Transplantation

Das neue Gesicht des Feuerwehrmanns Patrick Hardison

Ein im Einsatz schwer entstellter Feuerwehrmann hat in den USA jetzt die bislang umfangreichste Gesichtstransplantation erhalten.

Patrick Hardison war 27 Jahre alt, als er beim Versuch, eine Frau zu retten, schwerste Verbrennungen erlitt. Mit seinem neuen Gesicht soll sein Leben leichter werden.

Patrick Hardison war 27 Jahre alt, als er beim Versuch, eine Frau zu retten, schwerste Verbrennungen erlitt. Mit seinem neuen Gesicht soll sein Leben leichter werden.

Foto: HANDOUT / REUTERS

New York.  Als Patrick Hardison am 5. September 2001 in ein brennendes Haus rannte, um eine Frau vor dem Feuer zu retten, hatte er nicht nur großen Mut, sondern auch ein freundliches Gesicht. Dann stürzte das brennende Dach auf den Mann von der Freiwilligen Feurwehr in Senatobia, Mississippi: Die Atemmaske schmolz auf seinem Gesicht, Hardison überlebte mit schwersten Verbrennungen. Jetzt hat der inzwischen 41-Jährige wieder Hoffnung auf ein normales Leben: Hardison hat die bislang umfangreichste Gesichtstransplantation der Welt in New York gut überstanden, seine Genesung schreitet voran.

Durch das Feuer hatte Hardison seine Augenlider und Lippen, seine Ohren, Teile seiner Nase und sein Haar verloren. Verbrennungen dritten Grades zerstörten sein Gesicht, die Haut am Kopf, Hals und Oberkörper. 14 Jahre lang konnte Hardison seine Augen nicht mehr komplett schließen. „In seinem Gesicht war kein normales Gewebe übrig geblieben“, beschreibt Eduardo D. Rodriguez, der Chefarzt der Plastischen Chirurgie am Langone Medical Center, der Klinik der New York University, der für die Transplantation verantwortlich war.

Patrick Hardison musste 70 Mal operiert werden

70 Mal musste Hardison nach dem Brand operiert werden, mehrfach wurde Haut vom Oberschenkel in sein Gesicht transplantiert. „Ähnlichkeit mit normaler Anatomie“, wie Dr. Rodriguez es formuliert, konnten die Ärzte nicht mehr erreichen, Hardisons komplettes Gesicht sei „eine einzige, riesige Narbe“ gewesen. Sprechen und essen verursachten dem Vater von drei Kindern große Schmerzen.

Ohne Baseballkappe, Ohr-Prothesen und Sonnebrille war Patrick Hardison 14 Jahren lang nicht mehr vor die Tür gegangen. Er konnte kaum noch sehen, weil die Ärzte die Haut um seine Augen so weit zugenäht hatten, dass nur kleine Löcher übrig blieben; so sollten die Augen geschützt werden. Ein Jahr warteten Hardison und seine Ärzte auf einen Spender; mit der Operation wollte das medizinische Team dafür sorgen, dass er „wieder normal“ aussehe, sagt Rodriguez.

Gesichtstransplantation dauerte 26 Stunden

26 Stunden dauerte die Transplantation des Gesichts am 14. August. „Ich bin nicht nervös, ich bin aufgeregt“, hatte Hardison vorher gesagt. Waren bei früheren Gesichtstransplantationen die Haut, Lippen, Knochen, Muskeln und Blutgefäße verpflanzt worden, kamen bei Hardisons Operation weitere große Teile des Kopfes dazu: Die Kopfhaut, die Ohren und Gehörgänge, Teile der der Wangen- und Kinnknochen und die komplette Nase. Die Experten beschreiben das Transplantat als eine Art „Kapuze“, die dem Patienten übergestülpt wurde. Die Chirurgen schafften es sogar, Hardisons Augenlider zu ersetzen – mit den Muskeln, die für den Lidschluss zuständig sind.

