Missbrauchsopfer

Mehr als 200 Kinder der Regensburger Domspatzen misshandelt

Bei den Regensburger Domspatzen wurden laut Medienbericht mehr Kinder missbraucht als bisher bekannt. Sie wurden nicht nur geschlagen .

Der Regensburger Dom im Nebel: Von den 1950er bis in die 1990er Jahre hinein sind im Bistum Regensburg wohl mindestens 231 Kinder von Priestern und Lehrern verprügelt worden.

Der Regensburger Dom im Nebel: Von den 1950er bis in die 1990er Jahre hinein sind im Bistum Regensburg wohl mindestens 231 Kinder von Priestern und Lehrern verprügelt worden.

Foto: Armin Weigel / dpa

Regensburg.  Bei den Regensburger Domspatzen hat es wesentlich mehr Misshandlungsfälle gegeben als bisher angenommen. Von den 1950er bis in die 1990er Jahre hinein seien mindestens 231 Kinder von Priestern und Lehrern des Bistums Regensburg verprügelt worden, sagte der vom Bistum mit der Aufklärung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber auf einer Pressekonferenz am Freitag.

Weber geht in seinem vorgestellten Zwischenbericht davon aus, dass die Dunkelziffer der misshandelten Kinder noch deutlich höher liegt. Er rechnet damit, dass etwa jeder Dritte der rund 2100 Vorschüler zwischen 1953 bis 1992 unter körperlicher Gewalt litt.

Auch 50 Fälle von sexuellem Missbrauch

Der Rechtsanwalt sprach seit Mai 2015 mit Dutzenden Opfern, Verantwortlichen und dem Missbrauchsbeauftragten des Bistums Regensburg. Zudem hatte er Einblick in die Geheimarchive, Personalakten des Bistums sowie die persönlichen Notizen des Generalvikars.

Viele Kinder hätten von Prügeln, blutigen Schlägen mit Rohrstock, Schlüsselbund oder Siegelringen berichtet. „Bettnässern wurde die Flüssigkeitsaufnahme verweigert“, erläuterte Weber. Zudem seien Mitschüler bei Ermittlungen zu Falschaussagen gedrängt worden. Strafrechtlich sind die allermeisten Taten verjährt. Nach seinen Recherchen wurden 50 der 231 bislang ermittelten misshandelten Kinder auch Opfer sexueller Gewalt. „Die sexuellen Übergriffe reichten von Streicheln bis zu Vergewaltigungen.“

Die Übergriffe waren intern bekannt, führten nach Angaben von Weber aber nicht zu personellen Konsequenzen oder strukturellen Veränderungen in der Vorschule des Chores. Im vergangenen Februar hatte das Bistum noch mitgeteilt, dass 72 ehemalige Mitglieder des weltberühmten Chores Opfer von Gewalt geworden seien. Die Kirche hatte zudem angekündigt, jedem von ihnen eine Entschädigung von 2500 Euro zu zahlen. Die ersten Missbrauchsfälle kamen bereits 2010 an die Öffentlichkeit.

Zwischenbericht wird heute erwartet

Auch der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, der den Chor von 1964 bis 1994 geleitet hatte, dürfte laut Weber von den Vorgängen gewusst haben: „Davon muss ich nach meinen Recherchen ausgehen.“ Bistumssprecher Clemens Neck wollte sich gegenüber dem Bayerischen Rundfunk zunächst nicht zu einer möglichen Mitwisserschaft Ratzingers äußern. Er warte den Abschlussbericht ab.

Wann dieser vorliege, sei laut Rechtsanwalt Weber derzeit nicht abzusehen. Offenbar erwartet der Rechtsanwalt, dass sich weitere Gewaltopfer bei ihm melden, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. (bk/dpa)