Scharm al-Schaich

Rätsel um Airbus-Absturz über Sinai

Alle 224 Insassen tot. Pilot hatte technischen Fehler gemeldet. Ägypten schließt Terror aus

Scharm al-Schaich.  Zahlreiche Tote lagen auf dem Boden, und viele starben angeschnallt in ihren Sitzen. Das berichtet ein ägyptischer Offizier, der zu den ersten Augenzeugen gehörte. „Das Flugzeug ist in zwei Teile zerbrochen, das hintere mit dem Leitwerk brennt, das vordere ist in einen Felsen gerammt.“

Gut zwanzig Minuten nach dem Start im ägyptischen Badeort Scharm al-Schaich war die russische Urlaubermaschine, ein Airbus A321, Sonnabendfrüh im Norden des Sinai abgestürzt. Nach Angaben der Rettungstrupps überlebte niemand der 224 Passagiere, darunter 17 Kinder und sieben Besatzungsmitglieder.

Am Nachmittag behauptete der „Islamische Staat“ im Internet in einem Bekennerschreiben, „die Soldaten des Kalifates“ hätten das Flugzeug über dem Sinai abgeschossen. Parallel dazu tauchte auf Youtube ein mysteriöses Video auf, in dem – unterlegt von Korangesängen – der Abschuss eines großen Flugzeugs zu sehen ist, das umhüllt von einer schwarzen Rauchfahne zu Boden rast.

In der Absturzregion tobt seit zwei Jahren ein unerbittlicher Krieg zwischen der ägyptischen Armee und Dschihadisten der „Provinz Sinai“, die sich als einen Ableger des IS verstehen.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax dagegen hatte zuvor berichtet, der Pilot habe der Flugsicherung ein technisches Problem gemeldet und um Erlaubnis gebeten, auf dem nächstliegenden Flughafen notzulanden. Danach sei die Funkverbindung abgebrochen. Nach Informationen der Website Flightradar24 verlor die Maschine sehr plötzlich an Geschwindigkeit und stürzte innerhalb von Minuten aus ihrer Reiseflughöhe von 9450 Metern zu Boden. Zum Zeitpunkt des Unglücks herrschte gutes Wetter. Die beiden Flugschreiber wurden geborgen.

In Russland erklärte Wladimir Putin den Sonntag zum Staatstrauertag und schickte eine Sondermaschine mit eigenen Bergungskräften zur Absturzstelle. Nach Auskunft des Kremls richtete Russlands Präsident einen Krisenstab ein. Er ordnete an, eine eigene Kommission solle den Grund der Katastrophe ermitteln. Nach Informationen der ägyptischen Sicherheitskräfte gibt es entgegen dem IS-Bekennerschreiben bisher keine Indizien für einen Terrorangriff. Alle Spekulationen zur Unglücksursache seien verfrüht, erklärte Ägyptens Minister für Zivilluftfahrt.

Die letzte Flugzeugkatastrophe in Ägypten ereignete sich 2004, als eine Chartermaschine der einheimischen Gesellschaft Flash Airlines kurz nach dem Start in Scharm al-Schaich in das Rote Meer stürzte. Alle 148 Menschen an Bord starben.

Der 18 Jahre alte Airbus A321 gehörte der kleinen russischen Fluggesellschaft Kogalymavia, die auch unter den Namen Kolavia und Metrojet firmiert und ihren Sitz in der sibirischen Stadt Tjumen hat.

Der Urlaubsflieger war kurz vor sechs Uhr in Richtung St. Petersburg gestartet und sollte mittags auf dem Flughafen Pulkovo landen.

Nach einem Überblick des ägyptischen Tourismusministeriums besuchten 2015 etwa drei Millionen Russen Ägypten – die größte Gruppe unter den ausländischen Feriengästen. Reisebüros locken mit günstigen Pauschalangeboten und dem guten politischen Verhältnis zwischen Kairo und Moskau. Da westliche Touristen wegen mehrerer Terroranschläge das Land meiden, sind russische Kunden für die ägyptische Ferienbranche inzwischen von zentraler Bedeutung.

Während Strände und Feriengebiete im Süden des Sinai gut gesichert sind, verüben im Norden der Halbinsel selbst ernannte Gotteskrieger, die zum „Islamischen Staat“ zählen, nahe täglich schwere Anschläge auf Polizisten und Soldaten.

Die Lufthansa fliegt vorerst nicht mehr über die Sinaihalbinsel

Experten schätzen die Zahl der IS-Kämpfer auf dem Sinai auf 700 bis 1000. Die Extremisten verfügen über schultergestützte Boden-Luft-Raketen vermutlich aus libyschen Beständen, mit denen sie vor zwei Jahren einen ägyptischen Militärhubschrauber mit fünf Soldaten an Bord abschossen. Diese Waffen können Flugzeugen nur gefährlich werden, die sich im Anflug befinden oder nach dem Start noch nicht ihre Reiseflughöhe erreicht haben.

Lufthansa und Air France haben den Flugverkehr über der Sinaihalbinsel eingestellt. Solange die Absturzursache nicht geklärt sei, werde die Region aus Sicherheitsgründen umflogen, hieß es von der Lufthansa.