Sea-Watch-Schlauchboot

Hohe Wogen um Flüchtlingsboot-Aktion auf der Spree

Auf der Spree ist ein Schlauchboot etwas anderes als auf dem Mittelmeer: Ein Flüchtlings-Selbsterfahrungstrip am Kanzleramt geht baden.

Sea Watch wollte Politiker durch seine Schlauchboot-Aktion nachempfinden lassen, wie sich Flüchtlinge auf hoher See fühlen.

Sea Watch wollte Politiker durch seine Schlauchboot-Aktion nachempfinden lassen, wie sich Flüchtlinge auf hoher See fühlen.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Berlin. Dicht an dicht gedrängt stehen sie da. Viel zu viele Menschen für das kleine, nicht seetaugliche Schlauchboot. Eine lebensgefährliche Überfahrt? Eigentlich schon. Doch nicht in diesem Fall. Denn das Schlauchboot schwimmt: auf der Spree. Was gut gemeint war und sensibilisieren sollte, kommt jetzt schlecht an.

Die Flüchtlingsinitiative Sea Watch wollte Politiker, Journalisten und andere Interessierte am eigenen Leib erfahren lassen, wie sich Tausende Menschen bei ihrer Flucht auf dem Mittelmeer fühlen müssen. Deshalb lud sie zu einer Selbsterfahrungsfahrt auf die Spree ein. Spiegel Online veröffentlichte ein Video von der Schlauchbootfahrt.

„Ein ekelhaftes, beschämendes Theater“

Lächerlich, überflüssig, zynisch, geschmacklos – diese Kritik überwiegt in den Kommentaren auf Facebook und Twitter zur Schlauchbootfahrt. „Damit ist dann auch das letzte Stück Verstand über Board gegangen“, kommentiert ein Facebooknutzer. Das Leid, die Gefahr, die Not der Menschen auf See lasse sich nicht ansatzweise nachvollziehen. Die Fahrt auf der Spree verhöhne die Menschen, die bei der Überfahrt ums Leben kamen. „Das ist eine Ohrfeige für Flüchtlinge!“, regt sich eine Facebooknutzerin auf. Ein anderer: „Ein ekelhaftes, beschämendes Theater.“

Das Schlauchboot, das Sea Watch für die Spree-Aktion nutze, ist ein echtes Flüchtlingsboot. Bei einem Einsatz im Juli hatten es Sea-Watch-Aktivisten mit rund 120 Menschen aus Afrika vor der Küste Libyens gerettet. Die Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten und gleichzeitig die Öffentlichkeit über die Gefahren und Umstände der Flucht aufzuklären.

Mit 120 Personen, wo nur Platz für 20 ist

Deshalb lud Sea Watch Politiker, Journalisten und andere Interessierte zu der Fahrt auf der Spree ein. Ruben Neugebauer von Sea Watch erklärte: „Die Zustände auf diesen Booten sind meist desolat.“ Auf Booten, die für 30 Personen ausgelegt sind, werden 120 Personen zusammengepfercht, erläuterte ein weiterer Sea Watch-Sprecher. Aus Platzmangel müssten die Leute stehen. „Dazu sind sie extremer Sonneneinstrahlung ausgesetzt, manche müssen tagelang auf diesem Boot ausharren.“

Mit der Aktion wollte die Flüchtlingsinitiative Sea Watch nicht nur aufklären. Gedacht war sie auch als Protest gegen die Entscheidung, 950 Bundeswehrsoldaten in den EU-Einsatz gegen Schlepper zu schicken. Ein bewaffneter Einsatz gegen Schleuserbanden sei nicht die richtige Antwort auf die Katastrophe vor Libyens Küste, heißt es bei Sea Watch.