Amtsgericht

Verwandte von zerstrittenen Kindern prügeln sich vor Schule

Zwei Grundschüler in Hannover hatten über Jahre Zoff miteinander. Dann schritten die Eltern ein – und die Lage eskalierte.

Im Amtsgerichtes Hannover wird über die Prügelattacke der Eltern geurteilt. Möglicherweise fällt das Urteil Ende der Woche.

Im Amtsgerichtes Hannover wird über die Prügelattacke der Eltern geurteilt. Möglicherweise fällt das Urteil Ende der Woche.

Foto: Holger Hollemann / dpa

Hannover.  Dass Schüler aufeinander losgehen, kommt vor. Ungewöhnlich jedoch ist, wenn die Verwandten mit Fäusten aufeinander zugehen, um sich für ihre Kinder einzusetzen. In Hannover kam es deshalb zum Eklat, der sogar gerichtlich ausgetragen wurde. Die Mutter eines Grundschülers holte sogar einen Büschel Haare aus der Handtasche. Ein Beweis dafür, sagt sie, wie rabiat es zur Sache ging.

Jahrelang hätten die Kleinen gezankt. Immer wieder habe die Schule versucht zu schlichten. Doch erfolglos. Mirhan und Yasin konnten sich von Anfang an nicht leiden. Im vergangenen Sommer, da waren die Jungs schon in der vierten Klasse, kam es zu zur Eskalation. Erst schlugen sich die Kinder, dann lieferten sich die Verwandten eine Schlägerei.

Der Vater erlitt bei der Prügelei eine schwere Schädelfraktur

Vor dem Amtsgericht Hannover gesteht der 22-jährige Bruder des einen Kindes, den 43-jährigen Vater des anderen Jungen mit einem wuchtigen Faustschlag niedergestreckt zu haben. Der Mann erlitt eine Schädelfraktur und eine Hirnblutung. Erst im Krankenhaus kam er wieder zu Bewusstsein.

Angeklagt sind neben dem jungen Mann seine Schwester (26) und seine Mutter (52), die die Ehefrau des zusammengeschlagenen Mannes zu Boden geschubst, getreten und auch das besagte Büschel Haare ausgerissen haben sollen. Als die Frau schildert, wie ihr Mann noch während er vom Mobiltelefon aus die Polizei ruft, von dem Faustschlag getroffen wird und rückwärts auf den Boden und mit dem Kopf auf einem Gully aufschlägt, kommen ihr die Tränen. Als potenziell lebensbedrohlich stuft ein Gerichtsmediziner die Verletzungen ein. Was die Gewalt auslöste, kann keiner beantworten. Angeblich habe der junge Mann erst dann zugeschlagen, als der andere seine Mutter berührte.

Familientherapeut rät zu Ruhe und dass die Kinder den Konflikt lösen sollen

Familientherapeut Markus Wellmann aus Wesel: „Wenn es um die Kinder geht, kochen die Emotionen schnell hoch. Man sollte aber versuchen, ruhig zu bleiben. Und sich vor allem eins sagen: Auch Grundschulkinder sind in der Lage, die Konflikte selbst zu regeln.“ Je schneller die Kinder begreifen, dass sie selbst verantwortlich für die Konfliktlösung sind, wachsen sie mit ihren Aufgaben und zeigen Stärke, so der Familientherapeut. Wenn es zu derartiger Gewalt käme, sei zu vermuten, dass die Eltern selbst erst einmal Antigewaltstrategien erlernen müssten.

Diese Erfahrung hatten die Familien allerdings hinter sich. Erst am Vortag der Prügelattacke hatten sie ein Mediationsverfahren mit der Schulpsychologin absolviert. Zwischen beiden Familien sei ein Friedenspakt geschlossen worden. Schon beim Unterschreiben aber soll einer der Väter Verwünschungen auf Türkisch ausgesprochen haben: Bis zum jüngsten Tage werde er sich nicht an die Abmachung halten. Die Schulverantwortlichen aber verstanden dies nicht.

Es folgte eine Rangelei vor der Schule, wegen der die Polizei anrückte. Aber auch die Beamten verstanden die angeblichen Todes- und Gewaltdrohungen nicht. Erst auf Drängen des Richters wiederholten die Beteiligten die Worte. Die angeklagte 26-Jährige, die wie ihr Bruder im Kickboxen trainiert ist, weist jede Schuld von sich. Beide studieren in Hannover, sie Mathematik, er Maschinenbau und Informatik.