Urlaubsflugzeug

Nach Absturz mit 224 Toten läuft Suche nach Unglücksursache

Ein technischer Defekt soll für den Absturz verantwortlich sein. Die Lufthansa umfliegt die Sinai-Halbinsel bis die Ursache klar ist.

Der ägyptische Premierminister Sherif Ismail (rechts) besucht den Absturzort im Sinai. Beim Absturz der russischen Urlaubsmaschine kamen 224 Menschen ums Leben.

Der ägyptische Premierminister Sherif Ismail (rechts) besucht den Absturzort im Sinai. Beim Absturz der russischen Urlaubsmaschine kamen 224 Menschen ums Leben.

Foto: STRINGER / REUTERS

  • Behörden untersuchen zwei Black Boxes, um Absturzursache zu klären
  • Islamische Staat (IS) will nach eigener Darstellung für Katatstrophe verantwortlich sein
  • Behörden-Sprecher aus Russland bezeichnen angeblichen Abschuss als unwahrscheinlich
  • Lufthansa und Air France umfliegen Sinai-Halbinsel vorerst aus Sicherheitsgründen
  • Bundeskanzlerin Merkel und US-Außenminister Kerry sprechen Beileid aus

Kairo/Moskau.  Ein russisches Passagierflugzeug mit 224 Menschen an Bord ist über der ägyptischen Sinai-Halbinsel abgestürzt. Bei dem Unglück kamen russischen Behörden zufolge auch 24 Kinder ums Leben. Die meisten Opfer seien Russen, einige andere Passagiere stammten vermutlich aus der Ukraine und aus Weißrussland, hieß es. Der Airbus A321 der sibirischen Fluggesellschaft Kolavia sei am Samstagmorgen kurz nach dem Start in Scharm el-Scheich am Roten Meer in einer Bergregion zerschellt, teilte das Luftverkehrsministerium in Kairo mit. Das Flugzeug ist offenbar in zwei Teile zerbrochen. Viele der Opfer säßen noch angeschnallt in ihren Sitzen, sagte ein Helfer. Laut Behörden gab es keine Überlebenden.

Der Airbus war dem Luftfahrtministerium zufolge um kurz vor 6 Uhr Kairoer Ortszeit nach St. Petersburg gestartet, wo er um 10.20 Uhr MEZ (12.20 Uhr Ortszeit) erwartet wurde. 23 Minuten nach dem Start verschwand die Maschine in rund 9500 Metern Höhe vom Radar.

Maschine verschwand Minuten nach dem Start vom Radar

Die Unglücksursache war zunächst unklar. Ägyptische Behörden gehen von einem technischen Defekt aus. Wie die Deutsche Presse-Agentur am Samstag aus Sicherheitskreisen erfuhr, wird ein Terrorangriff ausgeschlossen: "Der Unfall war das Ergebnis eines technischen Problems", sagte ein Behördenmitarbeiter, der anonym bleiben wollte.

Die französische Behörde für Flugsicherheit (BEA) schickt ein Expertenteam nach Ägypten, um den Absturz eines Airbus auf der Sinai-Halbinsel zu untersuchen. Zudem sollen sechs technische Berater von Airbus am Sonntag die beiden Ermittler begleiten, teilte die BEA am Samstagabend mit. Hinzu kämen zwei Mitarbeiter der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung und vier Fachleute der russischen Flugbehörden.

IS will nach eigener Darstellung verantwortlich sein

Eine Gruppe mit Verbindungen zur Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) ist nach eigener Darstellung für den Absturz einer russischen Passagiermaschine in Ägypten verantwortlich. Ziel der Kämpfer seien 220 russische "Kreuzfahrer" an Bord des Flugzeugs gewesen, hieß es am Samstag in einer auf Twitter verbreiteten Erklärung. "Dank Gottes Hilfe wurden sie alle getötet." Russland fliegt seit ein paar Wochen Luftangriffe in Syrien, wo der IS weite Teile des Landes unter seine Kontrolle gebracht hat. Weitere Hinweise gibt es allerdings nicht.

Der russische Präsident Präsident Wladimir Putin hat die Bildung einer staatlichen Untersuchungskommission angeordnet. Die Leitung übernehme Regierungschef Dmitri Medwedew, teilte der Kreml in Moskau am Samstag mit. Putin ordnete zudem sofortige Hilfe für die Angehörigen der Opfer an und sprach ihnen sein Beileid aus. Die russische Generalstaatsanwaltschaft leitete der Agentur Interfax zufolge eine Prüfung der Tragödie ein.

Russischer Behördensprecher: "Abschuss unwahrscheinlich"

Russland hat einen angeblichen Abschuss als Grund für den Absturz des russischen Passierflugzeugs derweil als unwahrscheinlich bezeichnet. "Allen Daten zufolge, die uns Ägypten zur Verfügung gestellt hat, sind solche Behauptungen unglaubwürdig", sagte Verkehrsminister Maxim Sokolow am Samstag der Agentur Interfax.

