Interview

Dokumentation: In der wirren Welt der Chemtrail-Gläubigen

Filmemacher Marc Quambusch hat sich in die Gedanken von Verschwörungstheoretikern eingearbeitet und eine Doku gedreht. Ein Interview.

Kondensstreifen am Himmel. Chemtrail-Gläubige glauben, es handele es sich hierbei um Chemikalien, mit denen das Wetter beeinflusst werden soll.

Kondensstreifen am Himmel. Chemtrail-Gläubige glauben, es handele es sich hierbei um Chemikalien, mit denen das Wetter beeinflusst werden soll.

Foto: imago stock&people / imago/McPHOTO

Mainz.  Sie glauben an den Fortbestand des Deutschen Reichs oder an Chemtrails, mit denen die Regierung wahlweise das Wetter oder unsere Psyche kontrolliert: Verschwörungstheoretiker. Erst jüngst wurde das Thema durch die Nominierung von Xavier Naidoo für den ESC wieder aktuell. Naidoo hatte sich mit öffentlichen Äußerungen in die Nähe der Reichsbürger gerückt. Der Filmemacher Marc Quambusch hat für seine Dokumentation „Verschwörungstheorien – Leben im Wahn“ (Freitag, 11. Dezember, 18.45 Uhr, auf ZDF Info) mit Reichsbürgern und Chemtrail-Gläubigen gesprochen und sich tief in ihre Gedankenwelt eingearbeitet. Hier der Trailer:

Im Interview spricht Quambusch über seine Erfahrungen mit Anhängern verschiedener Verschwörungstheorien und macht deutlich, dass es sich nicht zwangsläufig um harmlose Spinnereien handelt.

Herr Quambusch, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Dokumentation über Verschwörungstheorien zu drehen?

Marc Quambusch: Ich hatte Kontakt zu Rayk Anders, der in seiner Youtube-Reihe „Armes Deutschland“ ein Video mit dem Titel „Acht Gründe, warum ich die Deutschen Wirtschaftsnachrichten nicht teile“ produziert hatte, aufgenommen. Ich hatte ihn gefragt, ob wir darüber mal etwas machen sollen, und so kamen wir auf das Thema Verschwörungstheorien.

Was ist an dem Thema spannend?

Quambusch: Es ist spannend und gleichzeitig erschreckend, dass so viele bekloppte Menschen auf der Welt herumlaufen, die in Strukturen leben, die keinerlei Kontakt mehr zur Realität haben.

Wie haben Sie die Protagonisten für Ihre Dokumentation gefunden?

Quambusch: Wir haben im Team viel recherchiert. Letztlich landet man aber im Internet sehr schnell bei den entsprechenden Leuten. Den Präsidenten der von uns vorgestellten Reichsbürger-Organisation habe ich angerufen und lange, lange über viele Stunden mit ihm telefoniert und mich dann in Delmenhorst auf dem „Volks-Reichstag“ mit ihm getroffen.

Wie muss man sich das vorstellen? Was sind da für Leute?

Quambusch: Da waren unterschiedlichste Menschen. Es ist nicht unbedingt ein Querschnitt der Gesellschaft, aber es ist eine bunte Mischung. Allerdings mit vielen gescheiterten Existenzen. Mein Reichsbürger wurde von einem schwarzen, 60-jährigen Rastafari begleitet, Der hat sich in aller Ruhe einen Joint gedreht, während auf dem Podium diskutiert wurde, ob das Deutsche Reich jetzt den Notstand ausrufen muss. Das war eine der abstrusesten Situationen, in denen ich mich je befunden habe.

Wie haben Sie die Menschen dazu bewegt, mit Ihnen zu sprechen?

Quambusch: Das war ganz schräg. Auf einem Vortrag wurde unter Jubel darüber gewettert, dass die ganze Presse von Zionisten unterwandert sei. Unmittelbar danach hieß es, „Da ist Herr Quambusch, der macht einen Film fürs ZDF“ – und da haben alle freundlich „Hallo“ gesagt. Wir haben dann viel geredet und letztlich waren das auch nette Menschen, die sich dann bereit erklärt haben, im Film mitzuwirken.

Das klingt naiv. Gab es gar kein Misstrauen?

Quambusch: Eigentlich nicht. Wenn man sich menschlich gut versteht, kommt der Rest von alleine. Ich glaube allerdings auch nicht, dass die wirklich überblickt haben, um was für eine Doku es ging.

