Paris –

Die bewegende Rückkehr der Rocker

Drei Monate nach dem Terror von Paris holten die Eagles of Death Metal ihr Konzert nach

Paris. Rot-Weiß-Blau – die Gitarre, zu der Leadsänger Jesse Hughes für die letzte Zugabe griff, trug die französischen Nationalfarben. „Ich liebe euch verdammt noch mal alle!“, rief Hughes nach dem Abschlusssong in den Saal und umarmte einen Fan im Rollstuhl neben der ersten Zuschauerreihe. Der minutenlange, tosende Applaus des Publikums trieb dem Rocker an diesem Dienstagabend die Tränen in die Augen.

Das Konzert der US-Rockband Eagles of Death Metal im berühmten Konzertsaal Olympia – es wird in die Annalen von Paris eingehen. Wegen seiner zahlreichen Gefühlsausbrüche, und wegen seines Symbolwerts. Diesen Auftritt hatten die Eagles unbedingt absolvieren wollen, weil sie überzeugt waren, ihn ihren Pariser Fans zu schulden. Schon zwei Wochen, nachdem islamistische Terroristen am 13. November ihr Konzert in der Pariser Konzerthalle Bataclan stürmten und 90 Menschen töteten (mehr als 300 wurden zum Teil sehr schwer verletzt), hatte Jesse Hughs erklärt: „Ich will unser Pariser Konzert unbedingt zu Ende spielen, um zu beweisen, dass das Leben weiter geht“.

25 Psychologen betreuten die Überlebenden des Anschlags

Bereits im Dezember spielte die kalifornische Band einen kurzen Gastauftritt bei einem U2-Konzert in Paris, doch „ihr“ Konzert fand – unter drastischen Sicherheitsvorkehrungen – erst vorgestern statt. Die Eagles hatten alle Fans eingeladen, die die Tragödie im Bataclan miterleben mussten. 900 folgten dem Aufruf, teils mit sehr gemischten Gefühlen. Die Mitglieder der Band bereiteten ihnen bereits zwei Stunden vor dem Konzert einen Sonderempfang. „Ich hatte Angst vor meinen Reaktionen“, gab Lydia am späten Abend zu. Aber die 27-Jährige, die bei dem Anschlag schwer verletzt wurde und immer noch an Krücken geht, musste einfach kommen, „weil ich mein Trauma überwinden und die Stücke meines Lebens wieder zusammensetzen will“.

25 Psychologen betreuten die „Überlebenden des Bataclan“, wie sie sich selbst nennen, vor und während des Konzerts. „Für viele ist das Teil ihrer Therapie“, meinte eine der anwesenden Ärztinnen. Trotzdem trieb sie die Sorge um, dass „es dafür noch zu früh sein könnte“. Aber niemand wurde Opfer einer Panikattacke. „Ich war am Anfang unheimlich nervös und habe mit den Augen immer wieder die Notausgänge gesucht“, erzählt Emmanuel (32): „Doch mit jedem Stück, das die Eagles spielten, ging es mir besser. Das Konzert war super, sehr bewegend – und es hat mir verdammt gutgetan.“ Damals, am 13. November, erstickten die Terroristen den Abend im Blut, als die Eagles gerade die ersten Noten ihres Songs „Kiss of the Devil“ anstimmten. Ein Stück, das die Band seither nicht mehr gespielt hat, auch am Dienstagabend nicht. Stattdessen sangen die Eagles zum Auftakt „Il est cinq heures, Paris s’éveille“ (Es ist fünf Uhr, Paris erwacht), eine berühmte Liebeserklärung des Chansonniers Jacques Dutronc an die französische Hauptstadt. Mitten in ihrem ersten eigenen Song dann hielt die Rockband für einen Moment inne. „Wir denken an die Opfer“, sagte Hughes in die urplötzliche Stille hinein und setzte nach einigen Sekunden hinzu: „Aber jetzt zurück zum Spaß!“

Und so war es. Zwei Stunden lang hielten die Eagles das Publikum mit ihrem Glamrock und ihrer ausgelassenen Bühnenshow in Atem. Um zu beweisen, dass Selbstmordattentäter den Spaß nicht töten können und wohl auch, um ihren eigenen, im Bataclan durchlittenen Schrecken zu bannen. „Ich danke euch allen, dass ihr heute Abend gekommen seid“, rief Hughes, sichtlich von seinen Gefühlen übermannt, zwischen zwei Songs ins Publikum: „Ich danke euch, denn wir brauchten euch heute wirklich!“