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„Woher Du kommst, spielt keine Rolle“

| Lesedauer: 8 Minuten
Tobias von Heymann

Bei den Eisbären treffen Unternehmer auf Angestellte, Zahnärzte auf Azubis, Bauingenieure auf Arbeitslose

Für viele Fans der Eisbären beginnen die Spiele ihrer Mannschaft regelmäßig schon Stunden vor dem Anpfiff. Denn seit den 1990er-Jahren hat sich rund um den Eishockey-Club eine lebendige Fan-Kultur entwickelt. Egal ob bei Heim- oder Auswärtsspielen: In ihren Ritualen zeigt sich die besondere Verbundenheit der Fans mit ihren Eisbären.

An diesem Freitag beginnt wieder so ein Abend mit ganz eigener Atmosphäre: Nur wenige hundert Meter von der Mercedes-Benz-Arena entfernt steht das Vereinsheim unterhalb der Warschauer Brücke. Wie ein kleines buntes Container-Dorf wirken die 16 zum Heim verbundenen Metallkästen, die von außen mit Eisbär-Motiven bemalt sind. „Das alles haben wir hier in Eigenregie aufgebaut“, sagt Axel Hoppe stolz, als er das Heim gegen 17 Uhr für den heutigen Abend öffnet. Auf seinem Vereins-Trikot steht groß „Acki“ – sein Spitzname in der Szene.

„Das Besondere und Faszinierende an unserer Fan-Kultur ist, dass sich hier alle Typen von Menschen treffen“, sagt er. „Das ist wie eine große Familie, in der nicht zählt, was jemand sonst macht, sondern hier sind alleine die Eisbären das Thema.“ So treffen hier Unternehmer auf Angestellte, Zahnärzte auf Azubis, Bauingenieure auf Arbeitslose. Die Fans sind leidenschaftlich, aber – anders als bei vielen Fußballspielen – gewaltfrei. „Uns alle eint die Freude am Sport“, sagt Acki, während er im Inneren des Vereinsheims zusammen mit anderen Aktiven der „Bogen-Crew“ den Treffpunkt für den Betrieb startklar macht.

Der Name stammt noch von dem früheren Depot für die Fahnen, Transparente und weitere Fan-Utensilien, das in einem
S-Bahn-Bogen untergebracht war. Als das Depot schließlich umziehen musste, zogen viele Kräfte Eisbären-typisch an einem Strang. Den Fans wurden Container im Rohzustand gestiftet, die der Verein „Fanbogen“ in Eigenregie an der Warschauer Brücke ausbaute. „Das alles ist mit den Mitteln der Fans entstanden“, sagt Acki. „So stellte der Bauunternehmer und Obertrommler Ralf Czygan die Steine, mit denen wir den Platz vor den Containern selbst pflasterten. Andere unterstützten beim Malern oder Verlegen von Boden oder der Elektrik. Alles ehrenamtlich und aus eigener Initiative heraus.“

Daher wirkt der einjährige Treff auch sofort gemütlich und einladend, wenn man über die Schwelle getreten ist. Etwa alle sechs Wochen lädt der Verein Verantwortliche der Eisbären, Trainer oder Spieler zu einem Dialog-Abend. „Der Einlass ist aber nur für Vereinsmitglieder“, sagt Fan Spencer, einer von rund zwölf richtig Aktiven. Und die können sich hier schon vor dem Spiel auf das Geschehen einstimmen. An den Decken hängen Schals und Trikots, Bilder von Spielern schmücken die Wände. „Hier sind alle gleich – und hier kann man auch mal etwas anderes machen als sonst im Alltag“, bestätigt auch Spencer. „Wer man ist, wo man herkommt, das alles spielt hier keine Rolle.“

Unterdessen strömen immer mehr Vereins-Freunde zusammen. Alle begrüßen sich per Handschlag oder Küsschen auf die Wangen, alle sind sportlich per Du. Fast jeder hat dabei sein eigenes, individuelles Outfit: Die meisten tragen einen Vereinsschal, viele Trikots einzelner Spieler oder einer bestimmten Saison. Sie sitzen an den Biertischen zum Plausch oder stehen in kleinen Grüppchen vor dem Heim zusammen. Alle warten gespannt auf das Ligaspiel gegen Düsseldorf. Dass ihr Verein 2:1 gewinnt, ist erst Stunden später klar. So steigt die Spannung in und um die Container.

