Zensur

Popstar Madonna spielt in Singapur nur für Erwachsene

Madonna tritt in Singapur auf. Für die Fans gibt es aber nur ein abgeschwächtes Programm. Der Stadtstadt verbietet Teile der Show.

Auf ihrer „Rebel Heart“-Tour tanzt Madonna mit Tänzerinnen in knappen Nonnenkostümen. In Singapur wurde dieser Auftritt verboten.

Auf ihrer „Rebel Heart“-Tour tanzt Madonna mit Tänzerinnen in knappen Nonnenkostümen. In Singapur wurde dieser Auftritt verboten.

Foto: Thais Llorca / dpa

Singapur.  Popstar Madonna bekommt die Macht der Zensurbehörde in Singapur zu spüren. Der kleine Stadtstaat will in der ersten Liga spielen. Es gibt ein hervorragendes Bildungssystem, florierende Wirtschaft, gut bezahlte Jobs, ziemlich wohlhabende Einwohner. International punktet die Tropenmetropole fast am Äquator in Südostasien mit dem spektakulären Formel 1-Nachtrennen, kulturell schmückt sie sich gerne mit Weltstars. Aber selbst ein Superstar wie Madonna darf sich in Singapur nicht alles erlauben. Die „Queen of Pop“ bekam für ihren ersten Auftritt in Singapur am Sonntag erst grünes Licht, als sie versprach, die provozierendsten Aktionen aus ihrer Show im Rahmen der „Rebel Heart“-Tournee zu streichen.

In Europa und Nordamerika spielte Madonna ein Medley von „Holy Water“ (dt. Weihwasser), einem Track von ihrem neuen Album, und dem Hit „Vogue“. Tänzerinnen in knappen Nonnenkostümen verrenken sich dabei an kreuzförmigen Stangen. Das war den Zensoren zu viel. Der Song verletze Richtlinien für religiöse Inhalte und dürfe nicht gespielt werden, beschied die Medienbehörde MDA. Zudem sei das Konzert wegen sexueller Inhalte nicht für Besucher unter 18 Jahren zugelassen.

Zensur-Hürden in Singapur nichts Neues

Solche Zensur-Hürden sind für Künstler in Singapur nichts Neues. Der Stadtstaat will zwar in der Region Akzente als Zentrum für Kunst und Kultur setzen, gleichzeitig beanspruchen die Behörden aber Deutungshoheit, was für die 5,4 Millionen Einwohner gut ist und was nicht. Sie haben Angst, dass heikle Themen wie Sexualität, Religion oder ethnische Zugehörigkeit Singapurs soziale Harmonie stören. Daher sind gewisse Themen tabu.

Die Regierung investiert große Summen in Theater- und Museumsbauten und Kunstmessen und finanziert Kulturprojekte großzügig – aber mit Bedingungen. Künstlern müsse klar sein, dass sie „öffentliche Institutionen nicht in schlechtem Licht oder herabwürdigend darstellen dürfen“, sagte Baey Yam Keng, parlamentarischer Staatssekretär im Kulturministerium, im Januar. Die MDA meint, dass die Vorschriften allgemein akzeptierte gesellschaftliche Normen reflektieren. Ziel sei es unter anderem, die Jugend zu schützen.

Offene Verbote würden zu viel Aufsehen erregen, sagt Alvin Tan, künstlerischer Direktor der Theater-Gruppe „The Necessary Stage“. „Die Zensoren nutzen raffiniertere Methoden zur Kontrolle.“ So werde manchen Kultur-Projekten finanzielle Unterstützung versagt oder Veranstaltungsorte, die fast alle in öffentlichem Besitz sind, stünden nicht zur Verfügung. Als seine Gruppe etwa 2013 ein von einem ehemaligen politischen Häftling geschriebenes Stück aufführen wollte, habe er einen Anruf erhalten, erzählt Tan. Sollte das Stück laufen, werde die Förderung leiden, hieß es.

Schwieriges Verhältnis zwischen Staat und Künstlern

Auch wenn die Finanzierung – ob staatlich oder privat – feststeht, kann die MDA weiter mitreden. Texte für Theateraufführungen müssen vorgelegt werden. Die Zensoren können auch noch in letzter Minute Änderungen verlangen, wie etwa die Comedy-Truppe „Chestnuts“ bei ihrer großen Show zum 50. Jahrestag der Staatsgründung Singapurs feststellen musste. Nur Stunden vor der Premiere kam die Ansage der Zensoren: Ein 40-Minuten Sketch, inspiriert von einem Teenager, der auf YouTube den Staatsgründer Lee Kuan Yew und das Christentum kritisiert hatte, müsse weg, wie Regisseur Jonathan Lim erzählt.

„Chestnuts“ bekommt keine Steuergelder, wie Lim betont. „Die Hand, die einen füttert, kann man nicht beißen. Wir wollen aber bissig sein. Nur mussten wir feststellen, dass es auch die andere Hand gibt, die einen schlägt.“ Es sei frustrierend, dass die Regeln so schwammig seien. „Es ist schwer zu erraten, was plötzlich heikel sein könnte.“

Aus dem ständigen Ringen zwischen Kreativität und Kontrolle hat sich ein schwieriges Verhältnis zwischen dem Staat und den Künstlern entwickelt. „Wir sind in einem Teufelskreis gefangen“, sagt Tan. Die Regierung vertraue den Menschen nicht, und diese hätten wegen der paternalistischen Interventionen kaum die Fähigkeit, Konflikte zu lösen. „Also denkt der Staat, dass die Menschen nicht die Fähigkeiten oder den Verstand haben, selbst zu entscheiden, ohne den Status quo zu gefährden. Und so geht der Teufelskreis weiter.“ (dpa)