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Auf der Spur des Eismeisters

| Lesedauer: 7 Minuten
Sebastian Blottner

Hinter den Kulissen arbeiten viele Spezialisten daran, die Arena in ein Eisstadion zu verwandeln

Multifunktionsarena, das klingt schon nach durchdachter Technik und komplizierten Umbauverfahren. Heute gibt Madonna eine bombastische Show, morgen vollführen Motorradfreaks schwindelerregende Stunts über Sandbergen und kurz darauf kann bereits ein Heimspiel der Eisbären anstehen und in der Mercedes-Benz Arena glänzt eine polierte Eisfläche. So kennen es die Eisbärenfans. Bis aus der Multifunktionshalle „ihre“ Arena geworden ist, gibt es allerdings alle Hände voll zu tun.

Fangen wir bei dem Eis an. Offensichtlich das wichtigste und scheinbar das aufwendigste Detail des Arenaumbaus. Die Auflösung der Eisfrage ist jedoch verblüffend einfach: Das Eis ist die ganze Zeit da. Es wird weder herein- noch herausgefahren, nicht abgetaut noch neu gefroren. Madonnafans und Motorradfreaks sind ihm genauso nah, wie die Eisbärengemeinde. Denn wenn nicht gerade Eishockey gespielt wird, liegt direkt auf dem Eis ein isolierter Fußboden: Holzplatten mit rund fünf Zentimeter dickem Styropor darunter.


Kohlenstoffdioxid in den
Röhren sorgt für das Eis


„Diese Dämmung ist einfach, aber effektiv“, sagt Eismeister Hendryk Probst und zeigt einen Querschnitt des Belags. „Das Eis darunter ist 3,5 Zentimeter dick und es wäre viel zu viel Arbeit es immer wieder von Neuem aufzutragen, denn das geht nur in jeweils sehr dünnen Schichten und dauert relativ lange.“ Das Eis liegt von August bis Juni durchgängig in der Halle. Kalte Füße bekommt man Dank der Dämmung dennoch nie.

Selbstredend muss ein ausgeklügeltes Kühlsystem das Eis auf Temperatur halten. Anhand eines Organigramms zeigt Elektromeister Reinhard Drachsel in der „Kältezentrale“, wie das funktioniert. „Das Eis liegt auf einem Betonboden und der wird mit Rohren gekühlt, durch die Kohlenstoffdioxid zirkuliert.“

Kalt ist es in der Kältezentrale wahrlich nicht, die Kühltechnik rauscht und brummt, CO2- und Ammoniak-Abscheider, Wärmetauscher, Ventilatoren, Schraubenverdichter oder Kühlrohre ergeben zusammen einen beeindruckenden Maschinenpark. Von hier geht es mit Haustechniker Drachsel direkt auf das Dach der Arena, wo sich das Ende der gesamten Kühlkette befindet. Vier riesige Kühltürme spucken überschüssige Wärme in den Berliner Himmel, „einer ist nur für die Eiskühlung da, die anderen drei werden für die normale Klimaanlage der Halle gebraucht.“ Gleich neben den Kühltürmen summt das moderne Blockheizkraftwerk, das vom Energierpartner Gasag betrieben wird. Hocheffizient und umweltschonend erzeugt es den gesamten Bedarf an Strom und Wärme der Arena. „Und es wird von der Gasag fernüberwacht“, sagt Drachsel.


Bitte keine Sitze: „Wir haben
nun mal eine Stehkultur“


Während Klimatechniker wie Drachsel die gigantischen Anlagen im Auge behalten, rotieren Eismeister Hendryk Probst und sein Kollege Robert Kullmann zwischen der Eisfläche und dem „Umlauf Nord“. Dort stehen die zwei teuren Eispflegemaschinen in der Garage, mit denen die Eismeister immer wieder die Spielfläche glatt hobeln und gleichzeitig einen dünnen Film Wasser auftragen. „Das Wasser ist
50 Grad warm“, sagt Kullmann, „bei dieser Temperatur verbindet es sich am besten mit der darunterliegenden Eisschicht und alles wird spiegelglatt, so wie es sein soll.“ Die Eismaschinen fahren mit Erdgas von der Gasag, in der Garage haben sie kleine Gastankstelle. An einem Spieltag sind die Gefährte ständig im Einsatz, schon am Vormittag trainieren sowohl die Eisbären als auch ihre Gastmannschaft.

