Peking –

„Ich werde ein normaler Bürger“

| Lesedauer: 5 Minuten
Felix Lee

Das Ende der Ein-Kind-Politik eröffnet vielen Chinesen einen Traum – einen Pass zu bekommen

Peking. In ihrer Kindheit musste sie sich ständig verstecken. Und während ihre ältere Schwester zur Schule durfte und später auch zur Ausbildung in die Stadt geschickt wurde, musste sie zu Hause bleiben und ihrer Mutter bei der Feldarbeit helfen. Bildung blieb der heute 27-jährigen Lin verwehrt, ebenso Arztbesuche. Und auch mit der Eisenbahn durfte sie noch nie fahren. Denn für den Ticketkauf wird der Ausweis gebraucht. Den hat sie aber nicht. Denn sie gilt in China als illegal.

Die Ein-Kind-Regel gehört in China seit November dieses Jahres der Vergangenheit an. Nach fast 35 Jahren dieser höchst restriktiven Bevölkerungspolitik darf jetzt jedes Ehepaar ein zweites Kind auf die Welt bringen. Das hat der Parteikongress der regierenden Kommunistischen Partei entschieden. Doch diese Regelung hat bei Millionen Familien Tragödien verursacht und ihre Kinder bis heute ins Unglück getrieben. Mit den Folgen muss sich das Land auch künftig auseinandersetzen.

Alle Jungen und Mädchen sollen jetzt registriert werden

Zumindest hat die chinesische Regierung gerade angekündigt, dass sich alle bislang nicht registrierten Bürger künftig offiziell anmelden dürfen. „Das Problem der unregistrierten Bürger soll umfassend gelöst werden“, teilte eine Reformarbeitsgruppe unter Präsident Xi Jinping am Donnerstag mit. Bei diesen unregistrierten Bürgern handelt es sich zumeist um Zweit- oder Drittgeborene, die unter Missachtung der fast 35 Jahre geltenden Ein-Kind-Regel auf die Welt gekommen waren. Konnten ihre Eltern die hohen Strafgebühren nicht aufbringen, verweigerten die Behörden diesen Kindern eine Registrierung. Für sie hieß das: Sie mussten versteckt werden.

So wie die 27-jährige Lin hatten sie weder das Recht auf kostenlose Bildung noch konnten sie zu einem Arzt gehen. Ein Bankkonto wurde ihnen ebenso verweigert wie der Abschluss eines Mobilfunkvertrags. Nicht einmal heiraten durften sie, geschweige denn eine Ausbildung machen. Weil für viele arme Familien diese Kinder eine große Last darstellten, wurden sie oft verstoßen oder verkauft. „Viele seien als Waise oder Obdachlose aufgewachsen“, beschreibt der in den USA lehrende Soziologe und Demografie-Experte Cai Yong ihre Situation. „Dies ist ein wichtiger Schritt für Chinas politisches System.“ Den offiziellen Zahlen zufolge betrifft das 13 Millionen Menschen.

Das Hukou-System müsste gleich mit reformiert werden

Dieses Unrecht hat die chinesische Führung lange Zeit unter den Teppich gekehrt. Noch vor einigen Jahren tauchten diese Menschen nicht einmal als Schätzwert in der offiziellen Statistik auf. Entsprechend war es auch lange Zeit ein Tabu in China über sie zu berichten. Dabei sind sie aus dem Stadtbild etwa von Peking oder Guangzhou gar nicht wegzudenken. Bei den meisten Obdachlosen, die jünger als 35 sind, handelt es sich um diese sogenannten schwarzen Kinder. Viele hat es auch in die Prostitution oder in die Kleinkriminalität getrieben.

Allerdings finden sich auch Betroffene, die es trotz dieser Umstände geschafft haben, sich ein wirtschaftlich stabiles Leben aufzubauen. In chinesischen Zeitungen wird in diesen Tagen von Menschen berichtet, die als Straßenhändler, Fabrikarbeiter oder Näherinnen eine Existenz aufbauen konnten. Im „Dalian“-Abendblatt etwa wird von einer jungen Frau namens Yang Lele berichtet. Die heute 20-Jährige wurde als Baby auf Bahngleisen ausgesetzt. Ein Ehepaar nahm sich Lele an. Doch weil die neuen Pflegeeltern schon ein Kind hatten, konnten sie Lele nicht registrieren. Sie durfte nur bis zu ihrem zehnten Lebensjahr zur Schule gehen. Und das auch nur, weil ein befreundeter Lehrer sie in seinem Unterricht aufnahm. Ein Zeugnis blieb ihr verwehrt, damit auch eine Ausbildung.

Heute hat sie einen Aushilfsjob in einer Fabrik. „Ich will mich nicht beschweren“, sagt sie. Immerhin könne sie mit eigenem Geld für ihren Lebensunterhalt sorgen. Für andere nicht Registrierte sei das nicht möglich. Lele setzt sehr viel Hoffnung auf die Registrierung. „Ich werde ein normaler Bürger“, wird sie in der Zeitung zitiert.

Die Abschaffung von Chinas höchst umstrittenem Haushaltsregistrierungssystem bedeutet dieser Schritt aber nicht. Bei dem in der Volksrepublik als Hukou bezeichneten System können die Bürger nur dort Rechte und Sozialleistungen in Anspruch nehmen, wo sie auch registriert sind. Das ist bei Millionen von Menschen in den Städten in ihren Heimatdörfern – auf dem Land. Damit wollte die chinesische Führung eine unkontrollierte Landflucht und Slums in den Großstädten vermeiden.

Die Folge: Rund 270 Millionen Menschen in Chinas Städten steht keine freie medizinische Versorgung oder Bildung zur Verfügung. Eine Reform des Hukou-Systems hat die chinesische Führung angekündigt. Der ganz große Wurf ist aber bislang ausgeblieben.

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