Hannover ­–

Schülerstreit wird zur Familienfehde

Mutter, Bruder und Schwester müssen sich nach Prügelei vor Gericht verantworten

Hannover ­. Dass Schüler aufeinander losgehen, kommt vor. Ungewöhnlich jedoch ist, wenn die Verwandten mit Fäusten aufeinander zugehen, um sich für ihre Kinder einzusetzen. In Hannover kam es deshalb zum Eklat, der sogar gerichtlich ausgetragen wurde. Die Mutter eines Grundschülers holte sogar einen Büschel Haare aus der Handtasche. Ein Beweis dafür, sagt sie, wie rabiat es zur Sache ging.

Der Vater erlitt bei der Prügelei eine schwere Schädelfraktur

Jahrelang hätten die Kleinen gezankt. Immer wieder habe die Schule versucht zu schlichten. Doch erfolglos. Mirhan und Yasin konnten sich von Anfang an nicht leiden. Im vergangenen Sommer, da waren die Jungs schon in der vierten Klasse, kam es zu zur Eskalation. Erst schlugen sich die Kinder, dann lieferten sich die Verwandten eine Schlägerei.

Vor dem Amtsgericht Hannover gesteht der 22-jährige Bruder des einen Kindes, den 43-jährigen Vater des anderen Jungen mit einem wuchtigen Faustschlag niedergestreckt zu haben. Der Mann erlitt eine Schädelfraktur und eine Hirnblutung. Erst im Krankenhaus kam der Vater wieder zu Bewusstsein. Es war der Höhepunkt einer gewalttätigen Schülerfeindschaft – doch nicht die letzte Gewalttat in diesem Fall. Auch die Frauen der Familien sollen nämlich handgreiflich geworden sein.

Angeklagt sind neben dem jungen Mann seine Schwester (26) und seine Mutter (52), die die Ehefrau des zusammengeschlagenen Mannes zu Boden geschubst, getreten und auch das besagte Büschel Haare ausgerissen haben sollen. Als die Frau schildert, wie ihr Mann noch während er vom Mobiltelefon aus die Polizei ruft, von dem Faustschlag getroffen wird und rückwärts auf den Boden und mit dem Kopf auf einem Gully aufschlägt, kommen ihr die Tränen. Als potenziell lebensbedrohlich stuft ein Gerichtsmediziner die Verletzungen ein. Was die Gewalt auslöste, kann keiner beantworten. Angeblich habe der junge Mann erst dann zugeschlagen, als der andere seine Mutter berührte.

Psychologen: Grundschulkinder können Probleme selbst lösen

Familientherapeut Markus Wellmann aus Wesel: „Wenn es um die Kinder geht, kochen die Emotionen schnell hoch. Man sollte aber versuchen, ruhig zu bleiben. Und sich vor allem eins sagen: Auch Grundschulkinder sind in der Lage, die Konflikte selbst zu regeln.“ Je schneller die Kinder begreifen, dass sie selbst verantwortlich für die Konfliktlösung sind, wachsen sie mit ihren Aufgaben und zeigen Stärke, so der Familientherapeut. Wenn es zu derartiger Gewalt käme, sei zu vermuten, dass die Eltern selbst erst einmal Antigewaltstrategien erlernen müssten.

Diese Erfahrung hatten die Familien allerdings hinter sich. Erst am Vortag der Prügelattacke hatten sie ein Mediationsverfahren mit der Schulpsychologin absolviert. Zwischen beiden Familien sei ein Friedenspakt geschlossen worden. Schon beim Unterschreiben aber soll einer der Väter Verwünschungen auf Türkisch ausgesprochen haben: Bis zum jüngsten Tage werde er sich nicht an die Abmachung halten. Die Schulverantwortlichen aber verstanden dies nicht. Es folgte eine Rangelei vor der Schule, wegen der die Polizei anrückte.

Die angeklagte 26-Jährige, die wie ihr Bruder im Kickboxen trainiert ist, wies jede Schuld von sich. Beide studieren in Hannover, sie Mathematik, er Maschinenbau und Informatik.

Während das Verfahren gegen die junge Frau am Montag gegen Zahlung einer Geldbuße von 400 Euro eingestellt wurde, werden die übrigen Urteile am Freitag dieser Woche erwartet.