Vom Tribünenaufbau in der Fankurve dürfen sie sich dabei nicht stören lassen. Der nimmt bis zu sieben Stunden in Anspruch. Die bei Konzerten üblichen Tribünenmodule sind in wenigen Minuten ausgefahren. Doch haben sie einen entscheidenden Nachteil: Es sind Sitze darauf montiert und das macht ein Eisbärenfan nicht mit. „Wir haben nun einmal eine Stehkultur“, sagt Eisbären-Eventmanager Tom Balkow, „die Fans haben gegen die Sitze revoltiert“.


Die Regie arbeitet eng mit
der Fankurve zusammen


Das Management konnte eine Einigung mit der Arena erzielen, man besorgte eine eigene Tribüne und bekam dafür Lagerfläche zur Verfügung gestellt. 1300 Teile müssen für jedes Spiel zusammengebaut werden, bevor die rund 2000 Mann starke Fankurve Aufstellung nehmen kann.

Schräg darüber liegt die Regietribüne. Dort tippt Marius Porstendörfer schon am Nachmittag vor dem Spiel auf Bildschirmen herum, verkabelt Laptops und fährt zur Probe die Musik ab. Er ist der Eisbären-DJ. Dass er den Fans möglichst nahe sein kann, ist für eine gute Stimmung essenziell. Porstendörfer muss die Trommler im Blick haben und die Einheizer mit den Megaphonen hören können. „Wir arbeiten ganz eng mit der Fankurve zusammen“, sagt er, „da braucht man etwas Fingerspitzengefühl.“

Chorgesänge und Trommelattacken sollen ihren Raum finden, der DJ muss die emotionalen Wallungen je nach Lage anfachen, laufen lassen oder mittragen, „aber an der falschen Stelle dazwischenfunken darf ich den Fans natürlich nicht“. Porstendörfers Repertoire ist entsprechend originell. Seine meistgespielten Tracks sind oft nur wenige Sekunden lang und heißen „Bärengebrüll“, „Bully-Fanfare“ oder „Tor Eisbären“. Daneben hat er Pophits von den Beatles bis AC/DC im Gepäck, an vorderster Stelle natürlich die unverzichtbaren Puhdys mit „Hey, wir woll’n die Eisbärn sehn“.


Die Theaterpyrotechnik ist teuer, aber sehr effektiv


Neben dem DJ haben auch Licht- und Pyrotechniker ihren Platz auf der Tribüne. Ingo Schubert muss rechtzeitig sicherstellen, dass alle „Empfänger“ online sind, die er später buchstäblich in die Luft jagen will. In einem Köfferchen wie aus einem Spionagethriller verbirgt sich der rote Knopf, mit dem der Pyrotechniker später das exakt 3,4 Sekunden lange Feuerwerk zünden wird, das er in den Traversen über der Halle verteilt hat. „Dafür verwenden wir spezielle Theaterpyrotechnik, bei der kein Stäubchen zurück bleibt, das aufs Eis fallen könnte“, sagt er. „So etwas ist allerdings auch extrem teuer, für das gleiche Budget würde man ein zehnminütiges Hochzeitsfeuerwerk bekommen.“

Pyro- und Lichttechniker, DJ und Moderator – alle haben später einen Kopfhörer am rechten Ohr, auf dem sie ihre Einsätze bekommen. Zwei Regisseure dirigieren in der Regiezentrale das vielköpfige Team. In der Regiebesprechung rund zwei Stunden vor dem Spiel wird jeder Einspieler, jede Bildschirmschaltung, jede Moderation noch einmal sekundengenau abgestimmt – damit jedes Eisbärenspiel zu einer perfekten Show wird.