Istanbul.

Brüder vor Gericht

Prozess im Fall Hatun Sürücü beginnt in Istanbul. Angeklagter beschimpft deutsche Medien

Istanbul.  Die Verhandlung ist gerade zu Ende, da dreht sich ein Bruder von Hatun Sürücü zu den deutschen Journalisten im Gerichtssaal um und beschimpft sie als „elende Hunde“. Die deutschen Medien seien schuld daran, dass er sich nun elf Jahre später in der Türkei für den Mord an seiner Schwester verantworten müsse. „Seid ihr jetzt zufrieden?“, ruft er, bevor Sicherheitsbeamte ihn abführen.

Dem 36-Jährigen und seinem um ein Jahr jüngeren Bruder wird nach Angaben der türkischen Justiz das vorsätzliche Töten eines nahen Verwandten vorgeworfen. Sie sollen den jüngsten Bruder mit dem Mord an ihrer kleinen Schwester beauftragt haben, um die Familienehre wiederherzustellen. Außerdem werden die Brüder beschuldigt, die Waffe besorgt zu haben. Der Jüngste erschoss Hatun Sürücü 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof.

Die junge Frau war mit 15 Jahren in der Türkei mit ihrem Cousin verheiratet worden, kehrte aber bald schwanger und ohne ihren Mann nach Deutschland zurück. Ihren Sohn zog sie alleine auf, machte eine Lehre zur Elektroinstallateurin und führte auch sonst ein selbstständiges Leben. Ein Verhalten, das der streng religiösen Familie nicht passte. Vor dem Berliner Gericht gab der Jüngste an, seine Schwester wegen ihres Lebensstils getötet zu haben. Er wurde im Sommer 2014 nach mehr als neun Jahren Haft in die Türkei abgeschoben.

In Istanbul steht er nun wieder vor Gericht, diesmal als Zeuge. Der heute 29-Jährige spricht leise, aber bestimmt. Er habe am Abend der Tat nach einem Streit die Fassung verloren und seine Schwester – anders als zuvor behauptet – nicht wegen ihres westlichen Lebensstils umgebracht, sagt er. Seine Brüder hätten ihm weder geholfen noch ihn ermutigt.

Auch ein weiterer Bruder (43) nimmt die Angeklagten in Schutz und beschuldigt die deutschen Medien, die die „Familie sogar bis in unser türkisches Dorf verfolgt“ hätten. Der 43-Jährige steht in Lederjacke vor dem Richter und ist betont höflich.

Die beiden Beschuldigten sitzen hinter den Brüdern auf der Anklagebank. Der ältere, der später die Medien beschimpft, schaut schüchtern. Sein Bart reicht knapp übers Kinn. Er wirkt ruhig. Laut Anklageschrift soll er die Mordwaffe besorgt haben. Der mitangeklagte Bruder dagegen wirkt nervös. Er wippt mit dem linken Bein auf und ab und dreht seine Kappe in der Hand. Er soll den jüngsten Bruder begleitet und den Mord beobachtet haben.

In dem Berliner Mordprozess waren die zwei Brüder – im Gegensatz zu dem Jüngsten – 2006 zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche 2007 auf. Zu einem neuen Prozess kam es nicht mehr, weil sich beide in die Türkei abgesetzt hatten. Das Land liefert seine Staatsbürger nicht aus. Doch 2013 eröffnete die türkische Seite dann ein eigenes Strafverfahren gegen die Männer.

Aussage der Ex-Freundin als glaubwürdig eingestuft

Aus Sicht der Berliner Anwältin und Prozessbeobachterin in Istanbul, Seyran Ates, hat das auch politische Gründe. Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei hätten sich gebessert, und man wolle vonseiten der Türkei guten Willen zeigen, sagt sie. Zuvor habe sich die türkische Führung schlicht und einfach nicht für den Fall interessiert. Deshalb hoffe sie, dass die Türkei „kein Auge zudrückt“.

Die Vorwürfe gegen die Brüder stützen sich laut Anklageschrift auch auf die Aussagen der Ex-Freundin des Täters. Er hatte ihr demnach von dem Mitwirken der beiden Brüder detailliert erzählt. Die türkische Staatsanwaltschaft stuft ihre Aussagen als glaubwürdig ein. „Es muss angenommen werden, dass, wenn auch kein Indiz allein ausreicht, um die Schuld der Verdächtigen zu beweisen, dennoch die Gesamtheit der Indizien den nötigen Beweis liefern kann“, heißt es in der Anklageschrift. Der nächste Verhandlungstag ist am 28. April.

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