Madrid –

FC Barcelona blamiert Real im 231. Clásico

Katalanen führen Königliche beim 4:0 im Bernabeu vor

Madrid. Mit Abpfiff schwenkten die Zuschauer rhythmisch ihre Taschentücher. Selbst wer nicht viel von spanischer Fußball-Folklore versteht, konnte diese Reaktion nicht missverstehen. Es ging den Anhängern von Real Madrid nach dem 231. Clásico nicht um Tanz und Gesang. Es ging um den größten Protest, den das Estadio Santiago Bernabéu seit vielen Jahren gesehen hat.

Die 80.000 im wie Fort Knox bewachten Fußball-Tempel hatten der größten Demütigung seit Jahren beigewohnt. 0:4 (0:2) ging Real gegen den Erzrivalen unter, dabei spielte der die erste Stunde sogar ohne Lionel Messi. Niemand rettete seine Haut in dem Desaster. Nicht Cristiano Ronaldo, der apathische Superstar. Nicht der schwache Toni Kroos. Nicht Trainer Rafael Benítez, dessen Aufstellung den Katalanen jenen Platz im Mittelfeld gab, den sie so lieben. Und nicht Präsident Pérez. „Florentino, dimisión“, forderten die Anhänger, bis sie von der extra laut aufdrehten Musik aus den Stadionlautsprechern übertönt wurden. Es war ein Abend, nach dem sich in Madrid einiges ändern wird. Ändern muss.

Buhrufe der Real-Fans sind für Gerard Piqué eine Sinfonie

Real zeigte nach einer schaurig-schönen Klavierversion der „Marseillaise” während der, nun ja, „Schweigeminute” zu Ehren der französischen Terroropfer eine Partie in dunklem Moll. Die Spieler schafften es nie auf das Emotionslevel, das ihre Fans beim Auspfeifen von Barça-Verteidiger Gerard Piqué erreichten. Der bezeichnet Buhrufe des Bernabéu gegen ihn als „Sinfonie“. Man darf es ihm glauben: Es war sein Zuspiel, das dem brillanten Messi-Ersatz Sergi Roberto einen Spurt durch das Mittelfeld samt Ablage auf Luis Suárez ermöglichte. Der Uruguayer ließ Real-Keeper Keylor Navas mit einer wunderbaren Außenrist-Abnahme keine Chance (11.). Barça führte, und das Bernabéu fiel in eine Schockstarre, über der es fortan sogar vergaß, Piqué auszupfeifen. Denn alles wurde nur noch schlimmer.

Das Muster des ersten Tores wiederholte sich dabei immer wieder. Barcelona fand im Mittelfeld unberührte Landschaften, durch die vor allem Andrés Iniesta gekonnt das Spiel geleitete. Als „Weltkulturerbe“ bezeichnete sein Trainer Luis Enrique später den Regisseur, den bei seiner Auswechslung auch das heimische Publikum beklatschte. In der 39. Minute setzte er Neymar in Szene, ein einziger Pass, und Reals Abwehr war ausgehebelt. Der Brasilianer überwand Navas. Reals Torwart konnte seine Wunder aus dem bisherigen Saisonverlauf nicht wiederholen. Nur dank ihm liegen die Madrilenen in der Tabelle nicht längst schon mehr als die sechs Punkte hinter Titelverteidiger Barcelona, die sie nach ihrem gestrigen Debakel aufweisen.

Auch der eingewechselte Messi darf seinen Beitrag leisten

Nach dem ersten Taschentuch-Konzert zur Halbzeitpause brachte Real tatsächlich so etwas wie ein Aufbäumen zustande. Es beinhaltete eine vergebene Chance von Linksverteidiger Marcelo und dauerte exakt neun Minuten. Dann erzielte Iniesta das schönste von vier Toren eines „denkwürdigen Abends für alle Barça-Fans“ (Luis Enrique). Der kleine Spielmacher durchschritt wieder das Mittelfeld, spielte dann mit Neymars Hacke Doppelpass und jagte den Ball aus knapp 20 Metern in den Winkel.

Es war das erste der letzten 19 Ligatore, die nicht Neymar oder Suárez erzielten – so erfolgreich hatten die zwei verbliebenen Komponenten von Barças Stumdreizack in den letzten zwei Monaten den verletzten Messi vertreten. Als dieser dann endlich wieder auf den Platz durfte, war noch genug Zeit, um seinerseits mit einem Solo durch das Mittelfeld und Zusammenspiel mit Jordi Alba das 0:4 durch Suárez einzuleiten (74.). Dabei blieb es – Real war auch so ausreichend bedient.