Gasleck

Ein riesiges Gasleck bedroht einen Vorort von Los Angeles

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Dirk Hautkapp
Protest wegen des Gaslecks in Porter Ranch.

Protest wegen des Gaslecks in Porter Ranch.

Foto: DANNY MOLOSHOK / REUTERS

Brechreiz, Nasenbluten, Husten: Ein Bezirk von Los Angeles kämpft mit den Folgen eines Gaslecks. Die Verantwortlichen beschwichtigen.

Washington.  Erin Brokovich war gerade mal eine halb Stunde in Porter Ranch zu Besuch, als sie am eigenen Leib spürte, was der derzeit größte Umweltskandal Amerikas den Menschen zufügt. „Ich bekam Kopfschmerzen, einen trockenen Hals und Husten, dann wurde mir ziemlich schwindelig“, berichtete die von Star-Schauspielerin Julia Roberts in einem preisgekrönten Hollywood-Film verkörperte Aktivistin.

Die echte Brokovich tut immer noch, was vor 16 Jahren die ihr nachempfundene Kino-Figur tat: Mit Charme und Überzeugungskraft im Auftrag von Anwaltskanzleien Sammelkläger auftreiben, die vor Gericht gegen Konzerne zu Felde ziehen, die Mensch und Natur mit Füßen treten. In Porter Ranch, 40 Autominuten von Downtown Los Angeles entfernt, ist die 55-Jährige so gesehen auf eine Goldader gestoßen.

Ausnahmezustand wegen Gasleck

Seit dort am 23. Oktober vergangenen Jahres in einem der größten unterirdischen Gasspeicher der USA eine 60 Jahre alte Bohrung geborsten ist und ununterbrochen täglich rund 1200 Tonnen leicht entzündliches Methan austreten, herrscht unter den 30.000 Einwohnern in der wohlhabenden Gegend der Ausnahmezustand.

1700 Häuser sind evakuiert, mehrere Schulen geschlossen. Über 5000 Familien wurden, freiwillig oder zwangsweise, in sicherer Entfernung in Hotels und Übergangsunterkünfte einquartiert. Über dem Areal ist der Flugverkehr eingestellt. An der Unglücksstelle im Aliso Canyon geben sich Politiker bis hin zu Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown die Klinke in die Hand.

Nasenbluten, Durchfall, Brechreiz

Der Grund: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten war es bislang unmöglich, das in 2500 Meter Tiefe verortete Leck zu schließen. Technisch hoffnungslos veraltete Sicherheitsvorkehrungen liegen im Weg. Frühestens im März soll das Loch durch eine parallele Bohrung, mit der Lehm und Zement in die Tiefe geleitet werden, gestopft werden. Sie muss zentimetergenau aufsetzen. Sonst strömt weiter Gas in die Atmosphäre. Gas, das – durch Infrarotkameras betrachtet – an eine riesige Rauchsäule aus einem Vulkanschlund erinnert.

Anwohner wie Gary Rubin, die in Porter Ranch geblieben sind, klagen über die gleichen Symptome, die Erin Brokovich spürte, „dazu kommt noch Nasenbluten, Durchfall und immer häufiger Brechreiz“. Rubin gehörte bis vor kurzem zu jenen, die der Betreiber Firma South California Gas und den staatlichen Gesundheitsbehörden Glauben schenkten. Danach sei der Faule-Eier Gestank über der Gegend störend aber harmlos. Und im übrigen das Resultat einer chemischen Beigabe zum geruchlosen Methan, die Gas-Lecks überhaupt erst wahrnehmbar machen soll. „Langfristig schädlich für die Gesundheit soll es nicht sein“, zitierte der zweifache Großvater gegenüber der „Los Angeles Times“ die Aussagen staatlicher Kontrolleure.

Zweifel an der offiziellen Darstellung

Nachdem er nachgelesen hat, dass Methan ein zerstörerisches Treibhausgas ist, 25 stärker als Kohlendioxid, beschleichen Rubin Zweifel, die Erin Brokovich in einer Bürgerversammlung umgehend verstärkte. Seit ihrer Aufklärungsarbeit im kalifornischen Hinkley, wo die Firma Pacific Gas & Electric das Grundwasser mit Krebs erzeugendem Chrom verseucht hatte und dafür über 330 Millionen Dollar an betroffene Anwohner zahlen musste, sei „das Vertrauen in Behörden und Konzerne, die beschwichtigen statt aufzuklären, stark geschwunden“.

An dieser Stelle kommt die für Kompromisslosigkeit im VW-Diesel-Abgasskandal bekannte gewordene kalifornische Umweltbehörde „Carb“ ins Spiel. Deren Experten stellten kürzlich fest, dass allein in den ersten vier Wochen in Porter Ranch so viel Methan ausgetreten ist, dass es die Emmissionbilanz für ganz Kalifornien mit 25 Prozent belastet. Anders ausgedrückt: Was das Leck seit über drei Monaten ausgespuckt hat, entspricht in etwa dem, was 400.000 Autos in einem Jahr durch den Auspuff in die Luft jagen. Dagegen nimmt sich der Stickoxid-Dreck, den 60.000 Volkswagen-Diesel in Kalifornien durch manipulierte Software verursachen, beinahe als vernachlässigenswert aus, sagen Umwelt-Experten des „Environmental Defense Fund“. Ihr Augenmerk liegt längst auf anderen Stellgrößen.

Ein Vorfall, der sich wiederholen könnte

Porter Ranch ist potenziell überall. Es gibt 400 vergleichbare Gas-Speicher in 30 Bundesstaaten. Überall seien Bohrlöcher, Pipelines und Speicher Jahrzehnte alt und anfällig. Robert F. Kennedy Jr., Abkömmling der berühmten Kennedy-Dynastie und Anwalt, bestätigt die Einschätzung. „Was in Porter Ranch geschehen ist, wäre nach heutigen Bestimmungen illegal.“ Erin Brokovich nahm die Einschätzung sofort auf. Im Namen der Kanzlei Weitz & Luxenberg stellte sie hohe Entschädigungszahlungen für die Anwohner in Aussicht.

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