Massenmord

Ermittler rätseln über die Schießerei in San Bernardino

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Dirk Hautkapp
FBI-Beamte sichern den Tatort in San Bernardino: Bei der Schießerei kamen insgesamt 16 Menschen ums Leben.

FBI-Beamte sichern den Tatort in San Bernardino: Bei der Schießerei kamen insgesamt 16 Menschen ums Leben.

Foto: MIKE BLAKE / REUTERS

16 Tote, 17 Verletzte: Die Hintergründe des Kugelhagels in San Bernardino sind noch unklar. Das Täterprofil ist anders als sonst.

Washington/Los Angeles.  Am Morgen brachten sie ihre sechs Monate alte Tochter zur Oma. Angeblich, um einen Arzt-Termin zu absolvieren. Am Vormittag zogen sich Syed Farook (28) und seine Frau Tashfeen Malik (27) Kampf-Monturen an, setzten Masken auf, nahmen Sprengsätze mit und erschossen mit Schnellfeuergewehren auf einer Weihnachtsfeier 14 Menschen und verletzten weitere 17 schwer.

Am frühen Nachmittag lag das Ehepaar mit amerikanisch-muslimischen Wurzeln von Polizeikugeln durchsiebt nach missglückter Flucht im eigenen Blut. Soweit nach ersten Angaben der Ermittler die Rohdaten des folgenschwersten Massenmords in Amerika seit der Tragödie von Newtown. Dort kamen vor drei Jahren 20 Schulanfänger ums Leben, als der geistesgestörte Adam Lanza das Feuer eröffnete.

Rätselraten um Hintergründe der Tat

Über die Motive der jüngsten Tragödie, die sich am Mittwoch in San Bernardino 100 Kilometer östlich von Los Angeles zutrug und in den USA die Debatte um schärfere Waffengesetze neu entfacht hat, herrscht Rätselraten. Eine Gewaltexplosion nach Frustration am Arbeitsplatz könnte der Auslöser gewesen sein, sagten Fahnder, aber auch ein islamistischer Terror-Hintergrund wird nicht ausgeschlossen.

Was man weiß: Farook war seit fünf Jahren als Lebensmittel-Kontrolleur beim Landkreis San Bernardino beschäftigt gewesen. Er verließ gegen 10.30 Uhr in einem Sozialzentrum für Menschen mit Entwicklungsstörungen ein adventliches Beisammensein unter Kollegen. „Offensichtlich verärgert“, wie Polizeichef Jarrod Burugan sagt. Farook ist gebürtiger Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln. Er wird von Kollegen als „ruhiger, höflicher, streng gläubiger, aber nie fanatischer Muslim“ beschrieben. Patrick Baccari, ebenfalls Inspekteur bei der Gesundheitsbehörde, sagte: „Farook und seine Frau schienen den amerikanischen Traum zu leben.“ Was für ein Irrtum.

„Wir hatten Todesangst“

Nach kurzer Zeit kam Farook, der im benachbarten Redlands wohnte, in Begleitung seiner Frau zurück – beide in Kampfanzügen und bis zu den Zähnen bewaffnet. Die Schießerei begann. „Sie haben wahllos abgedrückt“, sagte eine Überlebende. In der gut besuchten Einrichtung brach Panik aus. Mitarbeiter und Kunden verschanzten sich in dem Büro. „Wir hatten Todesangst“, berichtete eine Sekretärin der „Los Angeles Times“.

Fühlte sich der Todesschütze durch eine Provokation in seinem Glauben verletzt? „Ich habe nicht den Schimmer einer Idee, warum er das getan hat“, wird später sein Schwager unter Tränen sagen. Vertreter eines Islam-Verbandes warnten in der Nacht zu Donnerstag vor Vorverurteilungen. Polizeichef Burugan glaubte da bereits Indizien für ein geplantes Massaker erkannt zu haben. „Sie waren gut vorbereitet. Wie auf einer Mission.“ Farook hatte nicht zum ersten eine Waffe in der Hand. In einem Online-Portal zählte er „Schießübungen“ zu seinen Hobbys.

Mörder fliehen in SUV

Nach dem Blutbad gelingt dem Mörder-Paar die Flucht in einem schwarzen SUV. Die Polizei bekommt durch einen Tippgeber Wind davon. Malik sitzt am Steuer. Eine Verfolgungsjagd durch ein Wohngebiet nur wenige Minuten entfernt endet für beide tödlich. 20 Polizisten legen auf sie an. Hubschrauber der TV-Sender kreisen stundenlang über den Blutlachen. Später findet die Polizei Rohrbomben und setzt einen dritten Verdächtigen fest. Was es mit ihm auf sich hat, blieb am Donnerstag offen.

Wer hat dem Ehepaar die halbautomatischen Schnellfeuergewehre verschafft? Hinterließen sie einen Abschiedsbrief? „Die Untersuchungen werde noch Wochen dauern“, sagt die Polizei. Spekulationen, dass es sich um einen islamistischen Anschlag gehandelt haben könnte, nähren ausgerechnet Familienmitglieder des Täters. Farooks Vater sagt, sein Sohn sei zuletzt mehrfach in Saudi-Arabien gewesen. Hier soll er im Frühjahr Malik kennengelernt haben. Das FBI hatte beide nicht auf dem Radar, geht aber jetzt der Frage nach, „ob dort eine Radikalisierung stattgefunden hat“.

Was auffällt an der 355. amerikanischen Schusswaffen-Tragödie dieser Art (mindestens vier Opfer) in laufenden Jahr: Das Mörder-Paar von San Bernardino stellt alte Muster auf den Kopf. 99 Prozent aller Massenmorde in den USA werden von Einzeltätern verübt.

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