Florian „Flo“ Wande gehört zum Team der „Fanatics Ost“, einer Gruppe von Fans, die besonders in der Fankurve mit Fangesängen, Klatschen und Anfeuerungsrufen für Stimmung sorgt. Der angehende Azubi entwickelte seine Liebe zu den Eisbären bereits 1996 als Jugendlicher, als er seinen Vater zu einem Spiel begleitete. „Mit dem Verein habe ich seitdem viele Highlights erlebt. So zum Beispiel die erste Meisterschaft 2005 oder ein Playoff-Spiel in Mannheim, das die Eisbären nach einem Rückstand von drei Toren in der Verlängerung noch gedreht haben.“ Genau solche Geschichten, die er selbst erlebt hat, lässt er sich auch von den älteren Fans erzählen. „Hier kommen Jung und Alt zusammen, wir hören alle gerne die legendären Stories aus der Vereinsgeschichte.“ Jetzt stellt auch er sich in den Containern auf das nahende Spiel ein. „Welche Gesänge wir anstimmen und welche Sprechchöre wir rufen, entscheiden wir spontan“, sagt Flo. Megafone und Trommel-Spieler am Spielfeldrand helfen dabei, die richtige Stimmung je nach Anlass zu verstärken. „2012 haben wir für Jugendliche von 14 bis
18 Jahre die Gruppe ‚Young Future‘ aufgemacht und wollen damit vor allem die Jugendarbeit voranbringen“, sagt Flo.

Manche Eisbären-Fans folgen ihrer Mannschaft um die halbe Welt: Quer durch die Eishockey-Nationen Europas aber auch schon bis nach Japan sind einige Anhänger mitgereist. Doch heute ist Heimspiel. Hinter den Containern ist Timo mit anderen jüngeren Fans gerade dabei, ein Transparent zu malen und Fahnen auszugeben. „Hier haben wir einen Container ausschließlich für das Fanmaterial“, sagt er. Dort lagern Spraydosen, Stoffbahnen,
T-Shirts und Trommeln sowie Bastelmaterial für den Auftritt an den Rängen. Schon als Baby war Timo bei Spielen mit dabei: „Mir wurde das alles gewissermaßen von meinen Eltern in die Wiege gelegt“, begründet er sein Engagement.

Immer näher kommt der Spielbeginn, immer mehr Fans kommen unter der Warschauer Brücke zusammen und ziehen dann zur Arena. Frauen wie Männer nehmen dort ihre Stammplätze ein. Und schon beginnen die Rituale, die zu einem Spiel gehören. Als die Namen der Spieler verlesen werden, rufen die Fans immer laut deren Nachnamen, stimmen Sprechchöre an.

Auch von der Tribüne des dritten Rangs aus lässt sich die Stimmung gut miterleben. Vom dortigen Restaurant aus kann man wie in einer Loge das Spielgeschehen verfolgen. Für Marcus ist dieser Platz mit der guten Aussicht auf das Fahnenmeer und die Fankurve heute ein besonderes Ereignis: Einen Tag zuvor hatte er seinen neunten Geburtstag, jetzt feiert er mit einer Gruppe von Freunden und seiner sechs Jahre alten Schwester Meike seine Fete.

„Der Spielbesuch war ein Überraschungsgeschenk“, sagt seine Mutter Megan Bristle. „Er liebt die Eisbären und wollte schon immer bei einem Spiel dabei sein.“ Sie selbst arbeitet als Köchin in dem Restaurant der Arena – und sieht den Kindergeburtstag auch als eine Art Abschied. „Wir kommen ursprünglich aus Illinois in den USA“, sagt Bristle. „In wenigen Wochen ziehen wir zurück in unsere Heimat. Drei Jahre lebten wir in Berlin. Diese Zeit war wunderbar.“ Derweil futtern die Kids munter Pommes, Nachos mit Sauce und Chickenwings – oder beobachten gebannt das Spiel auf dem Eis.

Dort, mitten drin und doch etwas an der Seite sitzt Nadine aus Hellersdorf auf einem überdimensionalen Stuhl am Spielfeldrand, neben ihr lehnen Krücken voller Autogramme: Sie hatte sich ausgerechnet beim Fußballspielen einen Kreuzbandriss zugezogen. „Trotzdem habe ich das Eisbären-Training besucht. Dort haben mich die Spieler auf meine Verletzung angesprochen – und dann auf meinen Krücken unterschrieben“, freut sie sich über den freundlichen Kontakt zu ihrer Mannschaft.

„Die Liebe brachte mich einst zu den Eisbären“, sagt die 23-Jährige. „Jetzt bin ich schon in der dritten Saison mit dabei.“ Begeistert wie sie ist wird das für Nadine sicher nicht die letzte Saison sein.