War das für Ihre Gesprächspartner ein willkommener Anlass, ihre Weltsicht darzulegen?

Quambusch: Ich glaube, ja. Diese Menschen sind alle sehr sendungsbewusst. Einerseits schimpfen sie auf die „Lügenpresse“, wollen aber doch ihre Version der Wahrheit verkaufen.

Wie muss man sich diese Wahrheit konkret vorstellen?

Quambusch: Die Reichsbürger leben im Deutschen Reich von 1914. Die gehen davon aus, dass das Deutsche Reich nie untergegangen ist und immer noch existiert. Alles, was wir jetzt erleben, ist für die Lug und Trug und ein von den Siegermächten eingesetztes Konstrukt, um Deutschland klein zu halten. Da steckt ganz viel Antisemitismus hinter. Mir wurde erzählt, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg mehr Juden gegeben habe als vorher.

Die Leute tragen eigene Pässe und „Reichs-Personenausweise“ und eigene Führerscheine mit sich herum. Damit weisen die sich auch aus und bekommen so natürlich regelmäßig Ärger mit den Behörden – die für sie natürlich keine Behörden sind, weil es die Bundesrepublik als Staat gar nicht gibt.

Wie meistern diese Menschen ihren Alltag?

Quambusch: Einer meiner Interviewpartner arbeitet als Tierpfleger und steht eigentlich auch gut im Leben. Da denke ich mir, dass er einfach die falschen Freunde gefunden hat. Das ist ein engagierter Mensch, der einfach irgendwann in die falsche Richtung gezogen wurde. Es gibt jedoch auch Menschen, die sich komplett aus dem System ausklinken und beispielsweise keine Steuern mehr zahlen. Die gehen irgendwann natürlich unter.

Sind die Reichsbürger eine echte Gefahr?

Quambusch: Es gibt inzwischen Anschläge von Reichsbürgern, zum Beispiel aufs Bundeskanzleramt oder Polizisten und allen voran Gerichtsvollzieher, weil die als Repräsentanten des feindlichen Systems begriffen werden. Hinzu kommt eine Gemengelage mit Nazis, die sich die Ideologie der Reichsbürger gerne zunutze machen. So befeuern sich diese beiden Szenen gegenseitig.

Beim Thema Chemtrails denkt man ja auch zunächst, das sei eine harmlose Spinnerei. Aber auch das nutzen Nazis inzwischen, um die Leute in eine Art braune Esoterik-Suppe zu ziehen.

Stichwort Chemtrails: Inwieweit unterscheiden sich die Chemtrail-Gläubigen in ihrer Struktur von den Reichsbürgern?

Quambusch: Was die Psychostruktur angeht, kaum. Das bestätigt auch der Psychologe Sebastian Bartoschek, der über Verschwörungstheorien promoviert hat. Anhänger der Theorien versuchen, sich eine hochkomplexe Welt so leicht verständlich wie möglich zu machen. Ihre Ängste projizieren sie auf einen übermächtigen Feind, der sie im Falle der Chemtrail-Anhänger etwa besprüht oder bei den Reichsbürgern eben das deutsche Volk unterjocht.

Wie zugänglich sind diese Menschen für Argumente?

Quambusch: Die, mit denen ich gesprochen habe, sind so in ihrer Welt gefangen, dass sie nicht erreichbar sind. Die sind völlig abgeschottet. Das führt auch zu Rissen in Familien, weil sie überall nur noch Spitzel und Feinde sehen. In Berlin haben mir zwei Menschen stundenlang etwas über Chemtrails, das Deutsche Reich und Reichs-Flugscheiben erzählt. Da hat man aber auch keinen Argumentationsansatz mehr, weil das so weit weg von der Realität ist. Als ich dann fragte, wo und wann der nächste Stammtisch sei, bekam ich als Antwort geflüstert: „Dass sage ich kurzfristig, letztens waren zwei BND-Agenten da.“ Da ist eine rationale Diskussion nicht möglich.

Diese Menschen leben in einem Wahn. Wenn man den ganzen Tag denkt, man werde bestrahlt oder begast, ist das ja auch kein schönes Leben. Die Menschen können einem eigentlich nur leidtun. Das geht ja so weit, dass die Kinder auf Demos gegen Chemtrails unter Tränen die Bundesregierung anflehen, sie nicht mehr einzusprühen. Jörg Kachelmann, der auch in der Doku zu Wort kommt, nennt das klipp und klar Kindesmissbrauch.

Für die Menschen ist das ja vermutlich sehr wohl eine rationale Geschichte. Wo bekommen die ihre Informationen her?

Quambusch: Aus dem Internet. Das Netz ist voll mit schlimmen Sachen von „Die Erde ist hohl“ über „Die Erde ist flach“ bis „Es gibt keine Gravitation“ oder Ufo-Projekten der Nazis.

Lässt sich bei den Personen in der Doku zurückverfolgen, was der Auslöser war?

Quambusch: Bei meiner Chemtrail-Frau war es so, dass die mal etwas über Chemtrails gehört hat, sich drei Tage lang auf den Balkon gesetzt und den Himmel angeguckt hat. Aber einen Auslöser kann ich da nicht identifizieren.

Das Reichsbürger-Ehepaar hat sich schon immer schlecht gefühlt und massiven Druck aus dem Elternhaus gehabt. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, wo die Ideologie einen Halt bietet. Bei vielen Reichsbürgern ist es so, dass ein Kontakt mit dem Staat ein Auslöser ist, also etwa mit dem Finanzamt oder dem Gerichtsvollzieher.

Lassen sich die Verschwörungstheorien auf einen Ursprung zurückverfolgen?

Quambusch: Nicht so richtig. Es gibt ja verschiedene Deutsche Reichsregierungen, die sich untereinander alle nicht grün sind. Chemtrails sind um das Jahr 2004 herum aus den USA gekommen.

Verschwörungstheorien sind ein Medienthema. Welche Aufgabe hat die „Lügenpresse“ bei der Aufklärung?

Quambusch: Da zitiere ich den Experten Bartoschek, der von der Presse verlangt, sich qualitativ hochwertig mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Welt wird immer komplexer, es wird immer schwieriger, vielen Sachen zu folgen. Gute Presse muss daher diese komplexen Zusammenhänge einfach und verständlich erklären. Da appelliere ich an die Verleger, im Journalismus nicht noch weiter Stellen abzubauen.

Wer kommt noch in der Dokumentation vor?

Quambusch: Wir haben mit Jörg Kachelmann gesprochen, um zu klären, ob Wettermanipulation theoretisch möglich wäre. Sie ist nicht auf dem Niveau, wie es von den Chemtrail-Anhängern behauptet wird. Er hat aber auch erzählt, dass er fast alle Morddrohungen, die bei ihm eingehen, von Chemtrail-Anhängern bekommt.

Giulia Silberberger ist selbst in einer christlichen Sekte aufgewachsen und hat den Preis „Der goldene Aluhut“ ins Leben gerufen, den sie an Menschen verleiht, die mit Verschwörungstheorien in Erscheinung treten. Die macht sich einerseits über das Thema lustig, weiß aber auch um die Gefahren.

Irena Mihalic ist Bundestagsabgeordnete und innenpolitische Sprecherin der Grünen. Sie fordert zum Beispiel, dass die Reichsbürger vom Verfassungsschutz beobachtet werden, weil dort eine gefährliche Mischung mit der Neonazi-Szene entsteht.

Was erwartet uns für eine Doku?

Quambusch: Natürlich machen wir uns auch über das Thema lustig. Es fällt einfach schwer, das ernst zu nehmen, weil alles so abstrus ist. Die könnten auch über Einhornzucht reden. Ein Interviewpartner, der später seine Zusage zurückgezogen hat, hat mir gedroht, dass er mich für 1,5 Millionen Reichsmark in Privathaftung nimmt. Unser Cutter hat oft interveniert, dass wir es ernster nehmen müssen – aber es funktioniert nicht. Wir versuchen, die Strukturen aufzudröseln. Wie ist die DNA von Verschwörungstheorien? Wie ticken die Menschen? Und natürlich zeigen wir, wie gefährlich diese Theorien sind.

Die Komik ist demnach eher unfreiwillig, der Ansatz aber seriös?

Quambusch: Definitiv. Das Thema ist lustig, aber nicht harmlos. Um es ganz klar zu sagen: Verschwörungstheorien sind gefährlich. Man kann sich über diese albernen Ideen natürlich totlachen. Aber wenn ein Reichsbürger einen Vollstreckungsbeamten angreift, dann ist das eben nicht mehr lustig. Da bildet sich eine sehr gefährliche esoterische Suppe. Das lässt sich nicht verharmlosen.

Hier gibt es die Dokumentation „Verschwörungstheorien – Leben im Wahn“ in der ZDF-Mediathek.