Sonderthemen

„Nichtstun ist die größte Kunst!“

| Lesedauer: 8 Minuten

Theaterleiter Fischer-Fels und Eisbären-Trainer Krupp über Leitfiguren, Jubel und faule Tomaten im Theater und im Eisstadion

Sonnabend, 8.30 Uhr, ein Café in Friedrichshain: Für Eisbären-Trainer Uwe Krupp beginnt der Tag anderthalb Stunden später als sonst, für Grips-Theaterleiter Stefan Fischer-Fels anderthalb zu früh. Dennoch sind beide gut aufgelegt und kommen schnell ins Gespräch, das mit überraschenden Geständnissen losgeht.

Stefan Fischer-Fels: Am liebsten wäre ich Fußballtrainer geworden, bin dann aber irgendwie im Theater gelandet. Ich bin nun einmal nachts gerne wach und schlafe früh lieber. Ein Theatermensch, der vor zehn Uhr mit der Arbeit beginnt, ist eher selten...

Uwe Krupp: Ich hatte wiederum wenig Berührungen mit Theater. Das heißt nicht, dass ich nicht daran interessiert bin. Es ist einfach ein Feld, das ich nie ausgekostet habe.

Also, ich bin das erste Mal als Kind ins Theater gegangen.

Ich auch. Meine Großeltern hatten eine Jahreskarte für das Kölner Opernhaus. Da habe ich sie ab und an begleitet. Das kenne ich schon. Ich kann mich noch gut an die Nussknacker-Suite erinnern. Dieses Café ist übrigens ein schöner Ort. Jeden Tag treffen mein Co-Trainer und ich uns hier um 7 Uhr und fahren dann gemeinsam zum Training.

Sie fahren um 7 Uhr morgens zum Training? Also das ist ein fundamentaler Unterschied zum Theater. Wann kommt denn die Mannschaft?

Die normalen Trainingseinheiten beginnen um 9 Uhr. Der Trainerstab trifft sich anderthalb Stunden vorher, um vorzubereiten und die zwei bis drei Spiele, die wir in der Woche haben, auszuwerten. Da denke ich, ist es wie im Theater.

Genau, das Theater ist immer so gut wie seine letzte Premiere.

Man ist immer nur so gut wie die letzte Vorstellung. Diese letzte Vorstellung setzt den Ton, wie wir mit dem nächsten Spiel umgehen. Unabhängig davon gibt es Aspekte, an denen wir arbeiten, zum Beispiel an der Technik. Eine Mannschaft, die eine klare Identität hat, die lässt man gegen Mannheim wie gegen Schwenning antreten. Das macht keinen Unterschied. Wir konzentrieren uns in erster Linie auf unser Spiel und schauen dann, was der Gegner macht. Sie haben ja zum Glück keinen Gegner.

Woran machen Sie eigentlich aus, ob ein Spiel gut oder schlecht läuft?

Die Spieler wissen als erstes, wenn schlecht gespielt wird. Die Zuschauer und die Trainer sehen das nach ein paar Minuten. Die Spieler aber vom ersten Moment an. Bist du einen Schritt zu langsam, fällst du wieder hin, verlierst den Zweikampf, lässt den Gegner wieder die Scheibe bekommen. Da müssen die durch. Die Pause kommt erst nach einem Drittel. Als Trainer bekommt man dann für fünf Minuten Zugriff auf die Mannschaft. Aber was sagt man den Spielern währenddessen? Wie geht das dem Theatermenschen, wenn die Inszenierung nicht läuft?

Die Einstiegsfrage wäre ja: Ist der Trainer im Theater eigentlich der Regisseur? Oder ist es der Autor? Oder ist es der Theaterleiter?

Ich bin verantwortlich dafür, wie gespielt wird.

Dann ist es der Regisseur.

Ich bin auch dafür verantwortlich, wie die Stimmung in der Mannschaft ist.

Das wäre der Theaterleiter.

Darüber hinaus bin ich in die Organisation verwickelt, etwa wie wir reisen.

Also auch noch Betriebsdirektor! Ein Stück weit sind Sie sicher auch der Autor, weil Sie den Text schreiben – übertragen gemeint – wie gespielt wird. Außerdem geben Sie der Mannschaft eine Philosophie.

