Silvesternacht

Was wir zu den Übergriffen in Köln und Hamburg wissen

In der Silvesternacht wurden am Kölner Hauptbahnhof zahlreiche Frauen begrapscht und ausgeraubt. Was bisher bekannt ist: Ein Überblick.

Sexuelle Übergriffe, Pöbeleien, Diebstahl: Am Kölner Hauptbahnhof ereigneten sich in der Silvesternacht schlimme Szenen.

Sexuelle Übergriffe, Pöbeleien, Diebstahl: Am Kölner Hauptbahnhof ereigneten sich in der Silvesternacht schlimme Szenen.

Foto: Oliver Berg / dpa

Die sexuellen Übergriffe gegen junge Frauen in der Silvesternacht in Köln sorgen für Fassungslosigkeit. Wer waren die Täter? Wie reagierte die Polizei? Was wir bisher wissen und was noch unklar ist – ein Überblick.

Was ist passiert?

Die Silvesternacht in Köln: Auf dem Bahnhofsvorplatz haben sich etwa 1000 Männer versammelt. Böller werden gezündet, Raketen fliegen waagerecht durch die Gegend. Aus dieser Menschenmenge heraus sollen sich mehrere Gruppen mit jungen, teils alkoholisierten Männern gebildet haben, die in der Folge zahlreiche Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt haben.

Auch in Hamburg und Stuttgart kam es in der Silvesternacht zu sexuellen Übergriffen gegen junge Frauen. In der Hansestadt sollen mehrere Männergruppen Frauen begrapscht, eingekesselt und einige von ihnen ausgeraubt haben. Insgesamt gingen neun Anzeigen bei der Hamburger Polizei ein. In Stuttgart soll sich ein ähnlicher Vorfall ereignet haben.

Welche Straftaten wurden begangen?

Laut Kölner Polizei wurden in „sehr massiver Form“ Sexualdelikte begangen. „Das reicht vom bloßen Begrapschen bis hin zum Gehen mit den Händen unter die Unterwäsche“, sagte der Leitende Polizeidirektor Michael Temme dem Nachrichtensender N24. Eine Augenzeugin berichtete von Grapschern an den Po: „Das wurde extremer“, schildert sie die Situation. Auch eine Vergewaltigung soll es gegeben haben. Darüber hinaus wurden zahlreiche Opfer ausgeraubt. Polizeipräsident Wolfgang Albers nannte die Übergriffe „Straftaten einer völlig neuen Dimension“.

Welchen Hintergrund haben die Übergriffe?

Nach Angaben der Polizei handelt es sich um eine bekannte Masche von Trickbetrügern: Um von der eigentlichen Tat, dem Diebstahl von Wertgegenständen, abzulenken, werden die Opfer angegrapscht. „In einigen Fällen gingen die Männer jedoch weiter und berührten die meist von auswärts kommenden Frauen unsittlich“, heißt es in einer Mitteilung der Polizei.

Wie viele Frauen sind betroffen?

Bis Dienstagmorgen gingen bei der Kölner Polizei 90 Anzeigen ein. Die Behörden gehen allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer höher ist. Betroffene und Zeugen sind aufgerufen, sich beim Kriminalkommissariat 12 der Kölner Polizei unter der Rufnummer 0221/ 229-0 zu melden. In Hamburg gab es bisher neun Anzeigen zu Vorfällen an der Reeperbahn, weitere Betroffene berichteten dem „Hamburger Abendblatt“ von Übergriffen am Jungfernstieg.

Wie viele Männer waren beteiligt?

Die genaue Zahl der Täter ist unbekannt. Die Übergriffe sollen aus kleinen Gruppen und solchen mit bis zu 20 Männern erfolgt sein. Wie groß der Täterkreis ist, lässt sich derzeit nicht sagen: Angaben variieren zwischen 40 und mehreren hundert Beteiligten allein in Köln.

Wer sind die Täter?

