Nachfolge

Die schwierige Suche nach einem Nachfolger des Dalai Lama

| Lesedauer: 5 Minuten
Willi Germund
Der 17. Karmapa Orgyen Thrinle Dorje ist vom derzeitigen 14. Dalai Lama als sein Nachfolger anerkannt. Er selbst sieht sich aber nicht zwingend als neues Oberhaupt.

Der 17. Karmapa Orgyen Thrinle Dorje ist vom derzeitigen 14. Dalai Lama als sein Nachfolger anerkannt. Er selbst sieht sich aber nicht zwingend als neues Oberhaupt.

Foto: imago/CommonLens

Der Karmapa, der als Nachfolger des Dalai Lama gehandelt wird, will nicht sein Nachfolger werden: Er möchte der Welt anders helfen.

Bodhgaya.  Tibets 17. Karmapa ist ein fülliger und einsamer Mann. Ogyen Trinley Dorje wie er mit vollem Namen heißt, reist nicht viel und lebt die meiste Zeit in seinem Kloster in Bodhgaya, wo Buddha einst die Erleuchtung für seine Lehren erlangte. Dabei haben einige Großes für ihn vor. Er, der „lebende Buddha“, kam im Jahr 2000 nach Indien und jetzt, 15 Jahre später, wird er als der anerkannte Nachfolger des 14. Dalai-Lamas gehandelt.

Der wiederum ist der oberste geistliche Führer der Tibeter und ist inzwischen 80 Jahre alt. Die Debatte um seine Nachfolge spaltet seit einiger Zeit seine Anhänger. Der 14. Dalai Lama verließ im Jahr 1959 nach dem Tibetaufstand gegen die chinesische Besatzungsmacht das Land. Seither lebt er in Dharamsala in Indien und saß dort bis 2011 der tibetischen Exilregierung vor.

Dramatische Flucht aus Tibet

Sein möglicher Nachfolger Ogyen Trinley Dorje ist derzeit das Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus. Auch er darf nicht nach Tibet reisen und hat eine dramatische Flucht hinter sich. Am 28. Dezember 1999 war er nachts chinesischen Aufpassern entwischt und zu Fuß, per Pferd und zum Schluss gar per Helikopter nach Dharamsala gelangt. Er vermisst seine Familie, sagt er. „Wenn ich traurig bin, kann ich zu niemandem gehen. Ich schließe mich ein und weine.“ Doch das ist nicht der einzige Grund für seine Traurigkeit. Innerhalb seiner 900 Jahre alten Religionsgemeinschaft werden Zweifel an ihm geäußert. Es gibt es noch einen zweiten Mönch, der den Titel des 17. Karmapa beansprucht. Auch der ist inthronisiert, auch er hat Anhänger. Für Dorje aber spricht: Der 14. Dalai Lama hat ihn bereits als Reinkarnation des verstorbenen Karmapa anerkannt.

Doch im Grunde verstärkt diese Situation nur eine generelle Unsicherheit. In vielen Gesprächen hat er wiederholt, dass er nichts von Plänen hält, selbst das Oberhaupt der Tibeter zu werden. „Seine Heiligkeit ist immer der politische und der spirituelle Führer aller Tibeter gewesen“, sagt der Karmapa über den Dalai Lama. Er halte es für sehr unwahrscheinlich, dass nach seinem Tod noch einmal jemand als Führer aller Tibeter anerkannt werde. „Ich bin nur einer von vielen“, sagte er. „Es ist schwer genug, der Karmapa zu sein.“

Hinzu kommt, dass ihm indische Behörden vorwerfen, in illegale Geldgeschäfte verwickelt zu sein. Die Zentralregierung in Neu-Delhi sprach ihn von allen Vorwürfen frei. Angesichts der Konkurrenz durch einen anderen Karmapa und höchst wahrscheinlich auch angesichts von Aktivitäten chinesischer Spitzel wird der umweltschützende Mönch kaum mit einer geruhsamen Zukunft rechnen können.

Seine Anhänger sollen Bäume für ein besseres Klima pflanzen

So wendet sich der Karmapa in letzter Zeit lieber weltlichen als streng geistlichen Themen zu. Die zunehmende Wärme auf dem Dach der Welt mache ihm Sorgen. „Auf dem Plateau von Tibet steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie im Rest der Welt“, warnt der Karmapa, „wir wissen, dass Überschwemmungen und Dürren schlimmer werden.“ Während der vergangenen 50 Jahre stiegen die Temperaturen um 1,3 Grad Celsius in dieser Region, in der nach dem Nord- und Südpol die drittgrößten Eisvorkommen der Welt wegschmelzen. Zwei Drittel der 46.000 Gletscher Tibets könnten laut Vorhersagen von Wissenschaftlern im Jahr 2050 verschwunden sein. Dann dürfte es auch mit dem Ruf Tibets als „Wasserturm“ Asiens zu Ende sein.

Seine Anhänger sollen Bäume für ein besseres Klima pflanzen

Millionen von Menschen in Indien, Pakistan und Bangladesch werden auf dem Trockenen sitzen. Ganz Asien ist von diesen Entwicklungen abhängig. Seinen Anhängern in der ganzen Welt trug er auf, mindestens einen Baum zu pflanzen. „Umweltschutz“, so predigte er in Bodhgaya, „ist wichtiger als Tausende von Predigten über die Freilassung von Tieren, um sie vorm Schlachten zu bewahren.“ Wenn der jetzige 14. Dalai Lama sterben sollte, ist noch nicht klar, wer sein Nachfolger als geistiges Oberhaupt antritt und wer der Anführer der sechs Millionen Tibeter in China und der 150.000 Tibeter im Exil wird.

Laut „New York Times“ will Chinas Kommunistische Partei sich um einen Nachfolger bemühen. Der Bruder des Dalai-Lama hatte sich hoffnungslos geäußert: „Mit uns ist es vorbei, wenn Seine Heiligkeit nicht mehr ist.“ Wenn der Dalai Lama selbst mit dieser Hoffnungslosigkeit konfrontiert wird, antwortet er mit fast weltlichem Humor: „Wenn ich ein lebendiger Gott sein soll“, soll er gesagt haben, „warum kann ich nicht mein kaputtes Knie heilen?’“

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