Berlin.

Ausgerechnet Xavier Naidoo

Der NDR bestimmt den Kandidaten für den ESC – und löst Proteststurm aus

Berlin.. Dieser Weg wird für die ARD kein leichter sein …

Die deutsche Beteiligung beim Europäischen Song Contest hat eine lange Geschichte mit Höhen und Tiefen. Vor allem mit Tiefen. Im vergangenen Jahr landete Ann Sophie mit einem dünnen Liedchen und öder Bühnenshow auf dem letzten Platz – eine Blamage vor 197 Millionen Zuschauern weltweit. Das wollte die ARD offenbar nicht noch einmal erleben. Der zuständige NDR verkündete gestern überraschend: Das deutsche Hit-Wunder Xavier Naidoo (44) wird als ESC-Kandidat 2016 ins Rennen geschickt – eine einsame Entscheidung, die einen öffentlichen Proteststurm entfachte. Die bisherige Praxis, den Teilnehmer in einem Vorentscheid zu küren, ist gekippt.

Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungskoordinator, lobte seinen prominenten Kandidaten als „Ausnahmekünstler, der seit knapp 20 Jahren seinen Platz im deutschen Musikleben hat“. Deshalb habe man sich dazu entschieden, ihn direkt zu nominieren. Auf Anfrage dieser Zeitung ergänzt er aber am Donnerstagabend: „Dass Xavier Naidoo polarisiert, wussten wir, die Heftigkeit hat uns überrascht.“

Nutzer im Internet fordern Rücktritt beim NDR

Im Internet haben zumindest gestern viele ihrem Ärger Luft gemacht. Konstantin von Notz von den Grünen schrieb bei Twitter in Anspielung auf den Pegida-Sprecher: „Nachdem sich Lutz Bachmann nicht durchsetzen konnte, soll jetzt Xavier Naidoo für Deutschland beim ‚#ESC16‘ antreten“. Eine Nutzerin nannte es einen „Tiefpunkt“ und forderte: „Deutschland sollte disqualifiziert werden.“ Der Medienkritiker Stefan Niggemeier vermutete in einem Tweet gleich, dass Naidoo für „das Deutsche Reich“ antrete, „man weiß es bei ihm ja nicht“.

Vielleicht keimen im NDR langsam auch Zweifel, ob es eine gute Idee war. Andererseits: Xavier Naidoo ist seit 1997 im Geschäft, landete mit den Söhnen Mannheims unzählige Hits. Sein Song „Dieser Weg wird kein leichter sein“ war der Soundtrack zur Sommermärchen-WM 2006. Doch es gibt auch eine hässliche Geschichte zu Xavier Naidoo. Und in dieser präsentiert sich der Schmusesänger mit indischen und afrikanischen Wurzeln als Weltverschwörungstheoretiker, Gewaltverherrlicher und Drogenfreund. Und nicht nur das Netz fragt: Haben die bei der ARD noch alle beisammen? Hat da keiner mal ins Archiv gesehen?

Die Entrüstung hat mit der Liste der Entgleisungen Naidoos zu tun. Besonders umstritten ist sein Auftritt bei einer Veranstaltung der sogenannten „Reichsbürger“ sowie bei einer Demo der „Montagsmahnwachen“. Dort vertrat er die irre Theorie, dass die Anschläge vom 11. September sich ganz anders zugetragen hätten. Naidoo: „Wer das als Wahrheit hingenommen hat, was da erzählt wurde, hat den Schleier vor Augen.“ Dass in seinem Publikum auch ein NPD-Chef und andere Rechte klatschten, störte Naidoo wenig. Im SWR erklärte er das später so: „Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch auf Reichsbürger. Auch auf die NPD. Das ist mir alles Wurst.“

Ähnlich verstörend klingen manche Songtexte. Über die jüdische Bankiersfamilie Rothschild dichtete er: „Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf Euch Gockel/ Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel.“ Dass Naidoo in weiteren Texten davon träumt „Arme und Beine abzuschneiden“ lassen nur seine härtesten Fans als künstlerische Freiheit durchgehen. Die Linkspartei stellte Strafanzeige, wobei der ARD-Kandidat auch bei der Polizei kein Unbekannter ist. Die im November 2000 bei einer Razzia beschlagnahmten 50 Gramm Marihuana und Fahren ohne Führerschein reichten immerhin für eine Bewährungsstrafe von 20 Monaten.

Eine Petition hatte bis zum Abend bereits 7000 Stimmen

Und was sagt Naidoo selbst? „Mit meinem ganzen Wesen stehe ich für ein weltoffenes Deutschland und einen respektvollen sowie friedlichen Umgang miteinander“, sagte Naidoo laut NDR-Mitteilung vom Donnerstagabend. Er sei froh, in einem „bunten“ Deutschland zu leben und distanziere sich von der Auffassung der sogenannten „Reichsbürger“. Die Stimme seines eigenen Bürgermeisters hat er trotzdem nicht: Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) sieht ihn „mit seinen politischen Äußerungen im Abseits und in der Nähe von Personen, wo er nicht hingehört“. Politiker von FDP und Grünen würden den Auftritt Naidoos am liebsten verhindern. Die Jungliberalen erklärten gestern: „Wir fordern den WDR auf, alles in seiner Macht stehende zu tun, um diese Farce zu verhindern.“ Eine entsprechende Unterschriftenliste auf change.org brachte über 7000 Unterstützer.

Auf Nachfrage dieser Zeitung, ob die Wahl umkehrbar sei, weicht Thomas Schreiber aus: Man habe sich aus gutem Grund für Naidoo entschieden. Und: „Schon die Tatsache, dass Xavier Naidoo die Zuschauer entscheiden lässt, mit welchem Lied er nach Stockholm fährt, hat Respekt verdient.“