Berlin –

„Sie haben Ihr Ziel erreicht“

26 Jahre lang fuhr Gunther Holtorf mit einem Auto durch die Welt. Jetzt ist er angekommen

Berlin. Es ist nicht so ganz klar, ob es eine Liebesgeschichte oder ein Abenteuer ist, ein Drama, eine Naturdokumentation oder eine irre Komödie. Wer Gunther Holtorf reden hört, der bekommt all das im Abstand weniger Sätze präsentiert. Denn das war sein Leben in den vergangenen 26 Jahren: Das Reisen mit einem Auto, das er „Otto“ genannt hat. In 215 Ländern, autonomen Gebieten oder Regionen, meist auf Straßen, manchmal einfach quer durch die Landschaft, auf das Dach der Welt im Himalaja, bis zu den Inseln im Pazifik.

„Die letzte Nacht“, sagt Gunther Holtorf der Berliner Morgenpost, „habe ich im Oktober in der Nähe von Breslau im Auto verbracht, in Otto.“ Es war eine klare Nacht in Polen und er wusste, dass es jetzt wirklich vorbei ist für ihn. Nach über einem Vierteljahrhundert mit dem Auto musste er Abschied nehmen von der Möglichkeit auf ein großes Abenteuer am nächsten Morgen. Wilde Tiere am Amazonas, neugierige Reiseführer in Nordkorea, einsame Nächte in der afrikanischen Savanne. Rio de Janiero, London, Tokio. „Das geht unter die Haut, wenn das vorbei ist“, sagt der 78-Jährige. „Ein Teil meines Lebens ist vorbei.“

Doch im Grunde war das Reisen schon seit dem Jahr 2010 nicht mehr das Gleiche: Denn Christine war von da an nicht mehr mit unterwegs. Sie war eine von über 50 Frauen, die sich im Jahr 1989 auf seine Kontaktanzeige in einer Wochenzeitung meldete: „Denken und handeln Sie gelegentlich unkonventionell? Suchen Sie die Nähe eines Mannes, der jeden Tag als neues Erlebnis betrachten möchte?“ Damals war Holtorf 52 Jahre alt, 1,75 Meter groß und wog 71 Kilogramm. Christine aus Dresden schrieb ihm, sie war 34, hatte bereits einen Sohn – und stieg ein. Sie sagte zum Auto: „Ottilein“.

„Wir waren wie siamesische Zwillinge“, sagt Gunther Holtorf über sie. „Wir haben 22 Jahre lang praktisch einander nur allein gelassen, wenn einer mal pinkeln ging.“ Ursprünglich wollten die beiden auf ihrer ersten Tour nur Afrika in ein paar Monaten durchqueren. „Doch daraus wurden fünf Jahre“, sagt Holtorf. Und in den kommenden 22 Jahren wurde daraus eine Weltreise. „So war das nie geplant.“

Schon lange vor dieser Reise mit Otto und Christine war Gunther Holtorf außerhalb seiner Heimat unterwegs. Er hatte als Lufthansa-Manager in verschiedenen Teilen der Welt gelebt, in Uruguay, Argentinien, Chile und Spanien. Deshalb spricht er Spanisch wie seine zweite Muttersprache. Doch die sieben Jahre in Hongkong und insgesamt mehr als zehn Jahre in Indonesiens Hauptstadt Jakarta haben ebenfalls seine Spuren bei ihm hinterlassen. Außer Deutsch spricht er fließend Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Indonesisch – und Bayerisch.

Neues Zuhauseim Milchmelkerdorf

Er ließ den ersten Straßenatlas für die chaotische Millionenmetropole Jakarta herstellen, der bis heute die Grundlage für die Städteplanung liefert. Er mag das tropische Inselreich so sehr, dass er selbst noch heute am Chiemsee mit einem Mercedes fährt, der das Lenkrad rechts hat, wie in Indonesien üblich. Doch ansonsten will er nicht so auffallen in seiner neuen Heimat, in Gollenshausen, einem Milchmelkerdorf. Hier ist er gern zu Hause.

„Ich wohne in der Nähe des Kirchhofs“, sagt er, „500 Meter von Christines Grab entfernt.“ Er sei fast jeden Tag dort, dann komme vieles hoch. Erst zehn Monate vor ihrem Tod beendete sie ihren Teil der Reise, aber sie habe New Yorks Skyline gesehen, ihr großer Traum. „Wir haben noch geheiratet, kurz vor ihrem Tod.“ Das habe sie gewollt, auf dem Kirchhof war die Feier, im kleinen Kreis. „Sie wollte, dass alle abgesichert sind“, sagt er, „sie sagte: ‚Das Feld ist bestellt.‘“

Erst kürzlich ist ein Buch über ihre gemeinsamen Reisen erschienen. Der Bildband heißt „Otto“ (riva Verlag, 208 Seiten, 29,99 Euro) und ist vor allem wegen der Bilder beeindruckend. Landschaften zwischen Indien, Feuerland und australischen roten Felsen. Manchmal winkt Christine in die Kamera. In kurzen Texten erzählt Holtorf die Geschichten, die auch in Zukunft an Lagerfeuern beeindruckte Zuhörer finden werden: Wie eine Hyäne Gunther anknabbern wollte. Wie er fast nachts auf eine Giftschlange gesprungen wäre. Wie sie beinahe einmal von somalischen Rebellen gefangen genommen wurden. Alles überlebt, erster Gang im Otto einstellen, zweiter Gang, und los.

Beindruckend die Karte, die Christines Sohn von den Reisen erstellt hat, beeindruckend die Fotos von Rio und der Amalfiküste. Doch fast noch beeindruckender, dass Gunther Holtorf sich nach all dem für den Ruhestand entschieden hat.

Otto, das treue Auto, tourt jetzt allein durch die Welt, in verschiedene Mercedes-Niederlassungen als Kultobjekt. Ein neumodischer Navigationsapparat würde mit Computerstimme sagen: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Selbstverständlich hat Gunther Holtorf so ein Gerät nie besessen. „Ich orientiere mich nach guten Landkarten“, sagt er, „und dem Sonnenstand.“