Pjöngjang

Wiedersehen nach 60 Jahren

Familien aus Nord- und Südkorea dürfen sich ein einziges Mal treffen

Pjöngjang. Bilder wie diese bewegen derzeit das ganze Land: Zu sehen ist im südkoreanischen Fernsehen Kim Wu Jong. Der 87-Jährige ist gelähmt, kann sich mit seinem dürren Körper kaum noch aufrecht halten. Sein Gesicht ist tränenüberströmt, als ihm ein Sanitäter die hohen Stufen des Reisebusses hinauf hilft. „Das sind Freudentränen“, beteuert er bei laufender Kamera, krampfhaft um ein Lächeln bemüht. Das sind die letzten Bilder, bevor der Bus in Richtung Norden abfährt. Denn hinter der Grenze sind Kameras nicht mehr erlaubt.

Es sind herzzerreißende Szenen, die sich in diesen Tagen auf beiden Seiten der innerkoreanischen Grenze abspielen. Erstmals seit fast zwei Jahren gibt es zwischen den beiden verfeindeten Staaten auf der koreanischen Halbinsel wieder eine Familienzusammenführung. 390 Personen aus Südkorea durften am Dienstag für zwei Tage nach Nordkorea reisen und in einem abgelegenen Berghotel im Diamantengebirge ihre Ehepartner, Geschwister und Kinder treffen. Gestern kam es zu einer Zusammenführung von weiteren rund 200 Familien. Sie alle haben sich seit mehr als sechs Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Damals hatte der heftige Krieg nicht nur zur Teilung Koreas geführt. Das Waffenstillstandsabkommen von Juli 1953 beendete zwar den brutalen Krieg mit wahrscheinlich mehr als vier Millionen Toten. Es zementierte aber die Teilung und zerriss damit auch Hunderttausende Familien. Das stalinistisch geführte Nordkorea schottete sich komplett ab und gilt bis heute als das Land, das weltweit am schwersten zugänglich ist.

Viele sterben, bevor sie ihre Familie wiedergetroffen haben

Kim Wu Jong ist nun einer der wenigen, die zu einer Familienzusammenführung durften, und traf am Dienstag in dem nordkoreanischen Berghotel für einige Stunden seine etwas jüngere Schwester. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich bin“, hatte Kim vor seiner Abreise gesagt. „Das ist mehr als ein Lottogewinn.“

Genau das war dieser Auswahlprozess auf südkoreanischer Seite auch: eine Lotterie. Emotional eine äußerst grausame. Rund 65.000 Bewerber gab es auf südkoreanischer Seite. Nur rund 700 wurden nach einem Lotterieverfahren ausgewählt. Die meisten von ihnen sind über 80. Um zu prüfen, ob sie auch reisetauglich sind, mussten sie sich zusätzlich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Das reduzierte die Zahl weiter.

Jenseits der Grenze mussten wiederum die nordkoreanischen Behörden die Verwandten ausfindig machen. Da die durchschnittliche Lebenserwartung in dem völlig verarmten Nordkorea bei unter 70 Jahren liegt, leben viele Angehörige nicht mehr. Doch auch auf südkoreanischer Seite sinkt die Zahl rapide. Pjöngjang und Seoul hatten sich 2001 auf einem historischen Gipfel zwischen Nord und Süd erstmals auf die Familientreffen verständigen können. Als Nordkorea vor 15 Jahren dann zum ersten Mal eine Familienzusammenführung zuließ, gab es in Südkorea noch mehr als 130.000 Bewerber.

Nun sind es nicht einmal mehr die Hälfte. Nach Angaben des Roten Kreuzes versterben jedes Jahr rund 3600 Angehörige – zehn Südkoreaner pro Tag, die ihre Angehörigen nie mehr wiedersehen konnten. Auf nordkoreanischer Seite dürften nur noch wenige Tausend Angehörige am Leben sein.

Doch auch wer ausgewählt wurde, gehört nicht wirklich zu den Glücklichen. Für zwei Tage wurden Kim Wu Jong und die anderen Familien in das nordkoreanische Hotel am Berg Kumgang geladen. Ein Gespräch unter vier Augen war aber nur am ersten Tag für lediglich zwei Stunden möglich. Bei den weiteren beiden Begegnungen mussten die sich Vereinten einer Propagandashow des nordkoreanischen Regimes unterziehen. Zugleich wissen die Ausgewählten: Diese Reise ist die einzige und letzte Chance, sich überhaupt wiederzusehen: Wer einmal teilgenommen hat, darf sich nicht ein weiteres Mal bewerben.

Wer einmal zum Treffen durfte, kann sich nie wieder bewerben

Der Sonderermittler der Vereinten Nationen, Michael Kirby, hat in diesem Zusammenhang erst vor Kurzem der nordkoreanischen Führung erneut „extreme Grausamkeit“ vorgeworfen. Kirby, der im Auftrag des UN-Menschenrechtsrates tätig ist, bezeichnete dieses Vorgehen als eine „Verletzung elementarer Menschenrechte“.

Solange die Führung in Pjöngjang den Betroffenen das Grundrecht der Familien auf Zusammenführung verweigert, sollte es seiner Ansicht nach auch solche Wiedersehensmöglichkeiten nicht geben. Denn durch ein solches „Lotteriespiel“ würden bei vielen Menschen „brutale Seelenqualen“ ausgelöst, warnte Kirby.

Der 87-jährige Kim Wu Jong konnte es dennoch kaum erwarten, seine kleine Schwester endlich wiederzusehen. „Mein Bruder und ich brachten sie abwechselnd zum Kindergarten“, wird er in südkoreanischen Medien zitiert. „Ich werde ihr sagen, dass wir so lange wie möglich leben müssen, um uns noch einmal zu sehen.“