New York/Washington –

New York gleicht einer Geisterstadt

Blizzard legt die Metropole lahm. Der Verkehr wird eingestellt. Geschäfte bleiben geschlossen

New York/Washington.  Abends um acht in aller Seelenruhe über den Times Square zu schlendern und dabei nicht über den Haufen gefahren oder von Taxifahrern niedergehupt zu werden, ist in der Stadt, die niemals schläft, eigentlich nicht vorgesehen. Bis Schneesturm „Jonas“ kam.

Aus Sorge vor lebensbedrohlichen Situationen hatten New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio und Andrew Cuomo, der Gouverneur des Bundesstaates, ein mehrstündiges Fahrverbot verhängt und die Menschen eindringlich bekniet, nur in absoluten Notfällen vor die Tür zu gehen. Weise Maßnahme.

Der seit Freitag im gesamten Ostküstenkorridor von Richmond bis Boston wütende Blizzard hinterließ bis zu seinem Verschwinden in der Nacht zum Sonntag in New York Schneehöhen von 68 Zentimeter und legte die Metropole komplett lahm. Der bisherige Rekord von 1869 wurde nur um eine Daumenbreite verfehlt. „Das war ein Sturm für die Geschichtsbücher“, sagt Gouverneur Cuomo am Sonntagmorgen, „und wir haben ihn irgendwie überlebt.“

Die 8,5-Millionen-Einwohner-Metropole glich am Samstag einer Geisterstadt. Gespenstische Ruhe, wo sonst Hektik und Geschäftigkeit regiert. Schulen und viele Geschäfte waren geschlossen, Theatervorstellungen und ein heiß begehrtes Bruce-Springsteen-Konzert abgesagt, die Flughäfen JFK und LaGuardia dicht, der öffentliche Nahverkehr weitgehend außer Betrieb gesetzt.

Passanten, die es trotzdem auf die Straße lockte, wurden vereinzelt von der Polizei abgepasst, freundlich ermahnt – und nach Hause geschickt. Nur im Central Park tummelten sich Hunderte Schneeballschlachtenbummler und Schneemannbauer. „Wann hat man schon mal Verhältnisse wie in Alaska mitten in der Stadt“, sagte der Austauschstudent Nils aus Norwegen dem Fernsehsender ABC.

Tauwetter ist vorerstnicht in Sicht

Am Morgen danach titelte die Boulevardzeitung „Daily News“ auf ihrer in Schneeweiß gehaltenen Seite 1 mit nur einem Wort: „Begraben“. Bei strahlendem Sonnenschein und klirrenden Temperaturen begannen die „Ausgrabungsarbeiten“ in den engen Straßenschluchten, wo sich vereinzelt schon die Müllsäcke türmen. Sie werden Tage dauern. Denn Tauwetter ist vorerst nicht in Sicht.

Als das Geld- und Kulturzentrum der westlichen Welt vom Geräusch Tausender Schneeschaufeln und Fräsen wach wurde, war man sich schnell einig: „Holy moly! Wir sind glimpflich davon gekommen.“

Nach ersten Bilanzen hat der in sozialen Netzwerken unter „Snowzilla“ firmierende Monstersturm nicht die befürchteten Riesenschäden an der anfälligen Infrastruktur ausgelöst. Nur in den Vororten New Yorks wurden von den Energieversorgern „einige Hundert Stromausfälle“ gemeldet.

An der Küste vor New Jersey im Süden, wo Schnee und eine durch den Vollmond begünstigte Sturmflut zusammenkamen, sah die Sache völlig anders aus. In Wildwood, einem 5000-Seelen-Kaff bei Atlantic City, ließ Feuerwehrchef Christopher D’Amico 100 Menschen vorsichtshalber mit Schlauchbooten evakuieren. In ihren Häusern stand das Wasser kinnhoch. Kühlschränke trieben in den Fluten. Die Gegend war 2012 bereits durch Hurrikan „Sandy“ schwer in Mitleidenschaft gezogen worden.

Insgesamt saßen streckenweise 200.000 Haushalte (150.000 davon in North Carolina) im Dunkeln, als „Jonas“ mit Windgeschwindigkeiten bis zu 90 Kilometer in der Stunde übers Land fegte. 18 Tote, darunter allein fünf Herzinfarktfälle bei Senioren nach Schneeschippen in New York, meldete der TV-Sender CNN. Dazu gab es Tausende Autounfälle.

Die Flugaufsichtsbehörden meldeten fast 10.000 abgesagte Flüge an der Ostküste. Darunter waren auch Prominente. Vizepräsident Joe Biden und Verteidigungsminister Ash Carter mussten, aus Europa kommend, nach Florida umgeleitet werden. „Erst ab Dienstag“, so ein Sprecher gegenüber der „Washington Post“, „wird der Betrieb wohl wieder annähernd normal laufen.“

Pandabär Tian Tianwird zum YouTube-Star

Wie jedes Naturereignis in Amerika, über das in anderen Teilen der Welt kaum ein Wort verloren wurde, hat auch „Jonas“ seine Helden. Dazu gehört der im Washingtoner Zoo beheimatete Pandabär Tian Tian. Seine Begeisterung, als er sich durch den frischen Pulverschnee rollte, steckte via YouTube Millionen an. Selbst die stolzen New Yorker waren neidisch.