Die Identität der Mannschaft muss sie selbst finden, aber als Trainer steuere ich.

Ein Theaterleiter muss genauso ein Team zusammenstellen wie ein Trainer. Ich brauche Schauspieler, die miteinander spielen, die Vertrauen zueinander aufbauen, die spontan reagieren, sich aufeinander verlassen können und nicht in die Pfanne hauen wollen. Natürlich kommt man einander sehr nahe und muss den Spagat zwischen Höflichkeit und Ehrlichkeit wahren, eben um trotzdem sagen zu können: „Du spielst scheiße. Was ist los?“ Ganz schwierig wird es, wenn man jemanden sagen muss: „Ich kann nicht mehr auf dich reagieren. Du spielst den Pass so, dass ich ihn nicht mehr erreiche. Spiel ihn nicht auf die Schlittschuhe, sondern auf die Kelle.“ Das ist exakt das gleiche im Theater. „Du musst mir einen Satz so geben, dass ich ihn aufnehmen kann. Wenn du den King machen willst, dann ohne mich“

Als Trainer wird man immer gefragt: Wer ist eigentlich der beste Spieler? In meinen Augen ist der beste Spieler derjenige, der seine Kollegen besser macht.

Absolut. Darüber hinaus braucht man überragende Spieler, die in der Lage sind, mich auf eine emotionale Reise mitzunehmen. Spieler, die den Unterschied machen.

Ganz genau!

Im Theater bemühen wir uns gelegentlich darum, die Erwartungshaltung der Zuschauer aufzubrechen. Mal was Neues zu wagen.

Das ist natürlich Kreativität. Wenn man keinen Gegner hat, kann man die natürlich ausleben.

Das, woran sich eine Theaterinszenierung reibt, ist der Zuschauer und der Text. Der Text ist vielleicht mal so, das ich denke: „Was hat der Autor da für einen Scheiß geschrieben? Das müssen wir jetzt spielen?“ Und dann kommt der Zuschauer, der will unterhalten werden. Theater kann aber neben der Unterhaltung auch irritieren und provozieren. Inszenierung, Text und Zuschauer können eine Einheit sein. Oder manchmal eben Gegner.

Zeigt der Zuschauer im Schauspiel seine Missgunst?

Ich träume davon, dass er es tut. Zu Shakespeares Zeiten war es so, dass die Zuschauer die schlechten Schauspieler mit faulen Tomaten beworfen haben. Wenn wir heute für Kinder spielen und sie davon gelangweilt werden, packen die ihre Wurststulle aus, und fangen an zu frühstücken. Die Unhöflichkeit der Kinder ist unser Maßstab. Ich träume allerdings davon, dass im Theater Missgunst und Begeisterung viel stärker zum Ausdruck kommen, als Stillsitzen und Dösen. Ich glaube, dass viele Leute deswegen nicht mehr ins Theater gehen, weil es nicht mehr diesen Charakter von Volksfest hat, der beim Eishockey veranstaltet wird.

Bei uns ist Eishockey nordamerikanisch geprägt. Da ist das Spiel ein Teil des Events. Wenn es aber schlecht läuft, muss man Abstand nehmen vom Eventcharakter und als Trainer die Mannschaft auch isolieren, um den Druck zu reduzieren.

Als Trainer oder Theaterleiter ist man Krisenmanager, wenn alles gut läuft, kann selbst ein Schüler eine Mannschaft coachen. Bei Leistungsdruck muss man aber locker bleiben, um überhaupt arbeiten zu können. Für eine Höchstleitung braucht man Lockerheit und totale Konzentration.

Doch wie erreicht man die? Im Eishockey haben wir ja Timeouts...

Das wünschte ich mir manchmal fürs Theater.

Da habe ich gelernt, dass ich als Trainer immer zu viele Informationen gegeben habe. Zuletzt habe ich einfach Timeouts genommen, um die Spieler mal Verschnaufen zu lassen. Das hat Wunder gewirkt, denn im gleichen Moment fängt die Mannschaftsdynamik an, von allein zu wirken. Diese Dynamik ist manchmal stärker als alles andere.

Nichtstun ist die größte Kunst!

So siegt man schlussendlich.



( Max Müller )