Der russische Militärexperte Igor Korotschenko sagte, für den Abschuss einer Maschine in rund 10 000 Meter Höhe besitze der IS wohl nicht die nötigen Waffen. "Was höher fliegt als etwa 4500 Meter, ist für sie ziemlich sicher nicht erreichbar", erläuterte er.

Kremlchef Wladimir Putin telefonierte unterdessen mit dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah Al-Sisi. Die Staatsoberhäupter hätten einen engen Informationsaustausch bei der Klärung der Katastrophe vereinbart, hieß es in Moskau.

Lufthansa umfliegt Gebiet bis Absturzursache klar ist

Die Lufthansa reagiert auf den Vorfall und umfliegt ab sofort die Sinai-Halbinsel mit ihren Maschinen. "Sicherheit hat oberste Priorität, bis die Ursache des Absturzes völlig klar ist, überfliegen wir das Gebiet nicht", sagte eine Sprecherin unserer Redaktion. Bereits am frühen Morgen hätte die größte deutsche Fluggesellschaft entschieden, diesen Schritt zu gehen. Laut Medienberichten hat auch Air France beschlossen, vorrübergehend keine Maschinen mehr über die Region fliegen zu lassen.

Das Flugzeug war russischen Medienberichten zufolge gut 18 Jahre alt und gehörte der Fluggesellschaft Kolavia seit März 2012. Das Kurz- und Mittelstreckenflugzeug A321 des europäischen Flugzeugbauers Airbus ist die größere Ausführung des Passagierjets A320. Die Versionen unterscheiden sich vor allem in ihrer Länge und damit im Platzangebot. Im 44,51 Meter langen A321 können bis zu 220 Fluggäste befördert werden. Laut Moskauer Medien wurde Flug 9268 vom Subunternehmen MetroJet durchgeführt.

Der Absturzort liegt den Angaben zufolge in der Region Hassana, südlich der Mittelmeerküste. Der russische Wetterdienst Rosgidrometa teilte mit, in der Region hätten keine schwierigen Flugbedingungen geherrscht. "Es gibt etwas Bewölkung, die Sicht beträgt sechs bis acht Kilometer", sagte ein Mitarbeiter.

Angela Merkel kondoliert Putin in einem Telefonat

"Unser tief empfundenes Mitgefühl ist bei den Angehörigen und Freunden der Menschen, die bei diesem furchtbaren Unglück ums Leben gekommen sind", sagte sie nach Angaben des Presseamtes der Bundesregierung in einem Telefonat mit Putin. "Deutschland trauert mit Russland um die Opfer."

Der französische Präsident François Hollande hat Präsidenten Putin das Beileid Frankreichs übermittelt. "Es war mir wichtig, dem russischen Volk nach dieser Katastrophe unsere Solidarität auszusprechen", sagte Hollande am Samstag bei einem Besuch der Abtei Mont-Saint-Michel an der Küste der Normandie.

Der Generalsekretär des Europarates in Straßburg, Thorbjørn Jagland, äußerte sich schwer erschüttert. "Dies ist ein schrecklicher Verlust für unser Mitgliedsland Russland", sagte Jagland. Im Namen des Europarates und aller seiner Mitgliedsstaaten sprach er den Russen seine tiefste Trauer und sein Mitgefühl aus.

Die Regierung in Moskau hat nach dem Absturz diesen Sonntag zum Tag der Trauer erklärt. Ministerpräsident Dmitri Medwedew nannte den Tod der 224 Menschen an Bord am Samstag einen "nicht gutzumachenden Verlust". Die meisten Opfer seien Russen, einige andere Passagiere stammten vermutlich aus der Ukraine und aus Weißrussland, hieß es.

US-Außenminister John Kerry hat seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow die "tiefste Anteilnahme" der USA ausgesprochen. Die Maschine mit 224 Menschen an Bord war über der Sinai-Halbinsel abgestürzt. Kerry habe Russland bei der Aufarbeitung des Absturzes die Hilfe der Vereinigten Staaten angeboten, sagte sein Sprecher Mark Toner am Samstag

Psychologen betreuten die Hinterbliebenen am Flughafen von St. Petersburg, wo der Airbus 321 aus Ägypten um die Mittagszeit hätte landen sollen. Die Behörden zufolge sollen die Angehörigen an der Unglücksstelle auf der Sinai-Halbinsel Abschied nehmen können. Ein Großteil der Region ist wegen Terrorgefahr allerdings Sperrgebiet.

Die ägyptischen Behörden wollen zunächst die zwei geborgenen Black Boxes auswerten, bevor sie Angaben zur Absturzursache machen.(rtr/dpa)

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