit aller Härte – und möglicherweise illegal – nach Griechenland zurück.

„Wir sahen uns einem Spalier mazedonischer Soldaten gegenüber, bewaffnet und mit Hunden“, berichtet Abir, eine 40-jährige Syrerin. Die Menschen hatten da schon einen Gewaltmarsch von etwa acht Kilometern hinter sich. Noch in Griechenland mussten sie einen Bach überqueren, der wegen der ausgiebigen Regenfälle der letzten Tage zum reißenden Gewässer angeschwollen war. „Die Soldaten ließen uns nicht weiter, aber taten uns so weit nichts, obwohl es bedrohlich war.“ Ihre Gruppe, erzählt die Syrerin, stellte an Ort und Stelle die aus Idomeni mitgebrachten Zelte auf und übernachtete. „Am Morgen machten die Soldaten unsere Zelte kaputt und riefen, wir sollten von hier verschwinden.“

Der Syrer Mohammed Abusch (29) berichtet von mutmaßlichen tätlichen Übergriffen seitens des mazedonischen Militärs. Seine Gruppe wurde ein wenig tiefer im Landesinneren gestellt. „Wir mussten uns auf den Boden setzen. Nach ein paar Stunden verfrachteten sie uns auf einen Militär-Lastwagen und setzten uns irgendwo an der grünen Grenze aus“, erzählt er. Dabei seien sie von den Soldaten mit Schlagstöcken traktiert worden.

Die Berichte der Flüchtlinge lassen sich von unabhängiger Seite vorerst nicht überprüfen. Aber wenn es stimmt, dass Mazedonien Hunderte Asylsuchende einfach über die „grüne Grenze“, abseits der regulären Grenzübergänge, nach Griechenland zurückgeschoben hat, dann hat es gegen internationales Recht verstoßen. Immerhin meldete die mazedonische Nachrichtenagentur Makfaks am Dienstag unter Berufung auf das Innenministerium in Skopje, dass 600 bis 700 Migranten an Griechenland „zurückgegeben“ worden seien. In Athen wusste man nichts davon.

Flüchtlinge bildeten Menschenkette

Der Exodus begann am frühen Montagnachmittag im Zentrum des Camps Idomeni. Wie auf ein geheimes Zeichen marschierten junge Männer vornehmlich aus Syrien los in Richtung Chamilo, einem Dorf westlich von Idomeni. Sofort folgten ihnen Hunderte weitere Flüchtlinge, nun auch viele Frauen und Kinder, viele nun auch aus dem Irak und Afghanistan. Offenbar schlossen sich viele Migranten an, die nicht im Camp Idomeni, sondern auf Autobahn-Parkplätzen, in Wäldern und leer stehenden Gebäuden der Umgebung hausen. Die Stimmung war euphorisch. „Wir gehen nach Deutschland!“, riefen einige junge Afghanen. Bis zu 2000 Menschen könnten sich Schätzungen zufolge dem Treck angeschlossen haben.

Selbst der Hochwasser führende Bach kurz vor der mazedonischen Grenze hielt sie nicht auf. Starke, junge Männer und internationale Freiwillige bildeten eine Menschenkette, um die Schwächeren, die Alten, Frauen und Kinder über das reißende Gewässer zu geleiten. Gepäckstücke, Kinderwagen und Rollstühle wurden über die Fluten gehoben.

Die Aktion ist nur mit der Verzweiflung und Frustration der Asylsuchenden zu erklären, die seit der Schließung der sogenannten Balkanroute über Mazedonien in Griechenland festsitzen. Die griechischen Behörden veröffentlichten in der Nacht zum Dienstag ein Flugblatt in arabischer Sprache, das vor dem Exodus in Idomeni verteilt worden sein soll. Der Text verspricht den Menschen fälschlicherweise, dass sie Mazedonien bei einem Grenzsturm mit tausenden Menschen nicht mehr zurückschicken könne.

Signiert ist das Flugblatt mit „Kommando Norbert Blüm“. Der deutsche Ex-Politker hatte am Wochenende aus Solidarität mit Flüchtlingen eine Nacht im Zelt in Idomeni verbracht. Über die Urheberschaft gab es keine gesicherten Erkenntnisse. Blüm erklärte einem Bericht zufolge jedoch, dass er mit dem Flugblatt nichts zu tun habe. „Ich verstehe die Verzweiflung dieser Leute – aber ich hätte sie nie zu so etwas ermuntert“, sagte der frühere Bundesarbeitsminister gegenüber „Spiegel Online“. „Auf die Idee wäre ich nicht gekommen.“ Stecken also junge deutsche Linksradikale dahinter, die sich als humanitäre Helfer engagieren? Oder wollte jemand eine falsche Fährte legen? Der Sprecher des UN-Hilfswerks UNHCR in Idomeni, Babar Baloch, hält es für möglich, dass der Flyer das Werk von kriminellen Schmuggler-Netzwerken war.

Der für Migration zuständige EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos hat die Lage im Flüchtlingscamp von Idomeni als tragisch und unakzeptabel angeprangert. Nach einem Besuch an der mazedonischen Grenze sagte er am Dienstag, in Idomeni würden die Werte der zivilisierten Welt „auf die Probe gestellt“. „Das muss aufhören“, sagte er. Er riet den Migranten, in besser ausgestattete Lager im Landesinneren Griechenlands zu gehen. (dpa)