Martin Vargic

Das ist der Atlas des unnützen Wissens

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OLIVER STÖWING

Foto: imago stock&people / imago/Anka Agency International

Die meisten Scheidungen, die teuersten Äpfel: Die Karten des Künstlers Martin Vargic zeichnen den Zustand unserer Welt.

Berlin.  Wo zahlen die Menschen am meisten für einen Apfel? Wo sind sie am häufigsten betrunken? Und wo gibt es die meisten Scheidungen? Ein Atlas gibt Antworten auf Fragen, die man sich vielleicht nie gestellt hat. Aber solche Wissensfetzen lassen sich gut beim Party-Small-Talk einstreuen – und sie zeichnen ein Bild vom Zustand unseres Planeten, welches der herkömmliche Schulatlas nicht bietet. Hinter „Vargic’s Miscellany of Curious Maps: Mapping the Modern World“ (Harper-Design, 31,95 Euro) steckt der slowakische Grafikkünstler Martin Vargic.

Vor zwei Jahren machte ihn seine „Weltkarte des Internets“ in der Onlinekunstcommunity „DeviantArt“ international bekannt. Darin stellte er die Macht der Giganten wie Google oder Apple in Form von Kontinenten dar. Berühmt ist auch seine zukunftspessimistische Weltkarte zum Klimawandel, auf der Inseln und Küsten durch den Anstieg des Meeresspiegels verschwunden sind.

Besonders gerne viral in sozialen Netzwerken verbreitet werden seine Karten über Klischees, die ein Land vom Rest der Welt hat. So heißt Deutschland aus Sicht der Amerikaner „Bratwurst“, Irland „Rotschöpfe“, England „Altes Amerika“ und das eigene Land „Freiheit“. Seine Karten im Retrodesign präsentiert Vargic auf seiner Internetseite Halcyonmaps.com.

„Ich wollte ein Bild von der Welt geben, in der wir leben“, erklärt Vargic seinen Atlas. „Dabei soll jede Seite eine andere Perspektive auf unserer Kulturen und unserer Lebensweisen bieten.“ Aufklären will Vargic, aber auch unterhalten. Schon als Kind begann er damit, Karten zu zeichnen. „Es ist faszinierend, wie Karten es schaffen, viele Informationen zu bündeln und anschaulich wiederzugeben.“ Seine Infos holt Vargic sich aus offiziellen Statistiken, Umfragen und Studien.

In Weißrussland fließt der meiste Alkohol

An mancher Stelle decken sich die Erkenntnisse mit Stereotypen. Nirgendwo auf der Welt wird der Karte nach so viel getrunken wie in Weißrussland: 17,4 Liter reiner Alkohol pro Person sind es im Jahr – bei den Deutschen fließen immerhin noch 11,8 Liter.

Mit Russland teilen sich die USA die höchsten Scheidungsraten: 60 von 100 Ehen werden nicht vom Tod, sondern vom Richter beendet. Die USA halten einen weiteren unrühmlichen Rekord. Auf 100 Menschen kommen dort 90 Waffen. Zum Vergleich: In Mitteleuropa sind es nur zwischen eins und vier. Schwergewichte auf der Weltkarte sind die USA und Saudi-Arabien. Fast ein Drittel der Bevölkerung gilt dort als fettleibig, hat also einen Body-Mass-Index von über 30.

Vielleicht sollten die Menschen dort öfter mal in einen Apfel beißen. Die Preise für das Obst variieren beträchtlich. Eine Weltkarte mit dem Apfelindex verrät: In Ländern wie Grönland, Venezuela und in Japan kostet ein Kilo Äpfel circa 6,30 Euro. In Deutschland sind es um 2 Euro. Osteuropa, die Türkei oder Südafrika liegen mit weniger als 1,40 Euro am unteren Ende der Skala.

Die meisten bedrohten Säugetierarten gibt es in Mexiko und Indonesien

Am meisten für ein Kinoticket hinlegen müssen Menschen in der Schweiz, in Grönland und überraschenderweise auch im afrikanischen Angola. Mit über 18 Euro ist man dabei. In Indien dagegen kostet ein Ticket weniger als 3,60 Euro. Trifft sich gut, ist Indien doch mit 1000 Produktionen pro Jahr größter Filmproduzent der Welt – Bollywood schlägt Hollywood mit seinen circa 600 jährlichen Produktionen.

Die Karten zeigen aber auch die Verletzlichkeit unserer Welt: Die meisten bedrohten Säugetierarten, so erfahren wir, gibt es in Mexiko und Indonesien, es sind über 100, darunter etwa das Javanashorn, von dem es nur noch 60 Exemplare gibt. In Mitteleuropa könnten bis zu neun Spezies bald für immer verschwunden sein.

Lieblingskarte des Autors ist die „Weltkarte der Desaster“. Sie zeigt, wo auf der Welt sich die größten Unglücke ereigneten. Viele sind trotz ihrer Schwere aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, etwa der sogenannte Lakeview Gusher, bei dem 1910 bei einer Bohrung unkontrolliert in Kalifornien 1.2 Mio. Tonnen Öl austraten und in die Flüsse schwemmten – bis heute die größte Ölkatastrophe der USA. Die Karte erinnert auch an eine rätselhafte Eruption 1984 im zentralafrikanischen Nyos-See, bei der Unmengen CO2 austraten. 1700 Menschen starben, die meisten wurden im Schlaf überrascht.

Die Deutschen sind die treuesten Europäer

Eine andere Karte namens „Timeline of Fame“ stellt Prominente als Wassermassen dar, die seit 2004 je nach Ruhm mal mehr, mal weniger Platz einnehmen. Ausschlaggebend war, wie oft die Stars gegoogelt wurden. Vor zehn Jahren dominierten Britney Spears und Paris Hilton eindeutig. Heute ist ihr Stern deutlich gesunken. Insgesamt verteilt sich die Aufmerksamkeit heute auf mehrere Stars, darunter die Popstars Justin Bieber und Taylor Swift oder die Reality-TV-Größe Kim Kardashian.

Und was hat der Autor bei seinen Recherchen über die Deutschen erfahren? Vargic: „In einigen meiner Karten wird deutlich, dass kaum ein Land mehr historische und kulturelle Besitztümer und Ideen angehäuft hat, die überall auf der Welt rezipiert werden. Ich spreche von Bach, Beethoven, von Goethe, Schiller und Hesse. Zudem wird kein Land so sehr von der NSA ausspioniert. Außerdem sind die Deutschen ihrem Partner treu wie die Menschen in keinem anderen europäischen Land.“

Treu sind die Deutschen nicht nur ihrem Partner, sondern auch ihrem Internetbrowser. „Nur in Deutschland und Polen ist Mozilla Firefox der meistbenutzte Browser“, sagt Vargic, „der Rest Europas nutzt Google Chrome.“

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