Washington –

Washington versinkt im Schnee

Blizzard legt Ostküste der USA lahm. 13 Menschen sterben im eisigen Sturm

Washington.  Scott Kelly hatte wieder einmal die beste Perspektive auf „Jonas“. Von der Internationalen Raumstation ISS aus, die der US-Astronaut seit über 300 Tagen bewohnt, sah der Schneesturm über Washington aus wie einige riesige aufgeschüttelte Daunendecke. Am Boden ging es entschieden weniger kuschelig zu.

Amerikas Hauptstadt ging bereits am Sonnabendmorgen komplett in die Knie. Der Schneesturm, der weite Teile der Ostküste bis rauf nach New York überzieht, hinterließ über Nacht Schneehöhen bis zu 45 Zentimeter. Die Kapitale glich einer Geisterstadt. Schulen und die meisten Geschäfte waren geschlossen, die Regierungsbehörden auf Notbesetzung reduziert, große Sportveranstaltungen abgesagt. Auf den großen Ausfallstraßen steckten selbst Räumfahrzeuge fest. Militärfahrzeuge der Nationalgarde übernahmen den Transport von Menschen, da wo zivile Krankenwagen und Feuerwehr-Trucks nicht mehr durchkamen. Der öffentliche Nahverkehr inklusive U-Bahn ist bis Sonntag komplett außer Betrieb gesetzt.

Meteorologen hatten in der Nacht errechnet, dass die Schneedecke alle sechs Stunden um rund 25 Zentimeter zunehmen wird. Begünstigt wird dies durch zusätzliche Feuchtigkeit, die der Blizzard aufsaugt, seit er den Atlantik erreicht hat. Erwartete Endmarke am Sonntagmorgen: „90 Zentimeter plus x“. Was den bisherigen Rekord vom Winter 1922 übertreffen würde. Im „Knickerbocker“-Blizzard wurden 70 Zentimeter gemessen. Dagegen war der Wintersturm 2010 mit 40 Zentimeter Schneedecke beinahe Kinderkram.

Washingtons Bürgermeisterin Muriel Browser setzte sich mit ernster Miene am Sonnabend ins Frühstücksfernsehen und warnte eindringlich: „Dieser Sturm kann tödlich sein. Leute, bleibt bitte zu Hause, beschäftigt euch mit euren Familien und wartet in Ruhe das Ende ab.“

Einige Hunderte Kilometer südwestlich der Hauptstadt in Kentucky und North Carolina hatte der Sturm, der in den sozialen Netzwerken als „Snowzilla“, „Snowpocalypse“ oder „Snowmaggedon“ auftaucht, die ersten Todesopfer gefordert. Bei Unfällen auf vereister Straße kamen laut Polizei 13 Menschen ums Leben. Hunderte steckten auf der Autobahn zwölf Stunden lang in einem 60 Kilometer langen Stau fest. Insgesamt sind rund 85 Millionen Menschen in 19 Bundesstaaten von Arkansas bis New Jersey von den Auswirkungen des Sturms betroffen, berichtet der nationale Wetterservice. Laut CNN waren im Südosten insgesamt 133.000 Menschen ohne Strom.

Während der Zugverkehr entlang des Ostküstenkorridors von Boston nach Washington in eingeschränktem Umfang funktionierte, herrschte bereits seit Freitagabend nicht nur an den Flughäfen der Metropolregion (Dulles, Reagan und Baltimore) Ausnahmezustand: Über 10.000 Flüge wurden an der Ostküste abgesagt.

Eingedeckt mit Trinkwasser und Konserven

Befürchtungen, dass es schnell zu massenhaften Stromausfällen kommen würde, erwiesen sich als unberechtigt. Die Energieversorger in Washington und den angrenzenden Bundesstaaten Maryland und Virginia meldeten am Sonnabendmorgen nur „einige Hundert Fälle“. Sollte der Blizzard jedoch an Tempo zulegen und womöglich noch Eisregen mitbringen, sei es kaum zu vermeiden, dass Äste die oberirdisch verlegten Leitungen kappen. „Dann kann es viele Tage dauern, bis die Schäden in Zehntausenden Haushalten behoben sind“, sagte ein Sprecher des Stromversorgers Pepco.

Linda Burke, Rentnerin mit Hund im Stadtteil Chevy Chase, hatte sich wie viele Bewohner Washingtons bereits Mitte der Woche mit Trinkwasser, Konserven, Taschenlampen und Batterien eingedeckt: „Vor dem Schnee habe ich keine Angst. Aber wenn Licht und Heizung ausgehen, dann wird es hier sehr ungemütlich. Zur Not wird meine Enkelin mich irgendwie hier rausholen.“

Für Sonntag haben die Meteorologen ein Ende des Schnees, eisigen Sonnenschein und blauen Himmel angekündigt. Hobby-Skilangläufer werden dann auf der Mall im Herzen der Stadt und im Rock Creek Park ihre Loipen ziehen. Während am Kongress zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Schlittenfahren gestattet ist. Ab Montag wird Washington dann zur Schaufel greifen und sich langsam ausgraben. Scott Kelly wird es aus behaglicher Entfernung mitverfolgen.