Flüchtlinge

Sturz durch Kamerafrau – Reporter trifft Syrien-Flüchtling

Der Sturz über das Bein einer Kamerafrau in Ungarn schlug Wellen. Ein Deutscher machte die Szene öffentlich. Er traf nun die Familie.

Erstes Treffen: Reporter Stephan Richter, Sohn Said und Osama Abdul Mohsen in Spanien. Der Journalist hatte die Szene des Sturzes gefilmt und über Twitter verbreitet.

Erstes Treffen: Reporter Stephan Richter, Sohn Said und Osama Abdul Mohsen in Spanien. Der Journalist hatte die Szene des Sturzes gefilmt und über Twitter verbreitet.

Foto: Stephan Richter

Berlin.  Vielleicht beschreibt diese Szene den Zwiespalt, in dem sich der Familienvater Osama Abdul Mohsen befindet, am besten: Der 48-Jährige sitzt gemeinsam mit dem Fernsehreporter Stephan Richter an seinem Schreibtisch des kleinen spanischen Fußballvereins von Getafe, einer Stadt ganz in der Nähe von Madrid. Sie blicken auf den Computerbildschirm und auf Facebook posten Bekannte immer wieder dieses Video: Es zeigt den Syrer, wie er nahe der ungarischen Grenze zu Serbien mit seinem Sohn über ein Feld rennt – bis ihm eine Reporterin des ungarischen Senders N1TV ein Bein stellt.

Osama ärgert sich noch immer über das Video, schüttelt den Kopf. Doch er wird es nicht los. Es begegnet ihm ständig, zum Beispiel auf Facebook. Ob es besser gewesen wäre, wenn es den Clip nie gegeben hätte? Nein, das mit Sicherheit auch nicht. Schließlich habe der Clip ihm dabei geholfen, schnell einen Job zu bekommen und eine auch Wohnung. Er erlangte so unerwünschte Berühmtheit, von der er profitierte.

Vater trainiert Fußballmannschaft

Von dieser Begegnung erzählt Stephan Richter. Der Journalist des Fernsehsenders RTL hat die Handy-Aufnahmen gemacht, die später um die Welt gingen. Nun hat er den Syrer und seine Söhne das erste Mal in Spanien getroffen. „Es war schön zu sehen, dass es Osama und dem 8-jährigen und 17-jährigen Sohn gut geht. Der Vater trainiert die Jugendmannschaft des Fußballvereins, eine Art Talentschmiede“, sagt Richter. In der Nachbarschaft hätten sich die drei schon eingelebt, die Söhne gehen auf die Schule. Das Video ist in der Familie aber ein Tabu.

Rückblick: Beim Grenzübergang der ungarischen Stadt Röszke brachen Hunderte Menschen an diesem Tag im September durch eine Polizeiabsperrung. In dem Gerangel verlor der RTL-Reporter Richter seinen Kameramann und zückte sein Handy, um das Chaos zu dokumentieren. Dabei fing er die unrühmlichen Bilder der Reporterin Petra L. ein. Er war nicht der einzige, der den stürzenden Familienvater Osama filmte – doch seine Aufnahmen verbreiteten sich am rasantesten.

„In dem Moment war mir das nicht bewusst. Ich habe erst am Abend gesehen, was da genau zu sehen war und welche Wellen das Video schlug“, sagt Richter. Drei Tage lang hat er die kleine Familie, die nun in Spanien lebt, besucht, um einen Beitrag für den Sender zu drehen und sie kennenzulernen.

Nach wie vor ist die Familie von Osama nicht vereint. Die Mutter lebt mit zwei Kindern noch immer in der Türkei, sie wartet auf die Erlaubnis für die Weiterreise. Sie haben keinen Kontakt. „Sie reden nicht über das Video, weil es die schlechten Erinnerungen an die Flucht wach ruft.“ Der Vater will etwas Normalität für die Familie. Und das Video würde die düsteren Erinnerungen an die Flucht – aus Syrien über Deutschland nach Spanien – wohl immer wieder aufwühlen.

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