Nach Angaben von Operateur Rodriguez ist nie zuvor bei einer Gesichtstransplantation so viel Gewebe verpflanzt worden. An vier Stellen wurde Knochen des Spenders mit dem Schädelknochen des Empfängers verbunden, um zu verhindern, dass das neue Gesicht herunterhängt. Eine Animation des Langone Medical Centers zeigt, wie kompliziert und umfangreich die Operation war. Bisher scheint sie ein Erfolg zu sein. Im Laufe der Zeit werde bei oberflächlicher Betrachtung nicht mehr auffallen, dass etwas „anders“ ist an Hardisons Gesicht, glaubt Operateur Rodriguez

Am 24. August, zehn Tage nach der OP, sah der Patient zum ersten Mal sein neues Gesicht. Er konnte noch nicht sprechen, und in dem geschwollenen Gesicht war noch keine Regung zu sehen – es wird dauern, bis die verpflanzten und neu zusammengesetzten Nerven und Muskeln unter dem Transplantat richtig funktionieren werden. Hardisons Kinder aber brachen in Tränen aus: Zwei von ihnen kannten ihren Vater nur mit seinen Narben.

Rund 30 Menschen haben Gesichtstransplantationen erhalten

2005 transplantierten Ärzte in Frankreich zum ersten Mal den Teil eines Gesichtes. Eine Frau, deren Gesicht durch Bisse ihres Hundes schwer entstellt war, bekam Wangen, Lippen, Kinn und große Teile der Nase von einer Spenderin transplantiert. Die erste komplette Gesichtstransplantation schafften Ärzte 2010 in Spanien. 2012 hatte Eduardo D. Rodriguez, der damals noch an der Klinik der Universität Maryland arbeitete, die bis dahin umfangreichste Gesichtstransplantation an einem Patienten vollzogen, dessen Gesicht nach einem Unfall mit einer Schusswaffe zum Teil zerstört war.

Weltweit haben rund 30 Menschen bislang Gesichtstransplantationen erhalten. Die Operationen bergen hohe Risiken, und selbst wenn die Patienten die hochkomplizierten Eingriffe überstehen, besteht die Gefahr, dass ihr Körper das fremde Gewebe abstößt. Die meisten Ärzte gehen davon aus, dass die Menschen – wie andere Transplantationspatienten – ihr Leben lang Medikamente nehmen müssen, die das Immunsystem unterdrücken und so eine Abstoß-Reaktion verhindern.

„Ich bin meinem Spender zutiefst dankbar“

Das wird vermutlich auch für Patrick Hardison gelten. Dass er nach 14 Jahren voller Schmerzen die Chance auf ein normaleres, leichteres Leben hat, verdankt er einer anderen Tragödie. Das Gesicht, das Hardison bekommen hat, gehörte einem jungen BMX-Fahrer, der aus Ohio stammte: David Rodebaugh war bei einem Unfall im New Yorker Stadtteil Brooklyn so schlimm gestürzt, dass er sich tödliche Kopfverletzungen zuzog. Die Ärzte erklärten ihn für hirntot.

Seine Mutter habe nicht gezögert, als sie gefragt wurde, ob sie einer Gesichtstransplantation zustimmen würde, berichtet die Washington Post: Ihr Sohn sei ein Freigeist gewesen, „er liebte das Leben“. Rodebaugh war 26, als er starb – ein Jahr jünger als Hardison war, als er ins Feuer ging.

„Ich bin meinem Spender und seiner Familie zutiefst dankbar“, sagt Patrick Hardison. „Obwohl ich nicht wusste, wer es sein würde, habe ich jeden Tag für sie gebetet, weil ich wusste, was sie für eine schwere Entscheidung zu treffen haben würden, um mir zu helfen.“ Zum Thanksgiving-Feiertag am 26. November soll Hardison schon wieder bei seiner Familie sein.