Laut übereinstimmenden Zeugenberichten handelt es sich überwiegend um Männer, die dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammen. Sie sollen etwa 15 bis 35 Jahre alt und der Polizei teilweise im Zusammenhang mit Trickbetrügereien bekannt sein. Nähere Angaben konnten die Ermittler am Dienstagmorgen nicht machen. Der NRW-Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Arnold Plickert, warnte davor, einen Zusammenhang zur Flüchtlingsthematik herzustellen. „Wenn es Flüchtlinge gibt, die ein Problem damit haben, die Freiheitsrechte anderer Menschen zu respektieren, müssen wir mit aller Härte des Gesetzes gegen sie vorgehen“, sagte Plickert. Es dürfe aber nicht übersehen werden, „dass der Großteil der Menschen zu uns gekommen ist, weil sie in ihren Herkunftsländern ihres Lebens nicht mehr sicher sind“.

Wie ging die Polizei vor?

Die Polizei wurde von den Übergriffen offenbar überrumpelt. Laut Zeugenaussagen waren die Beamten vor Ort zunächst mit der Situation überfordert. Mithilfe von hinzugezogenen Kräften konnte die Menschenmenge auf dem Bahnhofsvorplatz schließlich aufgelöst werden. Einige Augenzeugen berichteten, dass sich die sexuellen Übergriffe erst danach in den Nebenstraßen ereigneten. Zu diesem Zeitpunkt war das Ausmaß der Attacken aber offenbar nicht ersichtlich: Die Polizei erfuhr erst im Nachhinein durch die vielen Anzeigen, was geschehen war.

Wieso wurde erst spät über den Vorfall berichtet?

Aus diesem Grund wird auch erst jetzt über die Übergriffe berichtet. Da die Polizei die Angriffe zunächst nicht mitteilte, war auch den Medien das Ausmaß nicht gegenwärtig.

Wie reagieren Politik und Polizei?

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker bezeichnete die Vorfälle im „Kölner Stadt-Anzeiger“ als „ungeheuerlich“. Es könne nicht toleriert werden, dass rechtsfreie Räume entstehen. Bundesjustizminister Heiko Maas kündigte an, dass die Täter „konsequent zur Rechenschaft“ gezogen würden. „Die abscheulichen Übergriffe auf Frauen werden wir nicht hinnehmen“, twitter Maas.

Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, fordert eine Bestrafung der Täter „mit der ganzen Härte des Gesetzes“. Hierbei dürfe es keinerlei Rolle spielen, ob die Verdächtigen Migrationshintergrund besäßen. „Da darf nichts relativiert werden“, sagte Göring-Eckardt der „Thüringer Allgemeinen“. „Es darf keine rechtsfreien Räume geben – ganz egal, ob hinter den Straftaten deutsche Staatsbürger, Ausländer oder Asylbewerber stecken.“

Die grüne Fraktionsvorsitzende sagte der Zeitung, dass der Staat „niemals wegschauen“ dürfe, „wenn sich Frauen nicht mehr ohne Angst in Köln oder anderswo bewegen“ könnten. Sie sei sehr froh, dass dies die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Rekers als ihr persönliches Anliegen sehe und das Thema nicht allein den Sicherheitsbehörden überlasse. „Sie hat das vollkommen Richtige dazu gesagt“, erklärte Göring-Eckardt.

Für heute ist ein Krisentreffen angesetzt, an dem unter anderem die Kölner Polizei, die Bundespolizei und Stadtdirektor Guido Kahlen teilnehmen sollen. Die Polizei hat die Ermittlergruppe „Neujahr“ eingerichtet, die im großen Stil Handy- und Überwachungsvideos auswertet.

Was ist noch unklar?

• Wie groß ist der Täterkreis tatsächlich?

• Wie konnte es passieren, dass die Polizei in einer so zentralen Lage keinen Überblick hat?

• War die Vorgehensweise teil einer geplanten Reihe von Überfällen?

• Falls die Übergriffe organisiert waren: Wer steckt dahinter und wie haben sich die Täter koordiniert?

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen