Rassismus

Vor genau 150 Jahren endete die Sklaverei in Amerika

Vor 150 Jahren schaffte Amerika die Sklaverei ab, die Unterdrückung der Schwarzen hörte aber nie auf. Ein Museum zeigt den Leidensweg.

Tafeln der Trauer: Durch Nachforschungen hat die Whitney-Plantage Tausende Namen von Sklaven und ihre Herkunft in Afrika ausfindig gemacht. Eine Museumsführerin präsentiert sie.

Tafeln der Trauer: Durch Nachforschungen hat die Whitney-Plantage Tausende Namen von Sklaven und ihre Herkunft in Afrika ausfindig gemacht. Eine Museumsführerin präsentiert sie.

Foto: Dirk Hautkapp

Wallace.  Wer verstehen will, warum die Sklaverei in Amerika vor genau 150 Jahren am 6. Dezember offiziell abgeschafft wurde, aber die strukturelle Unterdrückung und Ungleichbehandlung der Schwarzen immer noch anhält, ist bei John Cummings an der einzig richtigen Adresse.

Tief im Süden Louisianas, in Wallace nahe New Orleans, hat der 77-Jährige, der als Rechtsanwalt mit Produkthaftungsklagen zum Millionär geworden ist, an den Ufern des Mississippi eine Idee verwirklicht, die in all ihren Facetten anschaulich macht, warum eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Vereinigten Staaten immer noch der Aufarbeitung bedarf. „Sie werden hier etwas anders herauskommen, als sie hineingegangen sind“, begrüßt der weißhaarige Brillenträger Gäste, die den karg ausgeschilderten Weg zur Whitney-Plantage gefunden haben. Eine glatte Untertreibung.

Whitney-Plantage macht Schicksale erfahrbar

Schon im „Feld der Engel“ stockt den Besuchern zum ersten Mal der Atem. Die Namen von Hunderten Söhnen und Töchtern von Sklaven, die auf der 1790 von dem Würzburger Einwanderer Ambrosius Heidel gegründeten Plantage weit vor ihrem dritten Lebensjahr meist wegen Krankheit und Unterernährung den Tod fanden, zoomen Not und Verzweiflung so nah heran, dass es physisch wehtut. John Cummings weiß es von sich selbst: „Man spürt, dass hier die Identität von Menschen ausgelöscht wurde.“

Ein Gefühl, das sich noch zigmal wiederholen soll beim Gang über das weitläufige Gelände. Mit seinen akribisch restaurierten Sklavenhütten, dem eisernen Käfig für die Gefangenen, dem opulentem Herrenhaus und der Schmiede wirkt es so authentisch, als seien die letzten Leibeigenen erst gestern abtransportiert worden. Quentin Tarantino ließ in der Schmiede eine blutige Szene für seinen Hollywood-Film „Django Unchained“ drehen.

Heidel, den die Franzosen, die im 18. Jahrhundert lange Herrscher in Louisiana waren, „Haydel“ nannten, gehörte zu den größten Sklavenbesitzern an der sogenannten „deutschen Küste“ des großen Flusses. Heute beherbergt die Plantage, auf der einst Baumwolle und Zuckerrohr angebaut wurde, das erste und einzige Museum in Amerika, das sich voll und ganz der Geschichte der Sklaverei verschrieben hat. Jahrelange Forschungen in den Archiven haben die individuellen Leidensgeschichten von 4000 Sklaven rekonstruiert. Wer die TV-Serie „Roots“ gesehen und dabei feuchte Augen bekommen hat, wird hier die Tränen nicht mehr halten können.

„Wir verschließen noch immer die Augen davor, was uns zu dem gemacht hat, das wir heute sind“, sagte Cummings unserer Redaktion und zitierte Walter Johnson. Der Harvard-Professor gehört zu denen, die mit dem Vorurteil aufräumen wollen, „Sklaverei sei nur das Vorstadium zur Freiheit in Amerika“ gewesen. Falsch. „Es ist das Fundament dieses Landes, in dem die Vorherrschaft der Weißen auf der Ausbeutung der Schwarzen basiert.“

Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen

1860 lebten vier Millionen Sklaven in Amerika. In seiner Schulzeit hat John Cummings davon nie etwas erfahren. Der Süden der USA war ein „Meister im Verdrängen“, sagte der alte Mann, der über 15 Jahre fast acht Millionen Dollar seines Vermögens in die Plantage gesteckt hat. „Ich will aufrütteln.“ Junge Generationen, die in Schulklassen-Stärke jede Woche bei ihm vorfahren, verdienten „die ganze Wahrheit, sonst können sich die Fehler der Vergangenheit wiederholen.“

Rückblick: Um für den Erhalt der von Präsident Abraham Lincoln 1860 in Frage gestellten Sklaverei zu kämpfen, der ihren Wohlstand begründet, spalten sich elf Südstaaten – die „Konföderierten“ – von der Union ab. Das Land gerät ab 1861 in einen erbitterten Bürgerkrieg. Nord gegen Süd. Der Süden verliert. Bis zur Kapitulation von General Robert E. Lee am 9. April 1865 sterben mehr als 600.000 Soldaten. Nur eine Woche später wird Lincoln erschossen.

Seinen größten Triumph – „Wenn wir dem Sklaven die Freiheit schenken, sichern wir sie dem Freien. Wir müssen uns von diesem Joch befreien; dann retten wir das Vaterland“ – erlebt er nicht mehr. Am 6. Dezember 1865 nimmt der Kongress in Washington den 13. Verfassungszusatz an. Er verfügt, dass „Sklaverei“ und „Zwangsdienstbarkeit“ verboten sind. Vorher hatte Alabama als 27. der damaligen 36. Bundesstaaten für die nötige Dreiviertelmehrheit gesorgt.

Am 18. Dezember wird die Abschaffung der Sklaverei offiziell Teil der Verfassung und damit rechtsverbindliche Norm. 246 Jahre nachdem in Jamestown/Virginia die ersten Schiffe mit afrikanischen Sklaven angelandet waren, ist das nach dem Genozid an den Indianern dunkelste Kapitel der amerikanischen Geschichte beendet. Auf dem Papier. Und wie manche heute sagen: nur da.

Lynchmorde wurden öffentlich inszeniert

Allein in den Jahren 1865 bis 1950 sind im Süden der Vereinigten Staaten mehr als 4000 Lynchmorde amtlich dokumentiert, die nicht selten als öffentliche Spektakel der Schaulust inszeniert wurden. Vor allem in Florida, Mississippi, Arkansas und Louisiana griffen Weiße, ob auf eigene Faust oder im Schutz des 1866 gegründeten geheimbündlerischen Ku-Klux-Klans, besonders oft zum Tugend-Terror und kamen meist ungestraft davon.

Schwarze wegen Bagatell-Delikten wie Diebstahl am nächsten Baum aufzuknüpfen, war bis in höchste politische Kreise offen geduldet. „Wir wissen, dass es die beste Methode ist, Nigger von der Wahlurne fernzuhalten“, sagte der damalige Senator Theodore Bilbon, ein Ku-Klux-Klan-Rassist, und fügte kalt hinzu: „Man macht es am besten am Abend vor der Wahl.“

Diese Phase der archaischen Selbstjustiz wurde abgelöst von der Zeit der Rassentrennung in allen Lebensbereichen. Demokratische Teilhabe bei Wahlen wurde durch bürokratische Schikane verhindert. Gouverneure einzelner Bundesstaaten verwehrten schwarzen Studenten den Zugang zu staatlichen Hochschulen. An Toiletten und in Restaurants prangten „Nur für Weiße“-Schilder.

Als sich in Montgomery/Alabama die schwarze Näherin Rosa Parks weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für weiße Fahrgäste zu räumen, und dafür verhaftet wurde, hatte die Bürgerrechtsbewegung ihren Zündfunken. Unter Dr. Martin Luther King trotzten die Afro-Amerikaner der Regierung in Washington mit zivilem Ungehorsam die Beerdigung des Apartheidprinzips ab.

Dass Polizisten im März 1965 in Selma/Alabama friedlich protestierende schwarze Demonstranten an der Edmund-Pettus-Brücke niederprügelten, brachte die Zäsur. Das Fernsehen schickte die Bilder der Schande in Millionen Wohnstuben. Wenig später kam der Kongress der Forderung des damaligen Präsidenten Lyndon B. Johnson nach und verabschiedete eine Wahlrechtsreform („Voting Rights Act“). Damit sollte die bis dahin systematisch betriebene Benachteiligung von Schwarzen an der Wahlurne beseitigt werden. Luther King konnte die Früchte nicht mehr ernten. 1968 wurde er von einem Rassisten erschossen.

Diskriminierung von Schwarzen setzt sich bis heute fort

Aber auch danach ging die Diskriminierung mit anderen Mitteln weiter. Von rund 2,5 Millionen Häftlingen in amerikanischen Haftanstalten sind heute überproportional viele – eine Million – Schwarze. Schwarze werden statistisch gesehen zehn Mal öfter wegen Drogenvergehen ins Gefängnis geschickt als Weiße.

Dass ihre Haftstrafen weit über dem Durchschnitt liegen, hat sich auch unter dem bis vor kurzem amtierenden schwarzen Justizminister Eric Holder nicht geändert. „Es gibt einen strukturellen Rassismus in diesem Land“, sagte der Obama-Vertraute nach seinem Ausscheiden. Ein Befund, der nach Einschätzung von Forschern der George-Washington-Universität „auch auf Bildung, Einkommen und Gesundheit zutrifft“. Weniger Hochschulabschlüsse, häufiger Armut und Arbeitslosigkeit, öfter Drogensucht und Fettleibigkeit – die Statistiken sind eindeutig.

Dass sich viele Weiße auch heute, fast sieben Jahre nach Amtsantritt des ersten afro-amerikanischen Präsidenten, Barack Obama, den Schwarzen noch insgeheim überlegen fühlen, und dass sich Schwarze unterbewusst als Menschen zweiter Klasse empfinden, hat sich selten so drastisch gezeigt wie nach den vielen Fällen von tödlichen Übergriffen zumeist weißer Polizisten.

Nach Ferguson, New York, Cleveland, Baltimore, Chicago und all den anderen Orten, die in den vergangenen Monaten Schlagzeilen schrieben, ist eine Bewegung entstanden, deren Titel sich im Jahr 2015 eigentlich verbieten sollte: „Black lives matter“ – Schwarze Leben zählen. Dagegen weht im Süden der USA an vielen Fahnenmasten noch immer stur die rot-blau-weiße Flagge der Konföderierten, das Symbol der Sklaverei.

„Es ist Tradition in diesem Land, den schwarzen Körper zu zerstören“

Ta-Nehisi Coates, der zurzeit einflussreichste schwarze Analyst der Zeitgeschichte, hält diese Widersprüche für symptomatisch. In seinen preisgekrönten Büchern beschreibt der Intellektuelle den amerikanischen Traum als Selbstbetrug. Amerika sei „auf der Plünderung von Leben, Freiheit und Arbeitskraft aufgebaut, auf der Peitsche und der Kette, der Zerstörung von Familien, der Vergewaltigung von Müttern, dem Verkauf von Kindern“. Die soziale Ordnung Amerikas habe immer darauf basiert, „jederzeit ungestraft schwarze Knochen brechen und Leben nehmen zu können“. Vor jungen Zuhörern sagte der Autor: „Lasst euch nie erzählen, die Sklaverei sei 1865 beendet worden. Es ist Tradition in diesem Land, den schwarzen Körper zu zerstören.“

So wie 1811 auf der Whitney-Plantage in Louisiana. Als die größte Sklaven-Revolte beendet war, schlugen die Gutsbesitzer den Aufständischen die Köpfe ab und spießten sie auf Stangen auf, die an den Straßen im Mississippi-Delta Nachahmer abschrecken sollten. John Cummings und sein aus dem Senegal stammender Chef-Historiker Ibrahima Seck wollen die Szene demnächst mit Holzköpfen nachstellen. „Als Warnung an die Menschen von heute“, sagte John Cummings beim Abschied. 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei hat Amerika diese Aufklärung mit dem Vorschlaghammer noch immer nötig.

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