Musikpreis

Kendrick Lamar rettet die Grammys vor der Belanglosigkeit

Bei den Grammys wurden mehrheitlich weiße Konsens-Kandidaten geehrt. Der wahre Gewinner der Show war aber US-Rapper Kendrick Lamar.

Washington.  Beim bedeutendsten Musikpreis der Welt hat man sich seit der Premiere 1958 daran gewöhnt, dass die Jury der „National Academy of Recording Arts and Sciences“ regelmäßig den falschen Leuten die kleinen goldenen Grammophönchen hinterher wirft. Nicht diejenigen, die den Blues im Geniestreich neu erfinden, Rock’n’Roll ins nächste Jahrhundert überführen oder die Mauern zwischen Hip-Hop und Hitparade einreißen werden mit den umsatzfördernden Trophäen beglaubigt. Sondern in der Regel die immergleichen Branchengrößen. Der für möglichst viele Gehörgänge schnell konsumierbare Mainstream.

So gesehen war es keine Überraschung, dass bei der 58. Verleihung der Grammys am Montagabend im Staples Center von Los Angeles das seit Wochen verkündete Zeitalter des schwarzen Rap wieder nicht anbrach. Sondern mit Taylor Swift (bestes Album – „1989“), Mark Ronson/Bruno Mars (beste Einzelaufnahme – „Uptown Funk“) und Ed Sheeran (bester Song – „Thinking Out Loud“) mehrheitliche weiße Konsens-Kandidaten den Sieg in wichtigen Kategorien davon trugen – eine komplette Übersicht über die Preisträger gibt es hier.

Kendrick Lamar blieb die große Anerkennung versagt

Dabei wäre die hinsichtlich ihrer popkulturellen Relevanz erneut ziemlich belanglose Veranstaltung komplett untergegangen, wenn nicht Kendrick Lamar gewesen wäre. Der in elf Sparten nominierte Sprech-Art-Künstler aus L.A.s Mega-Problem-Stadtteil Compton nahm am Ende zwar fünf Auszeichnungen, darunter für das beste Rap-Album („To Pimp A Butterfly“), entgegen. Die ganz große Anerkennung blieb dem derzeit wirkungsmächtigsten Sprachrohr afro-amerikanischen Lebensempfindens allerdings versagt.

Lamar muss es geahnt haben. Seinen grandiosen Live-Auftritt zu den Titeln „The Blacker The Berry“ und „Alright“ gestaltete der Miles Davis der Rap-Musik mit blau geschminktem Auge – und in Gefängnisketten gelegt. Nach dem reichlich diskutierten Agitprop-Auftritt von R&B-Diva Beyoncé beim Football-Endspiel zeigte das schwarze Amerika damit zum zweiten Mal vor einem Millionen-Publikum, wie es sich in Zeiten von Diskriminierung und grassierender Polizeigewalt lebt.

Dass bei der erneut von Schlägermützenträger „Ladies Love Cool James“ (LL Cool J) moderierten Leistungsshow das Gros der mehr als 80 „Musik-Oscars“ erneut abseits der Kameras verteilt wurde, nährte die Hoffnung auf exquisite Live-Auftritte, die über den Tag hinaus wirken. Aber schon die Hommage an den noch lebenden Lionel Richie, dessen Schmuse-Hymnen „Hello“ und „Easy“ von Dritten verdengelt wurden, fiel lauwarm aus. Auch die „Hollywood Vampires“ mit Alice Cooper und Johnny Depp scheiterten bei dem Versuch, dem gerade verstorbenen Motörhead-Titanen Lemmy Kilmister Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Dagegen geriet das „Ruhe sanft“, das Stevie Wonder in A-capella-Manier für „Earth, Wind and Fire“-Gründer Maurice White parat hatte, ebenso würdevoll wie das, was Bonnie Raitt, Gary Clark Jr. und der großartige Country-Barde Chris Stapleton aus B.B. Kings Hymne „The Thrill Is Gone“ destillierten.

Höhepunkt war Lady Gagas Tribut an David Bowie

Höhepunkt der Heiligen-Verehrung war wie erwartet Lady Gagas aufwändig inszenierter Tribut an David Bowie. Von „Space Oddity“ bis „Heroes“ begab sich das wandlungsfähigste Chamäleon des Pop auf eine komprimierte Zeitreise durch das Lebenswerk des „dünnen, weißen Duke“. Wie selbstverständlich und doch respektvoll sich die in allen Musikgattungen blendend zurecht findende Gaga Bowie anverwandelte, erntete zu recht lautstarken Beifall.

Was sonst noch auffiel und zum Hineinhören Anlass geben könnte? Andra Day und Ellie Goulding, die eine schwarz, die andere weiß, verfügen über große Stimmen, von denen man noch hören wird. Auch die Urgewalt von Brittany Howard, der Wuchtbrumme der „Alabama Shakes“, die für „Don’t Wanna Fight“ den Preis für den besten Rock-Song erhielten, muss man erlebt haben. Ebenso das weit über das Country-Genre hinausreichende Talent von Chris Stapleton („Traveller“) und „Little Big Town“, die mit „Girl Crush“ nicht nur Mädchenherzen höherschlagen lassen.

Noch was vergessen: Vom notorisch unangenehmsten Vertreter der Branche war bei den Grammys – dem Herr sei’s gedankt – weit und breit nichts zu sehen. Und das bisschen, was über Kanye West zu sagen war, fasste Taylor Swift in einen Satz: „Es wird immer Menschen geben, die deinen Erfolg untergraben oder deine Errungenschaften für sich beanspruchen wollen.“