Berlin

Nicht für die Ewigkeit

| Lesedauer: 5 Minuten
Carolin Brühl

Heute ist Totensonntag, Zeit zu gedenken. Doch mit seinen berühmten Verstorbenen geht Berlin mitunter unsensibel um

Friedhöfe sind mehr als die letzte Ruhestätte für Verstorbene. Viele der Anlagen in Berlin bieten den Lebenden Orte stiller Einkehr, insbesondere am heutigen Totensonntag. Die Grabstätten sind aber auch ein Querschnitt durch das Geistesleben der Stadt. Dichter, Denker, Künstler und Politiker bis zurück ins 18. Jahrhundert haben auf den Friedhöfen ihre letzte Ruhe gefunden.

Wer sich zu Lebzeiten besonders um Berlin verdient gemacht hat, kann ein Ehrengrab in Berlin erhalten. Der Senat entscheidet frühestens fünf Jahre nach dem Tod einer Person über eine solche postume Auszeichnung. Vorschläge können von Bürgern eingebracht werden. Die Ehrung umfasst dann die Pflege sowie die Instandhaltung der Grabstätte für mindestens 20 Jahre. Aktuell gibt es mehr als 800 Ehrengräber, die die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auflistet. Doch für die Ewigkeit hält eine solche Ehrung nicht, immerhin muss der Senat für die Pflege jedes Grabes im Jahr 200 Euro bezahlen. Das Geld überweist die Landesregierung an die Bezirke. Es muss aber nicht ausdrücklich für die Pflege der Ehrengräber eingesetzt werden. Wenn es kein Geld mehr gibt oder der Senat keine Verlängerung des Ehrengrabstatus beschließt, wird abgeräumt.

Auf dem Friedhof Heerstraße liegen viele Berühmtheiten. Der Maler George Grosz (1893–1959), der Humorist Loriot (1923–2011) und der Schauspieler Horst Buchholz (1933–2003) sind nur drei Namen. Am Friedhofseingang Olympische Straße hängt eine Liste im Schaukasten. Darauf stehen die Namen von Toten, die in einem Ehrengrab beerdigt sind. Darunter auch Michiko de Kowa-Tanaka (1909–1988), die mit ihrem Mann, Victor de Kowa (1904–1973) in einem Doppelgrab beigesetzt wurde. Doch während der Status für den Schauspieler Victor de Kowa erhalten bleibt, endet er für die japanische Sängerin und Schauspielerin trotz ihrer Verdienste. Michiko de Kowa-Tanaka engagierte sich für ein deutsch-japanisches Kulturabkommen und war an der Gründung der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tokyo beteiligt. Sie wird wohl weiter an der Seite ihres Mannes bleiben dürfen, aber das Land zahlt den Beitrag für die Grabpflege nicht mehr. Die Gräber der beiden Wissenschaftler Oskar und Hermann Minkowski werden dagegen verschwinden. Mehr Glück ist dem riesigen Steinsarkophag von Maximilian Harden (1861–1927) beschieden. Für die Grabstätte des bedeutenden Publizisten der Weimarer Zeit und Mitbegründers der „Freien Volksbühne“ hat sich ein „Pate gefunden“, der sich um den Erhalt kümmern will.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bemüht sich trotz klammer Kassen um Sensibilität bei der Erhaltung seiner Ehrengräber. „Wenn wir feststellen, dass ein Grab vom Senat aus der Liste genommen worden ist, wir aber wissen, dass sich immer noch regelmäßig Menschen dort einfinden, versuchen wir, eine Lösung für den Erhalt zu finden“, sagt Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Zum Beispiel durch Paten. Anders ist das im Nachbarbezirk Steglitz-Zehlendorf. Dort ist es auch mit der Bereitschaft zu einer Patenschaft nicht getan. Diese Erfahrung hat Arvid Zemkus gemacht. Der freiberufliche Stadtführer sucht nach Sponsoren oder erklärt sich sogar bereit, vom Einebnen bedrohte Gräber mit eigenen Mitteln zu erhalten. Dennoch kann sein Einsatz nicht immer Rettenswertes retten. Besonders am Herzen lagen Zemkus die Gräber des Archäologen Theodor Wiegand (1864–1936) und des Ägyptologen Adolf Erman (1854–1937) auf dem Waldfriedhof in Dahlem.

Wiegands Name ist untrennbar mit der Entdeckung des berühmten Markttors von Milet verbunden. Als Direktor der Antikenabteilung der Museen in Berlin war er für den Aufbau und die Einrichtung des Pergamonmuseums auf der Museumsinsel zuständig. Seine Ruhestätte fällt nun aber trotz des Einsatzes von Zemkus dem Vergessen anheim. „Immerhin ist der Grabstein in den Garten seines ehemaligen Hauses nach Dahlem gebracht worden“, so Zemkus.

Bezirk lehnt Angebot für Patenschaft ab

Doch wo man sich künftig an Adolf Erman erinnern soll, ist unklar. Der Ägyptologe war nicht nur ein bedeutender Übersetzer antiker Papyri, sondern auch ein enger Freund des Unternehmers und Mäzens James Simon, nach dem das neue Eingangsgebäude der Museumsinsel benannt wird. Simon förderte auch Ausgrabungen in Ägypten. „Letztlich haben wir es der Freundschaft von Erman mit Simon zu verdanken, dass wir heute die Nofretete haben“, sagt Zemkus. Er hat sich in einem Schreiben an das Bezirksamt bereit erklärt, die Gebühren für Ermans Grab zu zahlen, doch die Antwort vom 28. Oktober 2015 überraschte ihn: „Aufgrund einer zurzeit geringen Anzahl zur Verfügung stehender Doppelerdgrabstätten bitte ich von einem Erwerb zur Erhaltung einer privaten Ehrengrabstätte abzusehen“, heißt es im Brief des Bezirkes.

Für den Verein für die Geschichte Berlins ist das ein „unhaltbarer Zustand“, sagt der Vorsitzende Manfred Uhlitz. „Was ist das für eine Stadt, in der man die Grabstätte des Gründers des Pergamonmuseums einfach so abräumt – und das wenige Tage vor dem Totensonntag.“ In der Senatskanzlei weiß man um das Problem: „Wir versuchen sensibel vorzugehen, wenn die Frist für ein Ehrengrab ausläuft“, sagt Vize-Senatssprecher Bernhard Schodrowski. Der Name solle dann nicht nur einer Fachöffentlichkeit, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt sein. Der Senat rege außerdem an, , dass neben der öffentlichen Unterhaltung auch private Initiativen bei der Pflege des Gedenkens zum Zuge kommen.