Justiz

US-Häftling Albert Woodfox frei – nach 43 Jahren Einzelhaft

Nach mehr als 40 Jahren in Einzelhaft ist der als Mörder verurteilte Albert Woodfox, der immer seine Unschuld beteuerte, wieder frei.

Wohl niemand hat in den USA so lange in Isolationshaft gesessen wie der 69-jährige Albert Woodfox (r.): Die ersten Schritte in Freiheit machte er mit seinem Bruder Michel Mable.

Wohl niemand hat in den USA so lange in Isolationshaft gesessen wie der 69-jährige Albert Woodfox (r.): Die ersten Schritte in Freiheit machte er mit seinem Bruder Michel Mable.

Foto: Billy Sothern (attorney For Albe / dpa

Washington.  Irgendwann waren die klaustrophobischen Panik-Attacken so stark, dass Albert Woodfox glaubte zu ersticken, wenn er sich in seiner fensterlosen, drei mal zwei Meter kleinen Zelle nassgeschwitzt aufs Bett legen wollte. Nacht für Nacht, fast drei Jahre lang, stellte er seine Matratze hochkant an die Wand, setzte sich davor und versuchte im Sitzen zu schlafen.

Überlebenstechniken, die über 43 Jahre und zehn Monate nie ans Licht der Öffentlichkeit fanden. Nach der Freilassung an seinem 69. Geburtstag hat der bis dahin am längsten in Isolationshaft verbannte Gefangene Amerikas jetzt zum ersten Mal Auskunft darüber gegeben, wie oft er dem Wahnsinn nahe war. Und was ihn rettete. „Ich habe viele Selbstgespräche geführt. Ich musste mich davon überzeugen, dass ich stark genug bin, um zu überleben“, sagte Woodfox dem britischen Journalisten Ed Pilkington.

Gefängnis galt als Inbegriff der Justiz-Willkür

Albert Woodfox war 1971 wegen eines bewaffneten Raubüberfalls nach „Angola“ geschickt worden. Benannt nach einer von Sümpfen umgebenen früheren Baumwoll-Plantage, galt das Hochsicherheits-Gefängnis nördlich von Baton Rouge im Bundesstaat Louisiana über Jahrzehnte als Inbegriff von Justiz-Willkür. Über 300 Häftlinge brachten sich dort um. Woodfox und zwei andere Schwarze, Herman Wallace und Robert King, schlossen sich damals der Black Panther-Bewegung an. Sie pochten auf bessere Haftbedingungen.

Das machte das Trio zur Zielscheibe, als 1972 eine Revolte ausbracht und der Aufseher Brent Miller mit 33 Messerstichen ermordet wurde. Obwohl die Beweislage extrem dünn war und sich die Angeklagten für unschuldig erklärten, wurde der Mord Woodfox, Wallace und gewissermaßen auch King angehängt. Konsequenz: Einzelhaft. Auf ewig eingesargt in Stahl, Beton und Einsamkeit. Ein Todesurteil in Zeitlupe.

Haarsträubende Versäumnisse der Ermittler

Woodfox überlebt, weil er stärker war als Mithäftlinge, die den Tag „schreiend oder stumm in embryonaler Haltung am Boden verbrachten“. Als die Restriktionen gelockert werden, liest der Mann mit der dünnen Nickelbrille alles, was ihm in die Finger kommt. Den Gehirnmuskel trainieren, nennt er das. „Ich habe mir geschworen, dass ich ihnen nicht erlauben würde, mich zu brechen und in den Wahnsinn zu treiben.“ Dabei gibt sich das System alle Mühe. 23 Stunden am Tag ist Woodfox mit sich allein. Unterbrochen wird die Isolation nur von 60 Minuten überwachtem Ausgang. Menschlicher Kontakt? Die Gefängniswärterhände, die das Essen durch einen Schacht in der Zellentür schieben.

Zweimal wurde der Prozess gegen Woodfox neu aufgerollt. Zweimal kamen haarsträubende Versäumnisse der Ermittler ans Licht. Höhere Instanzen verwarfen darum das Urteil. Der Ruf nach Freilassung wurde so laut, dass die Vereinten Nationen in den Chor der Unterstützer einstimmten. Selbst die Witwe von Brent Miller sagte über Jahre: „Woodfox ist unschuldig.“

Aber in Louisiana herrschte bis vor kurzem Buddy Caldwell. Der Generalstaatsanwalt machte es zu seiner Mission, Woodfox in Gefangenschaft zu halten. Selbst als ein Bundesrichter im Sommer 2015 „bedingungslose Freiheit“ für Woodfox anordnete, blieb Caldwell stur. Ein dritter Prozess sollte her. Obwohl alle Zeugen tot sind.

Woodfox will als erstes das Grab seiner Mutter besuchen

Erst als Caldwell abgewählt war und Nachfolger Jeff Landry übernahm, kam neue Bewegung in den Fall. Und ein anrüchiger „Deal“ („No Contest Plea“) auf den Tisch: Woodfox‘ bekennt sich zu zwei weniger schweren Vergehen, dann gilt seine Strafe als abgesessen. Hintergedanke: Louisiana wahrt das Gesicht. Woodfox gilt dort weiter als verurteilt. Woodfox zögerte. „Ich war es nicht.“ Schließlich willigten die Anwälte mit Blick auf den schlechten Gesundheitszustand ihres Mandanten doch ein. „Ein Schuldeingeständnis ist das aber auf keinen Fall“, sagt Verteidiger George Kendall.

Auf die Frage, was er nun als erstes tun werde, erklärte Woodfox am Wochenende: „Ich werde das Grab meiner Mutter und meiner Schwester besuchen. Als sie starben, durfte ich mich nicht von ihnen verabschieden.“ Und danach? Präsident Obama hat Ende Januar angeordnet, dass die Isolationshaft für jugendliche Straftäter und Kriminelle, die keine schweren Verbrechen begangen haben, in Bundesgefängnissen abgeschafft wird. In Haftanstalten der Bundesstaaten sitzen aber noch 80.00 Männer und Frauen unter Bedingungen, die selbst der Oberste Gerichtshof als „grausam“ bezeichnet. Für sie, sagt Albert Woodfox, will er sich einsetzen. „Die Isolationshaft muss abgeschafft werde. Das ist qualvollste Erfahrung, die ein Mensch im Gefängnis machen kann. Das ist Bestrafung, die kein Ende nimmt.“

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