Washington/Los Angeles –

„Sie haben wahllos abgedrückt“

Nach dem Massaker von Kalifornien mit 14 Toten ist das Motiv des Täter-Ehepaares unklar

Washington/Los Angeles. Am Morgen brachten sie ihre sechs Monate alte Tochter zur Oma. Angeblich, um einen Arzttermin wahrzunehmen. Doch am Vormittag zogen sich Syed Farook (28) und seine Frau Tashfeen Malik (27) Kampfmonturen an, setzten Masken auf, nahmen Sprengsätze mit und erschossen mit Schnellfeuergewehren auf einer Weihnachtsfeier 14 Menschen und verletzten 17 schwer.

Am frühen Nachmittag lag das Ehepaar dann von Polizeikugeln durchsiebt nach missglückter Flucht im eigenen Blut. Soweit nach ersten Angaben der Ermittler die Rohdaten des folgenschwersten Massenmords in Amerika seit der Tragödie von Newtown. Dort kamen vor drei Jahren 20 Schulanfänger ums Leben, als der psychisch kranke Adam Lanza das Feuer eröffnete.

Präsident Obama kündigt strengere Waffengesetze an

Präsident Barack Obama hat sich in seiner ersten Rede nach dem Anschlag für schärfere Waffengesetze ausgesprochen. Es ist bereits die 355. Schusswaffentragödie dieser Art in diesem Jahr. „Wir sind das einzige Land, in dem sich diese Amokläufe alle paar Monate wiederholen“, sagte der US-Präsident. Es sei fast Routine geworden, darüber zu berichten. Er werde das Thema immer wieder auf die Agenda bringen. „Wir können etwas tun, aber wir müssen unsere Gesetze ändern. Das kann ich nicht allein“, sagte er. Jeder, der eine solche Tat verübe, sei krank, egal, was die Suche nach dem Motiv ergebe.

Über die Motive der jüngsten Tragödie, die sich am Mittwoch in San Bernardino 100 Kilometer östlich von Los Angeles zutrug und die Debatte um schärfere Waffengesetze neu entfacht hat, kann die Polizei derzeit nur spekulieren. Eine Gewaltexplosion nach Frustration am Arbeitsplatz könnte der Auslöser gewesen sein, aber auch ein islamistischer Terrorhintergrund wird nicht ausgeschlossen.

Was bekannt ist: Farook war seit fünf Jahren als Lebensmittelkontrolleur beim Landkreis San Bernardino beschäftigt. Er verließ gegen 10.30 Uhr ein adventliches Beisammensein unter Kollegen in einem Sozialzentrum für Menschen mit Entwicklungsstörungen. „Offensichtlich verärgert“, wie Polizeichef Jarrod Burugan sagt. Nach kurzer Zeit kam Farook in Begleitung seiner Frau zurück – beide in Kampfanzügen und schwer bewaffnet. Die Schießerei begann. „Sie haben wahllos abgedrückt“, sagte eine Überlebende.

In der gut besuchten Einrichtung brach Panik aus. Mitarbeiter und Kunden verschanzten sich in den Büro. „Wir hatten Todesangst“, berichtete eine Sekretärin der „Los Angeles Times“. Fühlte sich der Todesschütze durch eine Provokation in seinem Glauben verletzt? „Ich habe nicht den Schimmer einer Idee, warum er das getan hat“, wird später sein Schwager unter Tränen sagen. Vertreter eines Islamverbandes warnten vor Vorverurteilungen.

Polizeichef Burugan glaubt bereits Indizien für ein Massaker erkannt zu haben. „Sie waren gut vorbereitet. Wie auf einer Mission.“ Farook hatte nicht zum ersten Mal eine Waffe in der Hand. In einem Onlineportal zählte er „Schießübungen“ zu seinen Hobbys.

Nach der Tat gelingt dem Paar die Flucht. Die Polizei bekommt durch einen Tippgeber Wind davon. Malik sitzt am Steuer. Eine Verfolgungsjagd durch ein Wohngebiet nur wenige Minuten entfernt endet für beide dann tödlich: 20 Polizisten legen auf sie an. Hubschrauber der TV-Sender kreisen stundenlang über dem Schauplatz. Später findet die Polizei zwölf Rohrbomben und mehr als 4500 Schuss Munition im Haus des Paares. Die Polizei setzt einen dritten Verdächtigen fest – was es mit ihm auf sich hat, ist aber noch offen.

Spekulationen über einenislamistischen Anschlag

Wer hat dem Ehepaar die halbautomatischen Schnellfeuergewehre verschafft? Hinterließen sie einen Abschiedsbrief? „Die Untersuchungen werden noch Wochen dauern“, sagt die Polizei. Spekulationen, dass es sich um einen islamistischen Anschlag gehandelt haben könnte, nähren ausgerechnet Familienmitglieder des Täters. Farooks Vater sagt, sein Sohn sei zuletzt mehrfach in Saudi-Arabien gewesen. Hier soll er im Frühjahr Malik kennengelernt haben. Das FBI hatte beide nicht auf dem Radar, geht aber jetzt der Frage nach, „ob dort eine Radikalisierung stattgefunden hat“.

Was auffällt an dieser Tragödie: Das Paar von San Bernardino stellt alte Muster auf den Kopf. 99 Prozent aller Massenmorde in den USA werden von Einzeltätern verübt.