Istanbul –

Späte Hoffnung auf Gerechtigkeit

Erst elf Jahre nach dem Mord an Hatun Sürücü stehen zwei Brüder vor Gericht

Istanbul. Es war ein Verbrechen, das ganz Deutschland erschütterte: Am 7. Februar 2005, kurz vor 21 Uhr am Abend, wurde die damals 23 Jahre alte Deutsch-Türkin Hatun Sürücü in Berlin-Tempelhof an einer Bushaltestelle mit mehreren Kopfschüssen getötet. Fast elf Jahre später kommen jetzt zwei mutmaßliche Anstifter in Istanbul vor Gericht. Der Prozess beginnt an diesem Dienstag.

Der damals 18-jährige Ayhan Sürücü, der jüngste Bruder des Opfers, gestand den „Ehrenmord“: Er habe seine Schwester erschossen, weil sie sich „wie eine Deutsche benommen“ und damit die Ehre der kurdischen Familie in den Schmutz gezogen habe. Der Fall löste seinerzeit in Deutschland beispielhaft eine Debatte über Zwangsehen, Integration und Parallelgesellschaften aus. Der Film „Die Fremde“ mit Sibel Kekilli in der Hauptrolle behandelte das Thema ebenfalls und war im Jahr 2010 der deutsche Beitrag für die Oscar-Nominierung.

Die Geschichte der jungen Frau ist eine, die sich in Deutschland immer wieder ähnlich zuträgt: Die in Berlin-Kreuzberg geborene und aufgewachsene Hatun hatte sich nach einer Zwangsehe, die sie als 15-Jährige 1997 mit einem Cousin in der Türkei schließen musste, von ihrem Mann getrennt und war 1999 nach Deutschland zurückgekehrt. Dort brachte sie im gleichen Jahr ihren Sohn Can zur Welt. Sie legte das islamische Kopftuch ab, suchte mit ihrem kleinen Sohn Zuflucht in einem Wohnheim für minderjährige Mütter, machte ihren Hauptschulabschluss nach und begann eine Lehre als Elektroinstallateurin. Sie stand kurz vor ihrer Gesellenprüfung. Dann wurde sie ermordet.

In der Türkei droht den beiden Männern lebenslange Haft

Ayhan Sürücü sagte vor Gericht aus, er habe seine Schwester am Tatabend in ihrer Wohnung aufgesucht und sie wegen ihres Lebenswandels zur Rede gestellt. Dann sei es zu einem Streit gekommen. Ayhan folgte seiner Schwester zu der Bushaltestelle. „Bereust du deine Sünden?“, soll er Hatun gefragt und ihr dann dreimal in den Kopf geschossen haben. Ayhan wurde nach dem Jugendstrafrecht zu neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Im Juli 2014 wurde er entlassen und sofort in die Türkei abgeschoben, weil er „keine glaubhafte Reue gezeigt“ habe. Er soll sich im Gefängnis immer wieder stolz zu seiner Tat geäußert haben.

Schon bei der Verurteilung von Ayhan Sürücü hieß es in den deutschen Medien, der Prozess lasse zu viele Fragen offen. Beobachter gingen bereits seinerzeit davon aus, dass die ganze Familie in die Planung der Tat verwickelt war und der jüngste Sohn den Mord deshalb verüben sollte, weil er mit der geringsten Strafe davonkommen würde – ein in der Türkei bei sogenannten Ehrenmorden durchaus übliches Verfahren. Ayhans ältere Brüder Mutlu und Alpaslan Sürücü, zur Tatzeit 24 und 25 Jahre alt, wurden zwar ebenfalls angeklagt, aus Mangel an Beweisen aber freigesprochen.

Der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche zwar 2007 auf. Da hatten sich die beiden aber in die Türkei abgesetzt. Ein deutsches Auslieferungsgesuch lehnten die türkischen Behörden ab. Die Istanbuler Justiz leitete aber 2013 ein eigenes Strafverfahren gegen die beiden Männer ein und erhob im vergangenen Jahr Anklage wegen Mordes. Sie werden verdächtigt, ihren jüngeren Bruder mit dem Mord beauftragt und ihm die Tatwaffe besorgt zu haben. Am heutigen Dienstag beginnt der Prozess vor dem 10. Schwurgericht im asiatischen Teil Istanbuls.

Das Verfahren stützt sich auf Indizien und auf die Aussage einer früheren Freundin des Todesschützen. In der Anklageschrift heißt es, die Gesamtheit der Indizien werde die nötigen Beweise für eine Verurteilung liefern. Kommt es dazu, droht den beiden Brüdern lebenslange Haft.

Verurteilter „Ehrenmörder“ bewachte deutschen Botschafter

Skandal am Rande: Der in die Türkei abgeschobene verurteilte Täter Ayhan betreibt einen Köfte-Imbiss in Istanbul, machte aber parallel Karriere bei einer Sicherheitsfirma – und tat als Wachmann ausgerechnet in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters im Istanbuler Nobelvorort Tarabya Dienst. Dort bewachte der 28-Jährige, der gegenüber Reportern aus seinem „Hass auf Deutschland“ keinen Hehl macht, im Auftrag der Sicherheitsfirma ATK an mindestens zwei Tagen das Gelände. Erst als seine Identität aufflog, wurde er auf Betreiben der deutschen Diplomaten abgelöst.