Jahresrückblick

Wie das Rekord-Erdbeben Nepal in eine tiefe Krise stürzte

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Die schlimmste Naturkatastrophe 2015: Im April bebt der Himalaya. Vor allem Nepal hat bis heute unter den schlimmen Folgen zu leiden.

Kathmandu.  An einem Samstagmittag um 11.56 Uhr bebt die Erde im Himalaya. In den darauffolgenden Sekunden krachen in Nepals Hauptstadt Kathmandu so viele Häuser in sich zusammen, dass eine gewaltige Staubwolke über der Stadt aufsteigt. In der Nähe des höchsten Berges der Welt lösen sich Lawinen und fegen über das Basislager des Mount Everest hinweg. Selbst in Indien, Tibet und Bangladesch begraben einstürzende Mauern viele Menschen unter sich.

In den Tagen nach dem 24. April ziehen die Helfer, die aus aller Welt nach Nepal eilten, immer mehr Leichen aus den Trümmern. Die traurige Bilanz des Bebens der Stärke 7,8: mindestens 9000 Tote und mehr als 22.000 Verletzte. Ganze Dörfer sind geplättet, von Tempeln die zum Unesco-Welterbe gehören, bleiben nur Schutthaufen übrig. Nepal, das zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, ist bis ins Mark erschüttert. „Eine nationale Tragödie“, meint der Autor Kashish Das Shrestha.

Selbst der Präsident schläft unter einer Plane

Kaum jemand in Kathmandu traut sich in den ersten Tagen in die stehengebliebenen, rissigen Häuser zurück. Überall schlagen die Überlebenden ihre Zelte auf, in Parks und auf Sportplätzen, auf Grünstreifen und in Innenhöfen. Selbst Präsident Ram Baran Yadav schläft unter einer Plane. Krankenhäuser behandeln Patienten auf den Gehwegen, weil sie keinen Platz mehr haben.

Touristen, die sich gerade in Nepal aufhalten, packen mit an. Viele sitzen ohnehin fest, weil die Landebahn des einzigen internationalen Flughafens des Landes beschädigt ist. Kann sie notdürftig geflickt benutzt werden und ist einer der wenigen Flugzeug-Parkplätze frei, wird die Landeerlaubnis meist den Hilfsmaschinen erteilt.

Viele Dörfer für Helfer nur schwer erreichbar

Erdrutsche haben alle Straßen nach China unpassierbar gemacht, aus Indien sind nur zwei Straßen offen. In abgelegene Bergregionen kommt die Hilfe ganz besonders schleppend. „Viele dieser Dörfer sind nur mit Geländewagen und zu Fuß erreichbar, manche Stunden oder sogar Tagesmärsche von der Hauptstraße entfernt“, sagte Matt Darwas von der Hilfsorganisation World Vision. Nepal hat nur sechs Hubschrauber.

„Es gibt keinen Zweifel: Es fehlt uns an allem“, gibt Laxmi Dhakal aus Nepals Innenministerium drei Tage nach dem Beben zu. Helfer klagen über Chaos bei der Koordinierung der Einsätze. Sauberes Trinkwasser und Nahrungsmittel gehen schnell zur Neige. Von der Regierung enttäuscht, nehmen viele Nepalesen die Hilfe in die eigene Hand und fahren, den Kofferraum voller Essen, in die Berge.

Feuer brennen viele Tage

In den Einäscherungsstätten erlöschen die Feuer viele Tage lang nicht. Priester, Ärzte, Fluglotsen arbeiten fast rund um die Uhr. Dann, mehr als eine Woche nach dem verheerenden Beben, ein Lichtblick: Retter finden noch Überlebende unter den Trümmern, darunter einen wahrscheinlich mehr als 100 Jahre alten Greis.

Außerdem können am Mount Everest die Bergsteiger, die wegen der Zerstörung der Abstiegsroute durch den Gletscher festsaßen, ausgeflogen werden. Das Basislager, das dem belgischen Bergsteiger Damien François zufolge „wie nach einem Tsunami“ aussah, leert sich. 18 Menschen starben dort. Niemand erklimmt im Jahr 2015 den welthöchsten Gipfel.

Gerade als die Betroffenen langsam zur Normalität zurückfinden, kommt der nächste Schlag. Am 12. Mai erzittert die Erde erneut, diesmal mit der Stärke 7,2. Wieder stürzen Häuser ein, wieder rutschen Hänge ab, und Menschen, die noch Hoffnung hatten, verzweifeln. Viele traumatisierte Nepalesen berichten, sie spürten nun ständig den Boden unter sich wanken. „Ich kann nicht mehr sagen, ob ich es bin, der zittert, oder die Erde“, meint Bibek Bhandari.

Wiederaufbau geht schleppend voran

Der Wiederaufbau der mehr als 600.000 zerstörten Häuser geht bis heute nur schleppend voran. Etwa ein Viertel der 30 Millionen Nepalesen ist von dem Beben betroffen - eine Mammutaufgabe für das kleine Land. Hinzu kommt, dass gleichzeitig ein Streit um die neue Verfassung tobt, der die Politik in Kathmandu quasi lahmlegt.

Internationale Hilfsorganisationen beklagten, sie könnten wegen fehlender Vorgaben der zerstrittenen Regierung keine festen Häuser bauen. „Legal können wir keinen Stein auf den anderen setzen“, sagt Michael Frischmuth von der Diakonie Katastrophenhilfe. Weiterhin leben Menschen in Zeltstädten. Aiti Tamang ist eine von ihnen, sie sagt: „Wir haben keinen Grund zum Lächeln.“ (dpa)