Berlin –

Extrem-Wetter auf allen Kontinenten

| Lesedauer: 5 Minuten

Überschwemmungen in England, Schnee-Chaos in den USA, Rekordwärme am Nordpol

Berlin. England versinkt im Regen. Und auch Australien leidet unter Überschwemmungen. Im sonst so warmen US-Bundesstaat New Mexico herrscht Schneenotstand. In Indonesien und Kolumbien wüten Waldbrände als Folge von Trockenheit. Das Islandtief soll am Nordpol für Temperaturen bis zu vier Grad plus sorgen. Normal sind dort im Winter minus 40 Grad. Wir erleben ein Jahresende der Wetterextreme. Oder erscheint es uns nur so, weil eigentlich nicht die Zahl der Überschwemmungen, sondern vor allem die Informationsflut zugenommen hat?

„Wetterextreme häufen sich tatsächlich“, ist sich Meteorologe Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel sicher. Viele der derzeitigen Erscheinungen schreibt er dem Wetterphänomen „El Niño“ zu. „‚El Niño‘ ist eine Erwärmung des tropischen Pazifiks an der Oberfläche, die dann sehr viele verschiedene Auswirkungen auf das Klima besonders in Amerika, aber auch in Südostasien und auch Afrika hat. Auf der einen Seite führt der ‚El Niño‘ dazu, dass es gerade in Südostasien sehr starke Trockenheit gibt. Auf der anderen Seite des Pazifiks dagegen gibt es heftige Niederschläge.“ Auf Europa habe ‚El Niño‘ weniger Auswirkungen, normalerweise sei es dadurch bei uns etwas kälter. Dass der Winter noch in Kälte umschlägt, hält der „El Niño“-Experte für gut möglich.

„El Niño“ ist ein natürliches Phänomen, das auch positive Auswirkungen hat. In Südkalifornien erhofft man sich ein baldiges Ende der jahrelangen Rekorddürre. Selbst wenn bald starker Regen einsetzt: Laut einem aktuellen Bericht der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ sind 58 Mio. kalifornische Bäume kaum mehr zu retten. „Kalifornien braucht seine Wälder – für den Wasserhaushalt, die CO2-Speicherung, für Holzprodukte, als Erholungsgebiete und Touristenattraktionen“, warnt der Umweltexperte Greg Asner.

Der Sturm „El Niño“ ist so stark wie nie

Der jetzige „El Niño“ ist der stärkste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor gut 150 Jahren, sagt Prof. Latif. Nur in den Wintern 1982/83 und 1997/98 sei er ähnlich stark ausgefallen. Er hält es für wahrscheinlich, dass die globale Klimaerwärmung auch „El Niño“ beeinflusst und ihn zukünftig kräftiger ausfallen lässt. „Dann könnte Europa stärker von Trockenheit betroffen sein.“

Das gegenwärtige Hochwasser in England ist kein „El Niño“-Phänomen, sondern nach Meinung von Latif der Klimaerwärmung geschuldet. „Dadurch verdunstet mehr Wasser in den Ozeanen, das in den Kreislauf gerät.“ In den Hochwassergebieten bleibt die Lage angespannt. Weite Teile Nordenglands stehen nach wie vor unter Wasser. Der bisherige Schaden wurde auf über zwei Milliarden Euro geschätzt. Besonders schwer war die Region um York betroffen, wo sich auch Premierminister David Cameron blicken ließ. Seine Regierung will nun prüfen, ob man zur Vorbeugung verstärkt Dämme baut.

Extremwetter auch in Nordaustralien: Eine Frau kam in den Fluten um, ein 28-Jähriger wurde noch gesucht. Hubschrauber retteten mindestens 500 Menschen aus der abgelegenen Ortschaft Daly River bei Darwin. Besondere Gefahr: Krokodile. Sie griffen in den Fluten bereits Hunde an. Im Süden dagegen zerstörten Buschbrände 116 Häuser. In Nordspanien wüteten 130 Waldbrände, besonders in Kantabrien. Waldbrände sind dort im Dezember selten, ein warmer Herbst und wenig Regen hatten sie diesmal begünstigt. Ungewöhnlich trockenes und windstilles Wetter in Italien führte zu Smoglage mit Fahrverboten in Städten wie Mailand oder Rom. Italiens Umweltminister Gian Luca Galletti warnte: „Der Smognotstand könnte noch einige Zeit andauern und auch in Zukunft viel häufiger auftreten.“

Das weltweite Klima reagiert sehr träge

Brände in Kolumbien zerstörten laut Feuerwehr mindestens 300 Hektar Wald. Die Flammen wüten seit Tagen in den Departements von Antioquia im Nordwesten sowie Boyacá und Cundinamarca im Zentrum des Landes. Ursache der Dürre hier: „El Niño“. In Paraguay dagegen brachte „El Niño“ Überschwemmungen: Stadtteile der Hauptstadt Asunción versanken im Schlamm, 140.000 Menschen mussten fliehen. Wetterchaos auch in den USA: In den vergangenen Tagen kamen mindestens 43 Menschen durch Unwetter ums Leben. In New Mexico im Südwesten und in Texas wurde der Schneenotstand ausgerufen. Zu Weihnachten hatten zunächst Tornados und Regen in Staaten wie Mississippi, Tennessee und Arkansas gewütet.

„El Niño“ dauert noch bis zum Frühjahr an, sagt Latif. Die Folgen der Klimaerwärmung dagegen sind zurzeit nicht absehbar. „All die Extreme sind Mosaiksteinchen einer Veränderung. Wenn die Abkommen des Klimagipfelvertrages von Paris tatsächlich verwirklicht werden, dauert es dennoch Jahrzehnte, bis sich etwas ändert. Das Klima reagiert leider träge.“

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos