Unfall

Wie Helfer nach Zugunglück mit elf Toten am Limit arbeiten

Am zweiten Tag nach dem Zugunglück bei Bad Aibling bergen die Aufräumarbeiten Risiken. Die Polizei bestätigt ein elftes Todesopfer.

Einsatzkräfte an der Unglücksstelle der Züge in Bad Aibling: Ihre Arbeit ist sehr gefährlich.

Einsatzkräfte an der Unglücksstelle der Züge in Bad Aibling: Ihre Arbeit ist sehr gefährlich.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Bad Aibling.  Helfer in orangen und gelben Neonwesten sind auch am zweiten Tag nach dem Zugunglück von Bad Aibling am Unglücksort. Sie arbeiten am Limit, um die Wracks zu bergen. Ein Knäuel aus zertrümmertem Blech zeugt von der Wucht der Kollision. Die verkeilten Zugteile stehen unter Spannung – eine äußerst gefährliche Aufgabe. Die Züge waren am Dienstagmorgen praktisch ungebremst aufeinander zugerast und haben sich regelrecht ineinander gefressen, noch ist unklar, wie es dazu kommen konnte. Teile könnten sich nun plötzlich mit Wucht lösen, abrutschen oder kippen.

Auch für die Schwerverletzten ist die Gefahr noch längst nicht vorbei. Am Donnerstagabend stieg die Zahl der Toten auf elf. Ein 47 Jahre alter Mann aus dem Landkreis München erlag in einer Klinik seinen Verletzungen, wie die Polizei mitteilte.

Vor Ort hatten die Helfer am Mittwoch bis in die Nacht bei Flutlicht im Schneetreiben gearbeitet, dann aber unterbrochen. Im Dunkeln ist der Job noch gefährlicher. „Da ist ja unheimlich viel Energie in dem Metall gespeichert, und wenn die Wracks auseinandergezogen werden, könnte es sein, dass ein Metallteil wie ein Pfeil weggeschleudert wird“, schildert Polizeisprecher Stefan Sonntag.

„Wir rechnen damit, dass die Arbeiten noch ein, zwei Tage dauern werden, wahrscheinlich bis Samstag“, sagt der Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn (BOB), Bernd Rosenbusch. Danach müssen Gleis und Oberleitung repariert werden. Auch das dürfte einige Tage in Anspruch nehmen.

Länger wird es dauern, bis die seelischen Wunden heilen. Die BOB biete allen Verletzten, Angehörigen von Opfern und Fahrgästen Betreuung an, sagt Rosenbusch. Auch die Retter und die Kollegen der tödlich verunglückten Lokführer stehen unter Schock. „Wir sind sehr intensiv dabei die Mitarbeiter psychologisch zu betreuen“, sagt Rosenbusch. „Das ist das Wichtigste jetzt.“ Die 420 Mitarbeiter – Lokführer, Fahrgastbetreuer, Verwaltungsangestellte und Techniker – kannten sich untereinander.

Bayern trauert nach dem Zugunglück

Die Region trauert. Am Sonntag will Bad Aibling in einem ökumenischen Gottesdienst der Opfer gedenken. Das Kondolenzbuch im Rathaus, in dem sich am Vortag Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und andere Politiker eingetragen haben, ist fast bis zur letzten Seite voll. „Ich bin so traurig“, hat ein Junge in krakeliger Kinderschrift hineingeschrieben. „In tiefer Trauer“, schreibt Klaus-Dieter Josel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Bayern.

Auch in der Kirche Maria Himmelfahrt drücken die Bad Aiblinger ihre Anteilnahme, Trauer und Bestürzung aus. „Danke, dass du mich beschützt hast“, wendet sich jemand an Gott. Viele hatten in den Faschingsferien frei. An einem normalen Arbeits- und Schultag wären die morgendlichen Züge voller gewesen – es hätte mehr Opfer gegeben.

150 Helfer räumen inzwischen weiter auf. Einige sind seit Dienstag im Einsatz. Auch sie werden betreut. „Im Moment geht es“, fasst der Ortsbeauftragte des Technischen Hilfswerks, Bernd Reinartz, den psychischen Zustand seiner Kollegen zusammen. Unter Stress wird die Emotion ausgeblendet, zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Reinartz weiß noch nicht einmal, ob unter den Opfern Freunde von ihm sind.

Unglücksstelle ist schwer zugänglich

Boote bringen auf dem Mangfallkanal Motorsägen, Trennschleifer, Holz und Ketten an die schwer zugängliche Unfallstelle. Sie liegt in einem Waldstück an einer Hangkante, die steil zum Kanal abbricht. Auch die Wasserwacht ist da, um die Arbeiten zu sichern.

Am Morgen werden die fahrbereiten Wagen des Zuges in Richtung Kolbermoor und Bad Aibling weggezogen. Danach schiebt sich von Kolbermoor her ein roter Kran mit der Aufschrift „Notfalltechnik“ heran. Irgendwann soll er das Blechknäuel von den Schienen heben.

Das Eisenbahnbundesamt, die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei arbeiten an der Aufklärung des Unglücks. Die Ursache ist immer noch unklar. Die Ermittler hoffen auf die dritte Blackbox, deren Auswertung Aufschluss geben könnte über Geschwindigkeit und Bremsungen und darüber, ob vielleicht ein Signal überfahren wurde. Zugleich werden Lage, Verformungen, Zerstörungen der Züge exakt dokumentiert. „Man muss das wirklich rekonstruieren wie bei einem Verkehrsunfall, um die ganz genauen Abläufe zu wissen. Da macht man alles, was technisch und menschenmöglich ist, um das nachzustellen“, sagt Polizeisprecher Sonntag. „Da macht man nicht drei Fotos als Kripo und das war's.“

Der Feuerwehrkommandant von Bad Aibling, Wolfram Höfler, hat schon 1975 bei einem noch schwereren Zugunglück im nur 35 Kilometer entfernten Warngau geholfen, bei dem mehr als 40 Menschen starben. Was den 62-Jährigen am meisten beschäftigt: Wie so etwas geschehen könne „in einem hochtechnisierten Land“. Dass zwei Züge ineinanderfahren, sei angesichts der Sicherheitstechnik praktisch unmöglich. „Es ist unvorstellbar. Das kann nicht sein.“ (dpa)