Justizvollzug

Wie ein Gefängnispfarrer seine dunkle Seite kennenlernte

Pfarrer Rainer Dabrowski arbeitet seit Jahren im Gefängnis und weiß von den dunklen Seiten der Menschen. Und er kennt seine Grenzen.

Ein Häftling der Justizvollzugsanstalt Moabit: Gefängnispfarrer leisten auch hinter Gittern Seelsorge. Rainer Dabrowski hat ein Buch darüber geschrieben.

Ein Häftling der Justizvollzugsanstalt Moabit: Gefängnispfarrer leisten auch hinter Gittern Seelsorge. Rainer Dabrowski hat ein Buch darüber geschrieben.

Foto: Marc Tirl / dpa

Berlin.  Bevor Rainer Dabrowski die spektakulären Geschichten erzählt, beruhigt er: „Nur fünf Prozent der Männer im Strafvollzug sind wirkliche Verbrecher, also Vergewaltiger und Mörder“, sagt er. „Die meisten sind Betrüger oder Gauner oder haben einfach einen Fehler gemacht.“

Dann rückt er die Schale mit den Keksen zurecht und erzählt sie doch, die Geschichten, die ihn ein Leben lang begleiten werden. Zum Beispiel diese: Ein 25 Jahre alter Informatikstudent, nie auffällig geworden, kommt nach Hause, findet seine Freundin vor, Koffer packend. Sie sagt: Ich will mich trennen, er will sie zum Bleiben bewegen, nach vier Jahren Beziehung, das kann es nicht gewesen sein, er hat ein Messer in der Hand ... „Wenn er von hinten zusticht“, sagt Rainer Dabrowski fachmännisch, „dann ist es heimtückisch und er kommt für 20 Jahre ins Gefängnis.“

23 Jahre in Deutschlands größtem Männervollzug

Geschichten wie diese haben sich angesammelt, in seinem Leben. Die meisten Morde sind Beziehungstaten, hat Dabrowski gelernt. Und Grenze zu diesem Verhalten ist oft sehr dünn. Zwischen den Jahren 1990 und 2014 war er Gefängnispfarrer in der JVA Tegel, Deutschlands größtem geschlossenen Männervollzug. Was er dort erlebt hat, kann man jetzt in einem Buch nachlesen, das er über diese Jahre geschrieben hat. „Verknackt, vergittert, vergessen“ heißt es, doch wer ihn besucht, in seinem Häuschen im tiefen Süden Berlins, der hört auch die Geschichten, die es nicht hineingeschafft haben, oft einfach, weil er nicht wusste, ob er die Fakten genug verfälschen kann.

Da gibt es diese von einem Paar, das über Jahre eine Szenekneipe in einer Großstadt in Deutschland betrieb, die unter Künstlern dafür bekannt war, dass man dort auch in Ruhe „eine Nase Koks nehmen“ könnte. Was die beiden – ihren Angaben nach – nicht wussten, war, dass ihre Toilette für die Lagerung großer Mengen herhalten musste. Sie mussten dann trotzdem ins Gefängnis. Für das Paar, das seit über 20 Jahren zusammen war, bedeutete das auch eine Trennung.

Wiedersehen nach zehn Jahren bei Dabrowkski im Hof

„Sie wandten sich an mich“, erzählt Rainer Dabrowski, „weil sie sich wiedertreffen wollten.“ Weil verschiedene Orte aus Sicherheitsgründen sich ausschlossen, willigten schließlich beide Gefängnisse ein, dass es bei ihm zu Hause stattfinden konnte. Er zeigt auf den Hof: „Dort haben sie den Tag über gesessen und geredet.“ Das war auch für ihn eine Ausnahme, denn sonst hat er versucht die Welten strikt zu trennen.

Vielleicht ist das der Gewinn des langen Beschäftigen mit Menschen im Gefängnis: Dass sie eben doch Menschen bleiben, bei denen plötzlich ein Zippo-Feuerzeug zum Statussymbol wird. Die lieben, sich langweilen und irgendwie doch dieses Leben gut herumbringen wollen. „Knast verändert Menschen“, sagt Dabrowski, „aber wir können entscheiden in welche Richtung.“ So hat es einen Gefangenen gegeben, der gerade in Haft kam, als Dabrowski im Gefängnis anfing. Der war immer sehr aggressiv früher, sagt er, „Demnächst kommt er frei, wir wollen uns dann noch einmal treffen.“ Die beiden sind Freunde geworden.

Auch der Pfarrer wäre beinahe handgreiflich geworden

Aber auch er hat sich verändert. Es gab ihn, den Moment, in dem er selbst fast zu weit ging. Das war bei einem Mann, der ihn wirklich provozierte. Details lässt er aus, aber das Wort „Massenmörder“ und „Grinsen“ umschreibt diese Geschichte ganz gut. Bevor der Pfarrer sich provozieren ließ, handgreiflich zu werden, kam glücklicherweise ein Beamter herein, sagt er. „Da habe ich gelernt, dass auch ich diese dunkle Seite in mir habe.“

Meist half in solchen Momenten sein Humor. Zum Beispiel, als eines Tages ein Häftling sich als Abgesandter Gottes vorstellte. „Ich wollte nur mal nachsehen, was du hier machst“, sagte der. Am Ende fragte er den Pfarrer um etwas Tabak, mit der Einleitung: „Du wirst dem lieben Gott doch nicht ...“ Dabrowski – mit der Erfahrung von 23 Jahren – sagte: „Daran erkenne ich, dass du nicht der liebe Gott bist, der raucht nämlich nicht.“

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